Neugeborenes, Baby (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Jörg Carstensen)

Vertrauliche Geburt soll solche Fälle verhindern

Neugeborenes in Schwäbisch Hall ausgesetzt trotz Hilfsangeboten

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Die Polizei sucht noch immer nach den Eltern des neugeborenen Babys, das vergangene Woche bei Schwäbisch Hall ausgesetzt wurde. Hilfsangebote sollen solche Fälle verhindern.

Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen, nachdem am vergangenen Dienstag Fußgänger einen Säugling auf einem Feldweg in Schwäbisch Hall-Hessental gefunden haben. Auch eine Woche nach dem Fund liegen noch keine Hinweise vor, wer die Eltern sein könnten oder warum das Kind ausgesetzt wurde, teilt die Polizei auf SWR-Anfrage mit.

Diakonie bietet Hilfe bei vertraulicher Geburt

Die Gründe, ein Neugeborenes auszusetzen, sind vielfältig. Um so etwas aber von vornherein zu verhindern, existieren auch in Heilbronn-Franken Hilfsangebote. Der Diakonieverband Schwäbisch Hall bietet Beratungen und konkrete Hilfen an, sagt Friedlind Verleger: "Das Gesetz zur vertraulichen Geburt soll sicherstellen, dass die abgebende Mutter sicher entbinden kann und das Neugeborene medizinisch versorgt werden kann." Sowohl bei der Beratung, als auch bei der Geburt im Krankenhaus müssen keine persönlichen Daten angegeben werden. Auch die Krankenkassenkarte muss nicht vorgelegt werden, so Verleger, die anfallenden Kosten werden übernommen.

Schwangere können anonym ihr Kind bekommen

Betroffene finden nicht nur Hilfe bei der Diakonie, sondern erfahren auch, dass sie nicht alleine sind. So veröffentlichte die Diakonie Württemberg beispielsweise ein anonymes Interview über die "Vertrauliche Geburt: Marie erzählt ihre Geschichte". Eine Leidensgenossin spricht über ihr eigenes Schicksal.

"Im Krankenhaus haben sie sich wirklich sehr schön an alles gehalten. [...] Ich wurde dann trotzdem kurz gefragt, ob ich ihn denn sehen möchte, ich habe aber nein gesagt und das wurde dann auch akzeptiert. Es ist nichts passiert, was ich nicht wollte."

Kinder sollen den Namen der Mutter erfahren

Im Gegensatz zu einer Babyklappe erhält die werdende Mutter bei der anonymen Geburt schon in der Schwangerschaft Unterstützung und kann ihr Kind sicher auf die Welt bringen. So sollen Risiken für beide minimiert werden. "Das ist eine Lebensentscheidung, auch eine lebensprägende. [...] Heute würde ich sagen, dass ich es nicht bereue", erzählt "Marie" in dem Interview mit der Diakonie.

Begleitet wird die Mutter dabei auch eine Zeit lang nach der Geburt. Falls man die Entscheidung doch bereut, kann Kontakt zum Kind hergestellt werden. Die Mutter kann ihr Kind zurückerhalten, allerdings nur bis es adoptiert wurde, was meist etwa ein Jahr dauert, sagt Verleger.

Auch wenn eine vertrauliche Geburt anonym passiert und auf die Mutter keinerlei Verpflichtungen zukommen, sollen die Kinder später eine Möglichkeit erhalten, den Namen der Mutter zu erfahren. Dafür muss diese nur der Betreuerin, zum Beispiel Friedlind Verleger, ihren Namen offenbaren. Diese Information wird dann beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben gespeichert, das Kind kann nach 16 Jahren eine Auskunft erhalten.

Ein Baby streckt seine Finger in die Luft (Foto: SWR)
Ausgesetzte Neugeborene schweben in Lebensgefahr wenn sie nicht schnell versorgt werden

Trotz Angebots werden Babys ausgesetzt

Der aktuelle Fall aus Schwäbisch Hall-Hessental zeigt jedoch, dass auch dieses Angebot nicht verhindern kann, dass Neugeborene ausgesetzt werden.

"Ich bin selber etwas schockiert, dass es so passiert ist, weil ich gehofft hatte, dass es sehr bekannt ist."

Als mögliche Gründe für das Aussetzen sieht Verleger zum Beispiel eine überraschende Geburt, es gebe Frauen die eine Schwangerschaft bis zuletzt nicht wahrnehmen. Von der Geburt werden diese Frauen dann so überrumpelt, dass sie völlig überfordert das Kind aussetzen, so Verleger.

"Es gibt so viele Optionen, von denen man nichts weiß. [...] Und die Beratung war in der Situation das beste, was mir hätte passieren können."

Über 800 vertrauliche Geburten in sieben Jahren

Bundesweit wurden in den vergangenen sieben Jahren gut 800 vertrauliche Geburten durchgeführt, 55 davon in Baden-Württemberg, so Verleger. Dabei gebe es keine einheitlichen Gründe bei den Frauen, neben Ängsten, einer Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung oder religiösen Hintergründen sind viele von außen oft nicht ersichtliche Gründe vorhanden.

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