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Beleidigungen, Bedrohungen, Verabredungen zu Mobbing - Gewalt durch soziale Medien wird zunehmend zum Problem. Schulleiter und Schulsozialarbeiter im Land schlagen Alarm.

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19:30 Uhr
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SWR Fernsehen BW

"Du bist so hässlich, geh sterben!", "Die XXX schlag ich zusammen!", "Ich werd mich an dieser beschissenen Schule rächen, ihr werdet schon sehen...", "Ich zünde deine Familie an": Das sind alltägliche Beleidigungen und Androhungen in Whatsapp-Chats von Klassengemeinschaften in Baden-Württemberg. Gewalt wird Schülern und Lehrern angedroht, Gruppen finden sich zusammen und verabreden sich zum Mobbing. Nacktbilder oder Enthauptungsvideos werden verschickt. Einzelne kündigen Amok an wie jüngst in Pforzheim, wo nach einer entsprechenden WhatsApp-Nachricht eines Zwölfjährigen eine Schule geräumt werden musste. "Die Hemmschwelle über das Smartphone ist extrem niedrig", sagt Schulsozialarbeiterin Monika Kern, die an einer Schule in Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) tätig ist. Und auch das Unrechtsbewusstsein ist nicht mehr da. "'Das war doch alles nur Spaß!' ist die Antwort Nummer Eins, die wir hören, wenn wir eingeschaltet werden", erzählt Kern.

Keiner möchte öffentlich darüber reden

Nimmt das zu? Sind soziale Medien dadurch Gefährder Nummer Eins für Schulfrieden und Unterrichtsablauf geworden - und zwar trotz Handyverbots? SWR Aktuell hat 28 Schulen aller Schultypen in ganz Baden-Württemberg aus der Schuldatenbank des Kultusministeriums ausgewählt und deren Schulleiter angeschrieben, um ein Stimmungsbild zu bekommen. Die meisten bitten um Verständnis, dass sie nicht öffentlich antworten wollen. Auf Nachfrage räumen die meisten Schulleiter ein, dass Gewalt an Schulen durch soziale Medien ein Problem ist. Aber öffentlich dazu äußern will sich niemand. Zu groß ist offenbar die Angst, dass die eigene Schule dadurch ins Gerede kommt und sogar einen Imageschaden erleiden könnte.

"Ich musste dieses Jahr zwei Mal die Polizei wegen einer Bedrohungslage rufen"

Ein Schulleiter eines Gymnasiums in Baden-Württemberg, der anonym bleiben will, bestätigt gegenüber SWR Aktuell, dass die oben geschilderten Szenarien an Schulen in Baden-Württemberg vorkommen. "Die Postings sind oft nicht eindeutig. Aber es sind klare Androhungen einer Gewalttat oder einer Eskalation über soziale Netzwerke, entweder gegenüber Lehrern oder der Schulgemeinschaft. Und bei Mobbing trifft das geschriebene Wort, das 20, 30 Leute lesen, mehr als das gesprochene", sagt er - was dann auch wieder Reaktionen hervorrufen kann, die mehrere als nur den Aggressor treffen. Allein in diesem Jahr habe er aufgrund einer Bedrohungslage gegen die gesamte Schule zwei Mal die Polizei rufen müssen. Und das sei kein Problem der Schulform, der Bildung oder der häuslichen Situation: "Kinder und Jugendliche, die so etwas tun, kommen aus allen Schichten."

Mehr erfasste Bedrohungsdelikte

Auch Zahlen des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg belegen ein zunehmendes Problem mit Gewalt an Schulen durch soziale Medien. Gewaltdrohungen oder Angriffe gegen Sachen oder Gebäude werden für die Polizeiliche Kriminalstatistik zwar nicht erfasst. Aber Bedrohungsdelikte an Schulen, ob durch soziale Medien oder Angesicht zu Angesicht, sind gestiegen. 2014 wurden an öffentlichen Schulen 139 erfasst, an privaten Schulen 7. 2018 verzeichnete die Polizei im Land an öffentlichen Schulen 171 Bedrohungen laut Strafgesetzbuch und an privaten Schulen 19 Fälle. Dabei wurden 27 Lehrerinnen und Lehrer 2014 Opfer dieser Bedrohungen, 2018 waren es 42 Lehrerinnen und Lehrer. Bei Schülern verzeichnet die Statistik 2014 132 Opfer, 2018 194.

