Armenbegräbnis Heilbronn (Foto: SWR, Simon Bendel)

Ökumenischer Arbeitskreis Armenbegräbnis

Heilbronner Detektivarbeit für einen Abschied in Würde

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Im Jahr 2023 wird der Arbeitskreis Armenbegräbnis in Heilbronn 15 Jahre alt. Die Mitglieder suchen zum Beispiel nach Angehörigen und Bekannten einsam Verstorbener.

Im Jahr 2022 hat das Heilbronner Ordnungsamt bis Juli 46 Bestattungen angeordnet. Die Zahl schwankte in den letzten fünf Jahren zwischen 44 und 51. "Häufigster Grund, warum sich Angehörige weigern, sich um die Bestattung zu kümmern, sind schwierige Familienverhältnisse", so Stadtsprecherin Claudia Küpper.

Seit 2008 kümmert sich der ökumenische Arbeitskreis Armenbegräbnis in Heilbronn darum, dass niemand einsam beigesetzt werden muss. Die Mitglieder versuchen Verwandte und Bekannte der Verstorbenen ausfindig zu machen. "Vielleicht kommt jemand vom ehemaligen Arbeitgeber, kannten ihn Leute von früher", sagt Martin Heier von der Friedhofsverwaltung. Es sei ein Stück weit Detektivarbeit, was der Arbeitskreis da leiste. "Es gibt einen E-Mail-Verteiler an die Hilfseinrichtungen der Stadt, der abgefragt wird", sagt Diakon Johannes Bläsi. Eine Recherche bei Facebook machen sie bislang nicht.

Es geht um einen Abschied in Würde

Bis es den Arbeitskreis gab, habe ein Mitarbeiter des Friedhofs quasi in der Latzhose und mit der Schubkarre die Urne beigesetzt, erzählt Bläsi. Mittlerweile habe der Mitarbeiter immer eine Uniform an. Es sind nicht nur Obdachlose oder Leute aus der Drogenszene, die einsam sterben, meint Heier. Auch seien längst nicht alle arm. Es gehe auch um sozial verwaiste Menschen.

Manchmal lebe einfach kein Angehöriger mehr oder die Person lebte sehr zurückgezogen, zum Beispiel aufgrund einer psychischen Krankheit. Es gibt eine kurze Zeremonie in der Aussegnungshalle und dann den Gang zum Gräberfeld des Ordnungsamts. Gesungen werde selten, aber er habe auch schon mal Gitarre gespielt, schildert Diakon Bläsi.

"Auch bei Menschen mit sehr schwierigen und leidvollen Lebensläufen gibt es Punkte, wo sie geglänzt haben, und es ist mir ein Anliegen diese Situationen noch mal zum Leuchten zu bringen."

Die richtigen Worte finden ist manchmal ein Spagat

Für den katholischen Diakon Bläsi ist es teilweise ein Spagat, die richtigen Worte zu finden. Manchmal gab es Streit oder Gewalt in der Familie, sagt er. Vielleicht war derjenige aus der Kirche ausgetreten, gehört einer anderen Konfession oder Religion an. "Ich äußere dann am Grab meine Hoffnung, ich will ihn nicht vereinnahmen", sagt er. Meistens komme er mit den Angehörigen ins Gespräch, da habe es auch schon sehr berührende Momente gegeben.

Arbeitskreis wünscht sich Stele mit Namen der Toten

Zum 15-jährigen Jubiläum soll es eine Gedenkveranstaltung im Oktober 2023 am Tag der Armut geben. Am Gräberfeld ist eine Zeremonie mit Bläsern und Vertretern aus Politik, Medien und Gesellschaft geplant. Bislang wirkt das Gräberfeld sehr anonym, deshalb wäre eine Stele, in die die Namen der Verstorbenen eingraviert werden können, schön, so Bläsi. Vielleicht finde sich ja ein Künstler und oder ein Spender, der diese Arbeit unterstützt.

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