Kundgebung an umstrittenem Soldatengrab in Neudenau-Herbolzheim (Kreis Heilbronn) (Foto: SWR)

Umwandlung in Friedensmahnmal gefordert

Angespannte Stimmung bei Kundgebung an umstrittenem Soldatengrab in Neudenau

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Rund 50 Menschen haben sich am Sonntag an einem Soldatengrab in Neudenau-Herbolzheim (Landkreis Heilbronn) zu einer Kundgebung versammelt. Hintergrund ist eine umstrittene Tafel.

Das Bündnis "Wehret den Anfängen" um den Schwaigerner Gunter Haug hatte am Sonntag, den 8. Mai, zu einer Kundgebung am sogenannten "Heldengrab" in Herbolzheim aufgerufen. Begraben liegen dort vier ehemalige SS-Leute, drei sind namentlich bekannt, einer unbekannt.

Das Datum des Kriegsendes 1945 habe man bewusst gewählt, auch auf die Gefahr hin, dass wegen des Muttertages und anderer Veranstaltungen weniger Leute kommen, so Haug.

Vorne eine Tafel mit den Namen der hier begrabenen Männer, die man auch im vorbeigehen sehen kann (Foto: SWR)
Vorne eine Tafel mit den Namen der hier begrabenen Männer, die man auch im vorbeigehen sehen kann

Tafel von SS-Bruderschaft als Anstoß

Bereits 1958 Jahre wurde am Grab von der "Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS" (HIAG) eine Tafel mit der Aufschrift "Treue um Treue den Opfern der Kriege" angebracht. Die HIAG ist eine ehemalige SS-Bruderschaft, der Spruch "Treue um Treue" seit 2014 bei der Bundeswehr verboten, da er in Zusammenhang mit der Wehrmacht steht.

Die umstrittene Tafel der HIAG ist hinter dem Grab angebracht und kann leicht übersehen werden (Foto: SWR)
Die umstrittene Tafel der HIAG ist hinter dem Grab angebracht und kann leicht übersehen werden

Daran stört sich das Bündnis "Wehret den Anfängen", ebenso das "Netzwerk gegen Rechts Heilbronn" und die Initiative "Heilbronn sagt Nein", die auch an der Veranstaltung teilnahmen und das Bündnis unterstützen. Angesichts des Mordes an der Polizistin Michèle Kiesewetter durch den Nationalsozialistischen Untergrund, dem Mord am ehemaligen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU), rechtsradikale Konzerte in Bobstadt (Main-Tauber-Kreis) und den jüngsten SEK-Einsatz ebendort, bei dem ein ganzes Waffenlager gefunden wurde, dürfe man die Augen nicht verschließen, sagte Gunter Haug zur Eröffnung der Kundgebung.

Umgestaltung zu Friedensmahnmal

Seine Forderung ist klar: Die Tafel der HIAG, die 1994 von der Traditionsgemeinschaft ehemaliger Soldaten (TGS) erneuert wurde, soll entfernt werden. Das Soldatengrab soll ein Friedensmahnmal werden. Am Grab selbst wolle man nichts ändern, so Haug. Doch müsse man vom Begriff des "Heldengrabes" wegkommen.

"Die wurden verheizt, waren Kanonenfutter. Da ist nichts Heldenhaftes dran."

In Neudenau habe eine schreckliche Schlacht stattgefunden, als der Krieg eigentlich schon verloren gewesen war, erklärte Michael Oschwald, der sich seit mehreren Jahren mit dem Grab beschäftigt und dessen Geschichte recherchiert hat. Der Bürgermeister zur damaligen Zeit habe die weiße Fahne hissen wollen, die SS habe ihm daraufhin mit Erschießung gedroht und bis zuletzt gekämpft. Dabei seien auch die vier hier bestatteten Männer ums Leben gekommen.

Man müsse an den Mut des Bürgermeisters erinnern, an den Tod der Männer, einer kaum 18 Jahre alt, und an die Befreiung Deutschlands vom Nazi-Terror, so Oschwald. Auch für ihn ist der Begriff des "Heldentums" aber der falsche.

Treffpunkt von Alt- und Neo-Nazis

In seiner Rede erklärte Oschwald, dass sich an dem Grab auch regelmäßig Alt-Nazis und Neo-Nazis zu Gedenkveranstaltungen treffen, etwa zu Hitlers Geburtstag am 20. April oder zum Volkstrauertag. Zuletzt belegt wohl 2019. Zeugen, die diese Treffen beobachten wollten, seien angegangen und bedroht worden, heißt es. Namentlich benannt werden möchten diese Zeugen deshalb nicht.

Das umstrittene Soldatengrab in Neudenau-Herbolzheim (Kreis Heilbronn) selbst (Foto: SWR)
Das Grab selbst. Es soll allerdings nicht verändert werden, sondern nur eine andere Bedeutung bekommen und mit Informationen auf die schrecklichen Ereignisse, die 1945 hier stattgefunden haben, hinweisen.