Generelle Zunahme von Gewalt

Nicht nur virtuell wird es rauer bei Jugendlichen und Kindern. Soziologen, Gewaltforscher und Kriminologen sehen eine generelle Zunahme von Gewalt - gesamtgesellschaftlich und bei Minderjährigen. Vor allem schnell geäußerte Gewalt, ob verbal oder körperlich, sei wieder ein Problem. Jahrelang ging etwa die Zahl der Straftaten von Kindern, also Unter-14-Jährigen, zurück. Seit drei Jahren aber steigen sie wieder, darunter seien viele Körperverletzungsdelikte. Die Ursachen für die zunehmende Kindergewalt sind noch nicht erforscht. Die Experten sind da gespalten. In den Erklärungsansätzen enthalten: Verrohung von Sprache und Gesellschaft insgesamt, fehlende Erziehung und fehlende Bindungen in der Familie, Gewalterfahrungen in der Familie, zunehmende Empörung und Gewalt im Internet.

Der Schulleiter aus Baden-Württemberg bestätigt das: "Der Umgang miteinander, die Sprache, die Ignoranz der Eltern. Auch wenn ich erlebe, wie Schüler mit ihren Eltern sprechen. Das ist unfassbar. Die beschimpfen ihre Eltern, sie sagen zu denen zum Beispiel 'Halt's Maul!'. Dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn das in der Schule auch so gelebt wird." So, wie sich das Schulsystem in Deutschland entwickelt hat, blieben dann aber ebenfalls Leerstellen. Beispielsweise das Schulsystem in Finnland habe im Vergleich eher den Tenor, dass die Wertigkeit des Menschen in der Gesellschaft eine andere ist, so der Schulleiter. Und das, obwohl "die meisten Schulen hier bei uns eine komplette Präventionsarbeit von Klasse 5 bis 10 haben".

Ein Jugendlicher mit einem Smartphone (Foto: SWR)
Soziologen, Gewaltforscher und Kriminologen sehen eine generelle Zunahme von Gewalt - gesamtgesellschaftlich und bei Minderjährigen (Symbolbild).

Medienkompetenz in der Familie ist oft Fehlanzeige

"Die Eltern sind leider oft das Problem", sagt auch Sabine Engels. Sie ist im Vorstand des Netzwerkes Schulsozialarbeit in Baden-Württemberg und sieht ebenfalls eine Zunahme von Gewalt durch soziale Medien. "Zu den Elternabenden kommen nur die, die sich ohnehin schon mit der Problematik auseinandersetzen. Die anderen erreichen wir leider nicht", sagt sie. Viele wüssten auch gar nicht, was ihre Kinder schreiben oder womit sie in den Klassen-Chats konfrontiert sind. "Die meisten Schüler haben gleich in der 5. Klasse ein Smartphone und damit auch Funktionen, die sie ja noch gar nicht bräuchten", erzählt Engels. "Und wenn ich einen Vater frage, warum sein Kind in Klasse 6 schon Whatsapp nutzt, ob er nicht wüsste, dass das erst ab 16 ist, dann sehe ich in ein ratloses Gesicht und ernte Schulterzucken."

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Permanenter psychischer Stress

Die Experten im Netzwerk Schulsozialarbeit sehen vor allem zwei Ausformungen von sozialer Gewalt als problematisch an. Zum einen die Klassen-Chats über Whatsapp in den Klassenstufen 5 bis 7. "Da werden Einzelne systematisch fertig gemacht oder auch ausgeschlossen und damit generell sozial geächtet", so Engels. "Und damit wird ein unheimlicher psychischer Stress für den Betroffenen aufgebaut bis hin zu den Fällen, wo ein Kind dann nicht mehr in die Schule gehen mag." Zum anderen seien bei den älteren Jugendlichen, so ab 16, 17 Jahren, Verunglimpfungen über die Video-App Tiktok oder Instagram das Mittel der Wahl. "Wir hatten schon Fälle, da sind Fake-Profile von Mitschülerinnen erstellt worden, auf denen dann zweifelhafte Messages und Nacktfotos oder fiese Foto-Montagen gepostet wurden. Oder es werden Drohungen über anonyme Instagram-Accounts in die Welt gesetzt."

