Schild Gesundheitsamt (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Marijan Murat)

Fehlendes Personal und immer neue Aufgabenfelder

Omikron bringt die Gesundheitsämter in BW an die Belastungsgrenze

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Luisa Bleich
SWR-Redakteurin Luisa Bleich Autorin Bild  (Foto: Privat)

In Baden-Württemberg tobt die vierte Corona-Welle und die Gesundheitsämter kommen nicht mehr hinterher. Der Leiter des Karlsruher Gesundheitsamts erklärt, woran das liegt.

Silvester 2021: Leonie K. aus Stuttgart will den Abend mit Freunden verbringen. Davor lässt sie sich testen. Freiwillig, als reine Vorsichtsmaßnahme, wie sie sagt. Symptome hat sie keine. Doch dann die Überraschung: Der Test ist positiv. Statt zur Silvester-Feier geht es für Leonie wieder nach Hause. Als zwei Tage später dann das positive PCR-Testergebnis da ist, steht fest: Sie hat Corona. "Ich hatte viele Fragen", sagt Leonie, etwa zur Quarantänedauer. Anfang Januar hängt die noch davon ab, ob man sich mit der Delta- oder der Omikron-Variante infiziert hat. Das kann einem aber nur das zuständige Gesundheitsamt sagen.

Das Gesundheitsamt in Stuttgart meldet sich aber erstmal nicht bei Leonie. Ihre Fragen wird sie bei der Corona-Hotline los. Hier wird sie auch vorgewarnt: Es könne sein, dass sie keinen Anruf mehr vom Gesundheitsamt bekommen werde. Die Ämter seien aktuell landesweit stark überlastet. Fünf Tage nachdem sie ihr PCR-Testergebnis bekommen hat, klingelt dann aber doch ihr Handy. Sie hat sich mit der Omikron-Variante infiziert und muss zehn Tage in Quarantäne.

"Wir sind eigentlich schon die ganze Pandemie durch überlastet"

Gefragt nach der aktuellen Situation im Gesundheitsamt Karlsruhe, kann der Leiter Peter Friebel nur müde lachen. "Wie würden Sie es erwarten, mitten in der Omikron-Welle? Wir sind eigentlich schon die ganze Pandemie durch überlastet." Erfahrungen wie die von Leonie mit dem Gesundheitsamt in Stuttgart sind da längst kein Einzelfall mehr. Mittlerweile bleibt der Anruf vom Amt meist ganz aus. In der aktuellen Situation sei das nicht mehr leistbar, so Friebel. Stattdessen setze man darauf, dass sich Infizierte eigenverantwortlich in Quarantäne begeben. Fragen könne man per Hotline oder Kontaktformular loswerden. Und Fragen haben aktuelle viele: "Wir werden überschwemmt mit Mailanfragen, weil das gerade so viele betrifft. Stand heute gehen wir unter in Anfragen von Schulen und Kindergärten", sagt Friebel.

Fehlendes Personal, Kündigungen wegen Erschöpfung

Dass die Gesundheitsämter in Baden-Württemberg überlastet sind, ist nichts Neues. Die Ämter sind seit Pandemiebeginn im Dauereinsatz. Nahezu rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche, 365 Tage im Jahr. Das Stammpersonal reicht längst nicht mehr aus, um den enormen Arbeitsaufwand zu stemmen. Inzwischen ist im Karlsruher Gesundheitsamt die Bundeswehr wieder im Einsatz. Dabei sei es ein ständiges Auf und Ab, sagt Friebel. Während man im vergangenen Sommer bei rückläufigen Corona-Zahlen noch Personal abbauen konnte, fehle es jetzt an helfenden Händen.

"Uns brechen viele Leute weg, weil sie erschöpft sind."

Neues Personal zu bekommen sei nicht leicht. Das Land habe zwar teilweise schon Stellen und auch Mittel zur Verfügung gestellt, erklärt Friebel, aber der Arbeitsmarkt gebe das nicht mehr her. Gleichzeitig könne man auch nicht zu schnell zu viele neue Leute einstellen. Denn das neue Personal müsse erstmal geschult werden.

Wegfall der Kontaktnachverfolgung: Entlastung nur von kurzer Dauer

Noch Anfang November hat die baden-württembergische Regierung versucht, die Gesundheitsämter im Land zu entlasten. Corona-Infizierte sollten ihre Kontaktpersonen zukünftig selbst informieren.

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Die Entlastung war aber nur von kurzer Dauer. Dann kam Omikron und damit auch wieder die Kontaktnachverfolgung. Über die Feiertage und den Jahreswechsel hat man das im Gesundheitsamt Karlsruhe laut Friebel aufrechterhalten. Man habe sich wieder jedem einzelnen Fall zugewandt. Aber dann seien die Zahlen "explodiert". Inzwischen sei es nicht mehr machbar. Und auch sinnvoll sei es nicht mehr. Eine Infektionskette könne man in der aktuellen Situation ohnehin nicht mehr festmachen. Lediglich bei Risikogruppen, wie beispielsweise in Pflegeeinrichtungen, würden sie diese Aufgabe noch übernehmen können, erklärt Friebel.

Auch Leonie kann im Nachhinein nicht mehr sagen, wo sie sich angesteckt haben könnte. "Ich kenne niemanden, der vorher positiv war und hatte auch keine Warnung in der Corona-Warn-App", sagt sie.

