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Während sich der Sommer dem Ende entgegen neigt, blicken viele Gastronomen und Hoteliers mit Sorge auf die kommende Zeit. Es warten kalte Monate und offene Rechnungen. Wie groß die Verunsicherung ist, zeigt eine Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands.

"Wenn das so weiter läuft bis Jahresende, bin ich mit einem blauen Auge davon gekommen", sagt Hotelier Manfred Lang. Seit Mai ist seine "Residenz am See" in Meersburg (Bodenseekreis) wieder geöffnet - nach Wochen des Corona-Shutdowns. Mit der Auslastung über den Sommer ist er "sehr zufrieden". Es gebe keinen wesentlichen Unterschied zu den Gästezahlen im vergangenen Jahr.

Dennoch ist er der Überzeugung, dass "der Schein trügt". Nicht alle in der Branche hätten so viel Glück gehabt. "Viele Kollegen von mir haben ihre offenen Rechnungen gestundet", sagt Lang. "Aber irgendwann müssen sie sie trotzdem bezahlen." Zwar arbeiteten alle gerade "wie die Wilden", um Geld auf die Seite zu schaffen, aber am Ende könne es bei manchen dennoch knapp werden.

Hotelier Manfred Lang (Foto: SWR)
Hotelier Lang hat Angst vor steigenden Infektionszahlen.

60 Prozent der Betriebe fühlen sich in Existenz bedroht

Wie viele Gastronomen und Hoteliers ihre Betriebe bereits zusperren mussten, lässt sich laut Daniel Ohl vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Baden-Württemberg nicht sagen. Aber natürlich kenne er Einzelfälle, die Corona-bedingt aufgeben hätten müssen, so Ohl. In einer nicht repräsentativen Umfrage unter 2.400 Mitgliedern des Bundesverbands gaben 60 Prozent Anfang August an, dass sie sich durch die Krise in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet fühlten. Sie begründeten dies unter anderem damit, dass das Sitzplatzangebot durch den Mindestabstand um 40 Prozent sinke. Insofern seien die gut gefüllten Biergärten und Terrassen der vergangenen Wochen zwar "sehr erfreulich", aber sie suggerierten auch eine Normalität, die so nicht existiere, so Ohl. Die Betreiber hätten Angst, dass sie zu wenige Gäste aufnehmen könnten, wenn die Saison der Außengastronomie zu Ende gehe.

"Die wichtigste Frage derzeit ist, wie viele den Winter überleben werden."

Daniel Ohl, Sprecher des Dehoga Baden-Württemberg

Viele Gastronomen versuchen deshalb, die Saison zu verlängern - beispielsweise durch den Einsatz von Heizstrahlern. Vielerorts in Baden-Württemberg sind diese verboten, doch die Landesregierung hat sich inzwischen für ein Comeback auf Zeit ausgesprochen. Die sogannenten Heizpilze könnten dazu beitragen, "auch im Herbst und Winter Angebote in der Außengastronomie aufrecht zu erhalten und Umsätze zu generieren", teilte Wirtschaftministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) am Freitag dem SWR mit. Sie plädiere daher für "unbürokratische und flexible Regelungen". Außerdem verweist das Ministerium auf die finanziellen Hilfen der Landesregierung, die Betriebe seit dem 1. Juli beantragen können. Insgesamt 330 Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung.

Hotelier: Zweiten Shutdown "kann sich die Regierung nicht erlauben"

Hotelier Lang sieht sich gut auf die kalte Jahreszeit vorbereitet. "Mein Haus war schon immer relativ großzügig bestuhlt", sagt er. Seine große Angst ist, dass die Infektionszahlen wieder steigen könnten - und niemand mehr Urlaub machen will. Einen zweiten Shutdown hält er nicht für möglich. "Das kann sich die Regierung nicht erlauben - dafür geht es der Branche wirtschaftlich zu schlecht." Der Meersburger schätzt, dass ihm im Frühling rund 30 Prozent seines Jahresumsatzes verloren gegangen sind. Er hofft, dass im Winter doch wieder ein paar Veranstaltungen stattfinden können, die Touristen anziehen. Aber bisher sei noch nichts entschieden - auch nicht, ob der Weihnachtsmarkt stattfinde. "Das ist ein bisschen wie ein Lotteriespiel", sagt Lang. Das schlimmste an der Krise sei die Ungewissheit.

"Bitte auf Abstand achten! Maximal 2 Personen pro Tisch" steht auf einem Schild vor einem Lokal (Symbolbild). (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa (Symbolbild))
Bitte auf Abstand achten? In manchen Restaurants in Baden-Württemberg ist diese Ermahnung gar nicht nötig, weil viel zu viele Tische leer bleiben. picture alliance/Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa (Symbolbild)

Corona-Krise: Hotellerie- und Gastrogewerbe "hauptsächlich betroffen"

Gerade Hotels und Gaststätten, die von Veranstaltungstourismus oder Geschäftsreisenden abhängig seien, hätten besonders zu kämpfen, so Ohl von Dehoga. "Zahlreiche Besitzer haben kein Eigenkapital mehr und einen hohen Schuldenstand." In Stuttgart beispielsweise seien rund 70 Prozent des Übernachtungsvolumens auf Geschäftsreisende zurück zu führen. "Besonders verzweifelt" seien auch die Besitzer der rund 700 Clubs und Diskotheken im Land. Sie hätten keinerlei Öffnungsperspektive. Natürlich habe er Verständnis dafür, dass es einen Shutdown im Frühling gegeben habe, aber nun hoffe er auf weitere Lockerungen. "Wir haben so etwas noch nie erlebt", sagt Ohl. "Diese Krise ist einzigartig in der Geschichte der Bundesrepublik und das Gastgewerbe ist die hauptsächlich betroffene Branche."

Hotelier Lang fragt sich, "wo die Reise noch hingeht". Bei den weltweiten Todeszahlen könne er auch die Leichtsinnigkeit mancher Menschen nicht verstehen. Dabei sieht er auch die eigene Branche in der Pflicht. Es mache ihn "richtig sauer", wenn sich sowohl Kunden als auch Kollegen nicht an die Spielregeln hielten. Denn die Rücksichtnahme aller ist für ihn die Voraussetzung dafür, dass Hotels und Restaurants weiter offen bleiben können.

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