Es gibt keine Patentlösungen

Abgesehen davon, dass das alles trotz Handy-Verbotes an Schulen den Unterricht erschwert, ergeben sich auch noch andere Probleme. Weder Polizei noch Schulverwaltungen und Lehrer können ewig und überall scannen, ob es möglicherweise Bedrohungen über die sozialen Netzwerke gibt. Und: Ist etwas wirklich im Schulkontext passiert oder in der Freizeit? Das heißt, es ist in der Regel nur möglich zu reagieren, wenn schon konkret etwas passiert ist. "Und leider werden wir Schulsozialarbeiter dann auch oft zu spät gerufen", sagt Engels. Weil es keine Patentlösung für alles gibt, muss dann jeder Fall individuell betrachtet werden. Wie viele betrifft es? Wie viele Opfer gibt es, wie viele Täter? Kann die Sache außerhalb der Klasse gelöst werden? Wann und wie nimmt man die Eltern hinzu? Braucht es zusätzlich psychologische Hilfe, müssen also noch andere Stellen miteinbezogen werden? Ist die Angelegenheit etwa justiziabel und muss die Polizei informiert werden? "Das alles kostet viel Zeit", so Engels. Und die akute Einzelfallhilfe habe natürlich immer Vorrang, aber dafür fielen andere Sachen hinten runter. Beispielsweise auch die normale Präventionsarbeit, in den Schulleitungen andere wichtige organisatorische Arbeiten.

Ein anderes großes Problem ist laut Netzwerk Schulsozialarbeit, dass Gewalt über soziale Medien auch alles andere berührt. "Das ist eine ständige Beeinträchtigung in Ihrem Leben, wenn Sie dauernd subtil bedroht werden", sagt Engels. "Dann macht sich das auch psychisch bemerkbar, das ist ein enormer Druck. Da stellt sich ja nicht einer vor Sie und sagt: 'Ich hau' Dir jetzt eine rein!'."

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa)
"Das Thema trifft Schulen leider nicht singulär, das ist ein gesellschaftliches Problem", sagt CDU-Kultusministerin Susanne Eisenmann (Archivbild). picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa

Ministerin Eisenmann sieht Schulen gut aufgestellt

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) ist sich des Problems bewusst: "Das Thema trifft Schulen leider nicht singulär, das ist ein gesellschaftliches Problem. Dort, wo es strafrechtlich relevant ist, müssen wir selbstverständlich auch strafrechtliche Wege einleiten." Mobbing, körperliche und verbale Aggression dürften "null Toleranz" erfahren. Dennoch, so glaubt Eisenmann, seien "unsere Schulen da auch ganz gut aufgestellt."

Die Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter im Land wünschen sich aber mehr Unterstützung durch die Politik. "Für die alltägliche, 'normale' Arbeit haben wir weniger Kapazitäten", sagt Sabine Engels vom Netzwerk Schulsozialarbeit. "Man kann als Schulsozialarbeiterin gar nicht alles auffangen, was da so an einer Schule passiert. Eine größere Wahrnehmung und auch fianzielle Unterstützung durch das Kultusministerium bei der Jugendsozialarbeit insgesamt wäre wünschenswert."

Schulleiter wünscht sich gemischte Teams

Auch der Schulleiter, mit dem wir gesprochen haben, wünscht sich mehr Unterstützung und eine andere Wahrnehmung: "Auch wenn es keine akute Bedrohungslage ist, würde ich mir ein Team wünschen, das nicht nur aus Pädagogen besteht. Sondern: Polizei, Pädagoge, Psychologe." Denn die Einschätzung im Vorfeld bleibe bei den Schulleitungen hängen und das Engagement im Nachgang auch. Vor allem sei es schwierig, wenn Situationen dann von der Polizei als harmlos eingestuft wurden. "Da ist dann für mich als Schulleiter die Frage, wie ich damit umgehe. Die Androhung ist in der Welt, die Schüler wissen darum, Teile der Lehrer wissen es, Eltern wissen es vielleicht. Was mache ich jetzt in der Situation? Gehe ich nach meinem Gefühl, vertraue ich der Einschätzung der Polizei? Was kommunziere ich, und wie? Wie transparent bin ich? Da haben Sie die Verantwortung für 2.000 oder 3.000 Leute, die alle auch eine Erwartungshaltung haben. Die teils maximal verunsichert sind. Und wie geht's dann weiter, braucht der Schüler, der da gedroht hat, weitere Begleitung, oder belassen wir das jetzt dabei, weil: Ist ja nix passiert? Das ist eine ganz schwierige Entscheidung."

Und manchmal müsse es eben auch sehr schnell gehen, schneller als per Krisentelefon im Regierungspräsidium möglich. Denn "die sozialen Netzwerke sind schneller".

Was kann ich als Elternteil tun, was als Lehrerin oder Lehrer? Hier gibt Tipps und Hilfe.

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