Teil-Impfpflicht gegen Corona: Neue Aufgaben für die Gesundheitsämter in BW

Eine Verbesserung der Situation sei aktuell nicht in Aussicht, sagt Friebel, eher im Gegenteil, da ständig neue Aufgaben für die Gesundheitsämter dazukommen würden. Diese neue Aufgaben kämen teilweise vom Sozialministerium, hauptsächlich aber von Bundesebene. So wie die einrichtungsspezifische Impfpflicht, die ab dem 16. März bundesweit gelten soll. Bis dahin müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Kliniken, Pflegeheimen und ähnlichen Einrichtungen nachweisen, dass sie geimpft oder genesen sind. Wer nicht geimpft oder genesen ist, muss vom Arbeitgeber dem örtlichen Gesundheitsamt gemeldet werden. "Das wird ein extremer Aufwand für die Gesundheitsämter werden", glaubt Friebel. Denn mit der Meldung an sich sei es nicht getan. Nicht jeder Fall werde immer völlig klar sein und es werde Versuche geben, Ausnahmen durchzusetzen, so Friebel.

"Das ist eine Mammutaufgabe, für die es eigentlich eine eigene Verwaltung bräuchte."

Denn es würde keinen Sinn ergeben, eine Pflicht einzuführen, die dann nicht auch mit Konsequenzen einhergehen würde.

Die Konsequenzen der beschlossenen Teil-Impfpflicht bekommen momentan vor allem die Gesundheitsämter zu spüren, meint der Leiter des Karlsruher Gesundheitsamts: "Ich würde mir wünschen, dass die Politik nicht irgendwelche unausgegorenen Dinge beschließt, die überhaupt nicht zu Ende gedacht sind, nur, damit sie auf dem Papier stehen", sagt Friebel. Denn für die beschlossene Regel gäbe es aktuell noch kein System und auch kein Personal. Der Bund habe zwar angekündigt, neues Personal zu bewilligen und neue Stellen zu schaffen, aktuell seien diese Stellen aber noch nicht da, sagt Friebel. "Und wenn sie da sind, sind sie noch nicht besetzt."

Die beschlossene Teil-Impfpflicht stellt die Gesundheitsämter außerdem vor ein zusätzliches Problem. Ein Meldesystem ist aktuell nämlich nicht vorgesehen. "Und der Heilpraktiker oder der Ambulante Pflegedienst haben nur ein Faxgerät", sagt Friebel. Das Karlsruher Gesundheitsamt wolle versuchen, ein eigenes digitales Angebot auf die Beine zu stellen. Aber das müsse dann erstmal angenommen und genutzt werden. "Die Politik hat sich auch hier wieder etwas überlegt, für das es in der Umsetzung kein Instrument gibt. Und dann wird es wieder heißen, die Gesundheitsämter arbeiten per Fax", sagt Friebel.

Digitalisierung: Faxen würden die anderen

Das Klischee der faxenden Gesundheitsämter macht Friebel besonders sauer. Es stimme zwar, dass die Pandemie im ersten Moment alles auf den Kopf gestellt habe. Wie in anderen Betrieben auch habe man zuerst einmal die Kommunikation umstellen und ins Digitale verlegen müssen. Binnen kürzester Zeit habe sich in der Hinsicht aber einiges getan, zumal die Kommunikation mit dem Landesgesundheitsamt und dem Robert Koch-Institut ohnehin schon immer digital abgelaufen sei. Problematisch sei am Anfang die Kontaktnachverfolgung gewesen. Knapp zwei Monate nach Beginn der Pandemie habe es dafür dann aber ein Programm gegeben. "Matrix42" heißt die digitale Datenbank, die von Anfang an stetig weiterentwickelt und ausdifferenziert worden ist. Einziger Nachteil aus Sicht von Friebel: Das Tool erleichtere die Kommunikation mit anderen Gesundheitsämtern nicht. Im Moment sei der Kontakt zu anderen Gesundheitsämtern aber ohnehin nicht notwendig. "Das spielt nur dann eine Rolle, wenn wir in der Einzelkontaktnachverfolgung sind", so Friebel.

Was die Kommunikation zwischen den einzelnen Gesundheitsämtern angeht, hätte die Software "Sormas" Abhilfe schaffen sollen. Die Bundesregierung hatte zu einem früheren Zeitpunkt versucht, die Datenbank bundesweit einzuführen, damit alle Gesundheitsämter mit einem einheitlichen Instrument arbeiten würden. Auch die baden-württembergische Landesregierung hatte die Software zumindest landesweit einführen wollen. Dagegen haben sich die Gesundheitsämter gewehrt. Viele hatten in der Zwischenzeit eigene Datenbanken für sich entdeckt. Auch Friebel sei kein Fan eines eventuell erzwungenen Umstiegs gewesen. Dazu käme, dass auch "Sormas" die Kommunikation zwischen verschiedenen Gesundheitsämtern letztlich nicht vereinfacht hätte.

Steigendes Arbeitspensum und kein Ende in Sicht

Die Gesundheitsämter in Baden-Württemberg sind überlastet. Das sind sie nicht erst seit gestern und daran wird sich so schnell wohl auch nichts ändern - vor allem in Hinblick auf den zusätzlichen Arbeitsaufwand, der durch die baldige Teil-Impfpflicht auf die Ämter zukommen wird.  

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