Kränze mit dem Symbol der SS-Panzergrenadier-Division Götz von Berlichingen, der die hier begrabenen Männer im zweiten Weltkrieg angehört hatten, seien auch niedergelegt, allerdings nicht von der Stadt entfernt worden. Das hätten Privatleute getan.

Zwischenrufe und Handyvideos

Zu der Veranstaltung kamen rund 50 Menschen. Nicht alle teilten die Meinung des Bündnisses. Immer wieder gab es Zwischenrufe von rund 15 Personen, etwa als die Rede davon war, dass bei Treffen von Neo-Nazis am Grab das 1.600 Seelen-Dorf Herbolzheim komplett zugeparkt gewesen sei. Das sei schlichtweg nicht der Fall gewesen, war zu hören. Der Zwischenrufer sagte, er sei Bürger von Neudenau-Herbolzheim, ihm sei davon nichts bekannt.

Nicht alle waren der Meinung des Bündnisses "Wehret den Anfängen", Handyvideos sollten wohl als Provokation dienen, so Gunter Haug (Foto: SWR)
Nicht alle waren der Meinung des Bündnisses "Wehret den Anfängen", Handyvideos sollten wohl als Provokation dienen, so Gunter Haug

Auch Joachim Wagenblast aus Herbolzheim meldete sich zu Wort. Er sagte, auch er kenne das Grab schon aus Kindertagen. Sein Vater sei 1945 zwölf Jahre alt gewesen und habe von den Ereignissen erzählt. Dass sich hier Neo-Nazis treffen, davon sei auch ihm nichts bekannt. Die Tafel der HIAG entfernen, das könne man schon machen, aber das Grab solle so bleiben, wie es ist. Zu den Kränzen sagte er, es sei ihm bekannt, dass es die gegeben habe, aber was wolle man da machen?

Drei der Zwischenrufer filmten die ganze Veranstaltung mit dem Handy, wollten in den Augen von Gunter Haug provozieren. Sie könnten ruhig filmen, "wir haben nichts zu verbergen, wir sind Demokraten", so Gunter Haug im Anschluss an die Veranstaltung. Die Stimmung war zu diesem Zeitpunkt angespannt, niemand der Zwischenrufer hatte sich bereit erklärt, ausführlicher ans Mikro zu treten.

Bürgermeister äußert sich erstmals öffentlich

Bürgermeister Manfred Hebeiß (CDU) äußerte sich im Gespräch mit dem SWR erstmals öffentlich zum Grab. Ihm sei zwar bekannt, dass es in den 1960er und 70er Jahren Kranzniederlegungen durch die HIAG gegeben habe, sagte Hebeiß.

"Dass dort in jüngster Zeit irgendwelche Treffen oder Veranstaltungen gewesen wären, da ist uns nichts bekannt und auch nicht den Stellen bei der Polizei."

Das Bündnis sagt, es sei schon oft an den Bürgermeister herangetreten, habe ihm zahlreiche Termine genannt, zu denen man sich am Grab treffen, die Tafel in Augenschein nehmen und darüber hätte diskutieren können. Stattgefunden habe ein solches Treffen bisher allerdings nicht.

Bürgermeister Hebeiß entgegnet dem – und das könne er belegen – Einladungen seien nur zu Veranstaltungen des Bündnisses in Heilbronn oder Leingarten eingegangen. Wenn man sich treffen und darüber reden wolle, könne man dazu gerne einen Termin im Rathaus Neudenau vereinbaren, so Hebeiß.

Bürgermeister war selbst noch nicht am Grab

Hebeiß sagt außerdem, dass er in seinen 23 Jahren als Bürgermeister der Stadt Neudenau noch nicht am betreffenden Grab gewesen sei. Es habe aus seiner Sicht dazu bisher keinen Anlass gegeben. Er befürchte außerdem, dass sein Besuch "von irgendwelchen Personen" politisch aufgeladen werden könnte. Die Tafel gehe die Stadt vom Grundsatz her außerdem nichts an, da sie von der HIAG dort angebracht wurde.

Vom Landratsamt sei man angehalten "unnötige Ausgaben zu vermeiden", so Hebeiß. Unnötig seien die Ausgaben für die Entfernung der Tafel deshalb, weil es keine Pflichtaufgabe der Gemeinde sei. Gerne könnten Herr Haug oder das Bündnis Spenden sammeln und sich mit ihm zusammensetzen. Dann könne man über eine Entfernung reden.

Versäumnisse auch beim Landkreis und dem Land?

Das Bündnis "Wehret den Anfängen" und allen voran Gunter Haug bemängeln, dass weder das Landratsamt noch das Regierungspräsidium einschreiten, wenn sich der Bürgermeister in seinen Augen einem Gespräch und der Entfernung der Tafel der HIAG verweigert.

Das Landratsamt verweist auf Anfrage an die Stadtverwaltung, die Zuständigkeit liege dort. Das Regierungspräsidium Stuttgart teilt schriftlich mit, zwar gebe es eine Förderung in Höhe von "jährlich insgesamt 563,77 Euro aus Bundesmitteln als allgemeine Pauschale für Pflege und Instandhaltung". Diese umfasse aber "lediglich das Grab selbst, nicht aber den Gedenkstein der HIAG".

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