Hand von jüngerer Person hält Hand von älterer Person (Foto: dpa Bildfunk, Holger Hollemann)

Häusliche Betreuung

Plötzlich Pflegefall: Was Angehörige und Betroffene beachten müssen

STAND
AUTOR/IN
Maximilian Münster

Wird ein Mensch pflegebedürftig, überfordert das Betroffene meistens. Krankenkassen pochen daher auf ein gebündeltes Informationsangebot. Was bei einem plötzlichen Fall zu tun ist.

Die Pflegebedürftigkeit kommt oft unerwartet. Gerade im häuslichen Umfeld fordert sie Betroffene und Angehörige heraus. Welche Unterstützungen gibt es und wie kommt man an sie ran? Welche Pflegedienstleistungen zahlt die Kasse? Die Fragen zu Anfang der Betreuung überforderten Menschen oft, sagt Nicole Battenfeld, Sprecherin der Techniker Krankenkasse (TK) dem SWR. Krankenkassen pochen deshalb auch auf eine Plattform, die Informationen zur Pflege im Land bündelt.

Angehörige besonders belastet

Die Hauptlast der Pflege würden die Angehörigen tragen, heißt es von der TK. Demnach wurden in Baden-Württemberg laut Statistischem Landesamt 2019 fast 80 Prozent der rund 470.000 Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. "Manche Angehörige kostet es zunächst Überwindung, Hilfe von Außen bei der Pflege ihrer Liebsten zu beanspruchen. Diese muss man ermutigen, auf sich selbst zu achten und Entlastung zuzulassen", sagt Battenfeld. Gerade am Anfang falle es Menschen schwer, den Überblick über alle Leistungen und Angebote zu behalten, so Battenfeld.

Pflegestützpunkte kontaktieren

Wird ein Mensch pflegebedürftig, sind die örtlichen Pflegestützpunkte Anlaufstellen, wenn es um Hilfe und Beratung geht. "Wir geben Auskunft, welche ambulanten Dienste es vor Ort gibt, vermitteln ein passendes Pflegeheim oder einen Hausnotruf", nennt Bettina Monte Beispiele. Sie arbeitet seit neun Jahren im Pflegestützpunkt in Stuttgart. Privatversicherte könnten sich außerdem an die Beratung von "compass" wenden. Eine kostenfreie Beratung gibt auch das Bundesfamilienministerium mit dem Pflegetelefon unter 030 / 201 791 31. Außerdem gibt es Rat bei sozialen Einrichtungen wie AWO, Caritas oder DRK.

Pflegegrad feststellen lassen

Zunächst gehe es darum, den Pflegegrad des Menschen feststellen zu lassen. Das müsse bei den Pflegekassen der Krankenkassen beantragt werden, die dann den Medizinischen Dienst Baden-Württemberg damit beauftragen. Der Dienst schätze die Bedürftigkeit ein und gebe der Kasse eine Empfehlung, in welchen der fünf Grade die oder der Betroffene eingestuft werden solle. Letztlich bemesse sich danach die Höhe des Pflegegeldes - der Unterstützung der Kassen, über welche die zu pflegende Personen und Angehörige dann frei verfügen könne. Laut Gesetz soll der Pflegebedarf damit gedeckt werden. Der Grad entscheide auch über die Höhe der Pflegesachleistungen. Das sei die Hilfsleistung, die für professionelle Kräfte wie ambulante Pflegedienste eingesetzt werde. Sie könne von den Anbietern direkt mit den Kassen verrechnet werden. Anspruch auf Pflegegeld und -Sachleistung bestehe erst ab Pflegegrad 2. In Pflegegrad 1 könne der sogenannte Entlastungsbetrag abgerufen werden.

Pflegegrade und monatlich zugehörige Zuschüsse
PflegegeldPflegesachleistungEntlastungsleistung ambulant
1Kein AnspruchKein Anspruch125 Euro
2316 Euro689 Euro125 Euro
3545 Euro1.298 Euro125 Euro
4728 Euro1.612 Euro125 Euro
5901 Euro1.995 Euro125 Euro

Quelle: Verbraucherzentrale - ausführliche Informationen gibt es hier

"Meist kümmert sich das Entlassmanagement in den Krankenhäusern darum, dass der Pflegegrad festgestellt wird", sagt Monte. Parallel dazu werde die häusliche Situation festgestellt: "Ob eine Betreuung zu Hause möglich ist, ob Angehörige in der Nähe leben und sich kümmern können, oder ob es doch einen Heimplatz braucht." Eine zwischenzeitliche Kurzzeitpflege werde zum Beispiel dann nötig, wenn das Zuhause auf die Pflegesituation vorbereitet werden muss. Ist die pflegebedürftige Person zu Hause, berät der Pflegestützpunkt zu allen Fragen rund um Pflege.

