Vom einfachen Hustensaft über Krebsmedikamente: Lieferengpässe erschweren Patienten, Ärzten und Apothekern den Alltag (Foto: SWR)

Schmerz- und Fiebermedikamente sowie Antibiotika fehlen

Heilbronner Apotheker: Arznei-Notreserve bringt derzeit nichts

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Peter Wedig
Harald Holz

Einige Medikamente werden auch rund um Heilbronn knapper. Apotheker betreiben großen Aufwand, um Arzneimittel zu besorgen. Viele halten aber eine Notreserve nur für einen Lösungsansatz.

In den Apotheken in der Region Heilbronn-Franken wird eine Reihe von Medikamenten immer knapper. Insbesondere Schmerz- und Fiebermedikamente, aber auch Antibiotika sind rar oder gar nicht verfügbar. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) hatte am Mittwoch in Stuttgart darauf gedrängt, eine nationale Arzneimittel-Notreserve anzulegen.

Josef Wagner aus Schwäbisch Hall betreibt drei Apotheken in der Stadt und sieht eine Notreserve kritisch. Sie sei nur ein Lösungsansatz für die Zukunft.

"Für die jetzige Phase wird es uns nichts bringen. Das ist eine Perspektive."

Notreserve ist wichtig, kommt aber zu spät

Dieter Harfensteller, Apotheker in Heilbronn, sieht die Lage genauso. Er fordert schon lange eine Notreserve. Wenn aber nichts mehr da ist, sei es eben zu spät.

Bis neue Produktionsanlagen gebaut seien, würde es Jahre dauern - alleine schon durch den bürokratischen Aufwand. Insofern sei die Forderung der KVBW zwar absolut richtig, am aktuellen Mangel ändere das aber nichts.

"Es hilft im Moment nicht. Weil ich einfach nichts aus den Rippen zaubern kann, wenn erst einmal die Möglichkeiten der Produktion gar nicht da sind."

Medikamentenmangel zwingt zur Improvisation

Wagner mischt in seinen drei Apotheken in Schwäbisch Hall schon einige Medikamente selbst, die überhaupt nicht verfügbar sind. Zum Beispiel Ibuprofensäfte für Kinder. Ansonsten betreibt er einen Riesenaufwand, um fehlende Medikamente bei Kollegen und Großhändlern herbeizuschaffen. "Wer hat noch was? Wie kann man was woher beschaffen?", sind seine täglichen Fragen. Das sei der neue Alltag. Zuvor konnten Medikamente problemlos am Morgen per Knopfdruck bestellt und schon am Mittag vom Patienten abgeholt werden. 

Auch in Heilbronn ist Improvisation angesagt. Antibiotika in Dosierungen für Kinder seien gerade schwer zu bekommen, so Dieter Harfensteller. In Absprache mit den Ärzten müsse man auf Tabletten für Erwachsene ausweichen, zumindest sofern sich diese problemlos in kleinere Portionen aufteilen lassen. Das sei aber nicht immer der Fall, wenn zum Beispiel die Hülle des Medikaments dabei zerbreche.

Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten müsste reduziert werden

Anstatt einer nationalen Arzneimittel-Notreserve wünscht sich Wagner, dass die Abhängigkeiten von ausländischen Lieferanten reduziert werden. Manche Wirk- und Rohstoffe kommen zu 90 bis 100 Prozent aus China oder Indien. Die geforderte Arzneimittel-Notreserve sei zwar gut, reiche aber auch für die Zukunft nicht aus.

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