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Überforderung, Stress und kaum Zeit für Fachunterricht: Lehrkräfte in Baden-Württemberg üben scharfe Kritik an Gemeinschaftsschulen. Der Vorwurf: Ganze Generationen werden verheizt.

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Sendedatum
Sendezeit
18:00 Uhr
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SWR Fernsehen BW

Gemeinsam lernen, ohne Druck, ohne Noten. Lehrkräfte begleiten Schüler auf Augenhöhe - so ist Unterricht in Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg gedacht. Aber die Wirklichkeit sieht wohl anders aus: schwächere Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen, fachfremder Stoff, überlastete Lehrer. Das ergibt eine Befragung von Gymnasiallehrern, die an Gemeinschaftsschulen unterrichten. Die Befragung hat der Philologenverband durchgeführt. Die Rückmeldungen lassen aufhorchen.

Oft kein Fachunterricht möglich

Eine Gymnasiallehrerin, die anonym bleiben möchte, erzählt: "Da muss man erst einmal 30 Minuten ein Kind beruhigen, das mit einem Stift ein anderes schlägt. Wieder ein anderes kann gar nicht richtig lesen und schreiben, dann muss man zu diesem rennen. Danach muss man sich um eins kümmern, das gar nicht versteht, was man gefragt hat und apathisch ist. Es gab einige Stunden, da war ich nur dabei, allen Kindern irgendwie in irgendeinem Maß gerecht zu werden und konnte keinen Fachunterricht halten."

Andere Gymnasial-Lehrkräfte machen ähnliche Erfahrungen an Gemeinschaftsschulen, zeigt die Befragung. Alle unterrichten alles, auf drei Niveaus – mit dem Ziel Hauptschulabschluss, Realschulabschluss oder Abitur. Das bedeutet dreifacher Unterricht in verschiedensten Fächern. Für viele Lehrer eine große Herausforderung. "Du musst eigentlich deine kompletten Sommerferien dafür verwenden, dich in fachfremde Sachen einzuarbeiten", so eine Lehrerin. "Und dann kannst du nur hoffen, dass kein Schüler kommt und eine Frage stellt, die du nicht beantworten kannst. Und auch die Eltern nicht. Gegenüber den Eltern habe ich am meisten Angst."

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Sendedatum
Sendezeit
19:30 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

Überforderung der Schwächsten?

Zum Bild der Gemeinschaftsschule gehört auch, dass Schüler sich gegenseitig helfen und selbstständig lernen. Ralf Scholl, Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg, denkt, dass gerade die schwächsten Schüler an Gemeinschaftsschulen überfordert sind.

"Es kann nicht sein, dass eine Schülergeneration verheizt wird."

Ralf Scholl, Vorsitzender Philologenverband BW

Und zwar aus dem einfachen Grund, so Scholl, "weil man der Meinung ist, es sei doch alles viel schöner, wenn man Lernen druckfrei macht. Lernen ist immer Arbeit."

Verein für Gemeinschaftsschulen und Eisenmann weisen Kritik zurück

Eine verheizte Generation? Den Vorwurf weist Ulrike Felger vom Verein für Gemeinschaftsschulen scharf zurück: "Wir bekommen regelmäßig beispielsweise aus der Berufsorientierung die Rückmeldung, dass die Gemeinschaftsschülerinnen und -schüler mit ihren persönlichen Kompetenzen postiv auffallen: in ihrer Selbstständigkeit, in ihrer Teamfähigkeit, in ihrem Interesse an dem, was sie tun."

"Alle Schularten in Baden-Württemberg haben ihren Platz in der Bildungslandschaft und werden gefördert und unterstützt", sagt Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Sie hält an der Gemeinschaftsschule fest. Die Sorgen des Verbandes will sie aber ernst nehmen.

Kretschmann: "Das sind Einzelmeinungen"

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) verteidigte die Gemeinschaftsschule ebenfalls und zog die Erhebung des Philologenverbands in Zweifel. "Diese Umfrage hat mit einer systematischen Untersuchung überhaupt gar nichts zu tun. Das sind unzufriedene Gymnasiallehrer, die lieber am Gymnasium wären und jetzt da ein bisschen rumkritisieren", sagte Kretschmann am Dienstag in Stuttgart. Bei den Äußerungen des Verbands handle es sich schlichtweg um Einzelmeinungen. In jeder Schulart werde man unzufriedene Lehrer finden. Es werde kein Gegeneinander-Ausspielen der Schulformen geben, so Kretschmann.

Kretschmanns Schelte am Philologenverband rief dann wiederum die FDP auf den Plan. "Es ist erschreckend, wie abgehoben der grüne Ministerpräsident über schwerwiegende Problemanzeigen von Fachleuten hinweggeht", so der bildungspolitische Sprecher Timm Kern. Er verwies darauf, dass es bei den Schülerleistungen im bundesweiten Vergleich während der Amtszeit von Kretschmann einen "dramatischen Abstieg" gegeben habe. Der Ministerpräsident solle den Problemanzeigen des Philologenverbands "gewissenhaft" nachgehen.

Philologenverband fordert Untersuchung

Der Philologenverband äußerte seine Kritik auch mit Blick auf den Landeshaushalt. Gemeinschaftsschulen seien finanziell ein Fass ohne Boden, ohne dass sie eben bessere Lernleistungen brächten. Deswegen wäre es sinnvoll, so der baden-württembergische Philologenverband, die Lernerfolge der Gemeinschaftsschüler wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Außerdem forderte der Verband Eisenmann dazu auf, den klassischen Gymnasien und Realschulen mehr Geld zu geben und ihnen kleinere Klassen zu ermöglichen. Einige Lehrkräfte hätten bereits aus Unzufriedenheit das Beamtenverhältnis gekündigt.

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