Pflegegeld und Sachleistungen kombinieren

Oft kommt es zu Situationen, in denen sowohl Pflegegeld als auch -Sachleistung benötigt wird. Man spreche dann von Kombinationsleistungen, so Monte. Wenn zum Beispiel ein Angehöriger den Betroffenen betreut und dabei zusätzlich Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes in Anspruch genommen wird. Die Hilfen berechnen sich dann anteilig und stehen nicht in voller Höhe zur Verfügung. Nimmt eine Empfängerin oder ein Empfänger 80 Prozent der Sachleistung, etwa für einen ambulanten Dienst in Anspruch, verfügt er oder sie nur noch über 20 Prozent des Pflegegeldes.

Verhinderungspflege beantragen

Neben Pflegegeld und -sachleistungen gibt es weitere Unterstützungen - die jedoch seltener in Anspruch genommen würden. Die Verhinderungspflege etwa: Fallen Angehörige aus, zum Beispiel urlaubsbedingt, übernehme die Kasse die Kosten für eine Ersatzbetreuung für maximal sechs Wochen im Jahr. Dabei würden höchstens 1.612 Euro jährlich getragen. "Einspringen können ambulante Pflegedienste, aber auch Nachbarn oder andere Familienangehörige", so Monte. Die Pflegestützpunkte berieten, wenn man einen Antrag auf Verhinderungspflege stellen wolle, so Monte.

"Viele Menschen nutzen die Verhinderungspflege nicht."

Entlastungsleistungen wenig genutzt

Auch der sogenannte Entlastungsbetrag "ist sicher nicht gut genug bekannt", so Monte. Es gehe um eine Unterstützung in Höhe von 125 Euro monatlich, die Bedürftige zusätzlich zu Pflegegeld und -Sachleistung abrufen könnten, sofern sie zu Hause betreut würden. "Die Leistung kann flexibler eingesetzt werden", sagt Monte. Sie würden jedoch nur für bestimmte Anbieter gelten, etwa der ambulanten Pflege oder Betreuungsgruppen für Demenzkranke zum Beispiel. Welche Leistungen anerkannt werden, erfahre man bei der Krankenkasse oder beim Pflegestützpunkt.

Auch die Techniker Krankenkasse machte kürzlich auf den Entlastungsbetrag aufmerksam. Nur etwas mehr als die Hälfte der Berechtigten im Land (53,3 Prozent) nutzten sie 2020, wie aus einer Auswertung der TK in Baden-Württemberg hervorgeht. Das seien zwar 11,5 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Trotzdem müsse zum einen "noch bekannter werden, dass es diesen Anspruch gibt, zum anderen müssen entsprechende Angebote leichter auffindbar und nutzbar sein", so Nadia Mussa, Leiterin der TK-Landesvertretung.

Ruf nach gebündeltem Informationsangebot

Die TK wertet das Beispiel des Entlastungsbetrags auch als Beleg dafür, dass es mehr Informationsangebote rund um die Pflege braucht. Krankenkassen drängen daher auf eine landesweite "Informationsplattform Pflege". "Welche Pflegedienstleistungen gibt es vor Ort? Wie viele Plätze gibt es noch in den Tagespflegeeinrichtungen? Das sind Informationen, die ein solches Portal dann im Internet zur Verfügung stellen könnte", sagt Battenfeld von der TK. "Für viele wäre das hilfreich." Das Vorhaben werde zwar von mehreren Kassen und Organisationen unterstützt, auch vom Landkreistag, doch momentan fehle es noch an einem Kümmerer, der eine solche Plattform politisch vorantreibt. Lokale Informationsplattformen existieren bereits, etwa im Raum Stuttgart.

Frühzeitig um Vollmacht kümmern

Wichtig sei, sich früh um eine Vollmacht zu kümmern, betont Monte. Eine Bevollmächtigte oder ein Bevollmächtigter sei wichtig, um im Falle des Falles Vertragliches zu regeln. Den Platz in einem Pflegeheim zu organisieren, zum Beispiel. "Am besten macht man sich schon Gedanken, wenn man 18 Jahre alt ist", so Monte.

Mehr zum Thema

Gesellschaft Häusliche 24-Stunden-Pflege – Ausbeutung in der Rundum-Betreuung

Osteuropäische Pflegekräfte, in der Regel Frauen, schuften zu Dumpinglöhnen – außerdem oft illegal. Anders wären sie für viele Familien unbezahlbar. Lässt sich das Pflege-Dilemma lösen?  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Baden-Württemberg

Studie der Hochschule Esslingen BW-Gesundheitsministerium will Pflegeheime besser auf Pandemien vorbereiten

Pflegeheime sind während der Corona-Pandemie mit großen Herausforderungen konfrontiert. Eine Studie aus Baden-Württemberg zeigt nun, woran es dort besonders mangelt.  mehr...

STAND
AUTOR/IN
Maximilian Münster