Kolumne zur BUGA in Heilbronn Begegnung im Dahliengarten

Abseits von brandaktuellen News über die Bundesgartenschau (BUGA) in Heilbronn hat SWR-Kolumnistin Ina Beck ihren ganz eigenen Blick auf Blumen und Menschen – diesmal jedoch hat sie eine seltsame "Begegnung im Dahliengarten".

Dauer

Entspannt lehne ich mich nach diesem Gespräch in den Liegestuhl zurück und sehe vor meinem inneren Auge immer noch diese phantastische Pracht der "Königin des Herbstes", wie BUGA-Chefgärtner Rüdiger Eckhardt die Dahlie liebevoll nennt.

Gefüllte Orchideendahlien, Hirschgeweihdahlien, Kaktusdahlien, Stellardahlien, Pompon- oder Balldahlien - die Fülle ist kaum zu fassen... in rot, orange, gelb, grün, indigo, violett...

Zurück in die Vergangenheit

Moment, das sind doch die Farben des Regenbogens, denke ich. Nur Blau fehlt und genau in diesem Moment verdunkelt ein Schatten die Abendsonne, die mir so angenehm warm ins Gesicht scheint. Es ist auch merkwürdig still geworden im Dahliengarten auf der BUGA. Ich schiebe mir die Sonnenbrille ins Haar, schaue auf und traue meine Augen nicht: Vor mir steht ein stattlicher Mann, der anscheinend aus der Zeit gefallen ist.

Bekleidet mit einem Hof-Frack, Kniebundhosen, Beinkleidern und Spangenschuhen. Volles, etwas welliges nackenlanges Haar. Glänzende dunkle Augen, die mich mitten in der Bewegung festhalten.

Farbenpracht im Dahliengarten auf der BUGA (Foto: SWR)
Farbenpracht im Dahliengarten auf der BUGA

"Ich war eben noch auf dem Wartberg, mit dem Bruder meines Wirtes."  Der Mann spricht eindeutig mit sich selbst.  "Von dort oben habe ich einen Regenbogen gesehen, dem hat die Farbe Blau gefehlt. Und nun stehe ich hier, vor Blumen, die ich noch nie gesehen habe. Ich träume, oder? Aber ich will eine haben."

In dem Augenblick, in dem er die Dahlie unmittelbar neben mir pflücken will, ist der Mann spurlos verschwunden.

Johann Wolfgang von Goethe und die Dahlien

Ich blicke völlig verblüfft nach rechts: Rüdiger Eckhardt liegt noch immer im Stuhl neben mir, ich höre Tine Rotters Lachen, eine gemurmelte Antwort von Jürgen Härpfer. Die beiden SWR-Techniker haben an diesem Abend die Kolumne gefilmt. Ich schaue ungläubig auf die Uhr. Keine zwei Minuten hatte ich die Augen geschlossen und anscheinend Johann Wolfgang von Goethe gesehen - als er am 28. August 1797 in Heilbronn war. 

Zu diesem Zeitpunkt gab es in Goethes Gärten in Weimar - weder im Gartenhäuschen im Park an der Ilm, noch im Haus am Frauenplan - keine Dahlien. Die Samen hat Alexander von Humboldt erst ein paar Jahre später von einer Mexico-Reise mitgebracht.

Aber Goethe war der Faszination dieser Georgine, wie die Dahlie damals genannt wurde, schnell erlegen. Bereits 1814 wuchs sie in seinem Garten. Er bezog sie über den Meistergärtner August Friedrich Dreyssig aus Tonndorf, knapp 20 Kilometer von Weimar entfernt. Dreyssig hatte seinerzeit bereits 42 Sorten, davon 17 gefüllte, im Angebot. Eine war sogar namentlich dem Dichterfürsten und Botaniker Goethe gewidmet. Die habe ich allerdings nirgendwo mehr finden können.

Dem Gartenzauber erlegen

Auf dem Weg zum Stadtdschungel, wo wir noch eine Kolumne aufnehmen wollen, bin ich ziemlich still. Tine und Jürgen plaudern angeregt mit Chefgärtner Rüdiger Eckhardt.

Hatte ich eine 222 Jahre alte Begegnung? Oder hat nur wieder die Linde geträumt?

In einem magischen Garten wie der BUGA in Heilbronn scheint alles möglich zu sein.

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