In einer Zweier-Steckdose ist ein Stecker eingesteckt. (Foto: IMAGO, IMAGO / Michael Gstettenbauer)

Verbraucher sind empört

Energiepreise explodieren - immer mehr Anbieter kündigen oder stornieren Verträge

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Senada Sokollu

Die Kritik an Energieunternehmen wächst - Kündigungen seitens der Unternehmen sind laut Verbraucherzentrale keine Einzelfälle. SWR Aktuell hat nachgefragt.

Teuer, teurer, am teuersten: Ungefähr so sieht momentan die Suche nach dem Strom- und Gasanbieter aus. Die Energiepreise in Europa steigen seit Anfang des Jahres stetig. Die Empörung bei Bürgerinnen und Bürgern ist groß.

Das spiegelt sich auch in den sozialen Netzwerken wider. Unter den Hashtags #Strom und #Energiewende hagelt es Kritik. "Ich stehe nicht auf bis ich Tageslicht habe", heißt es beispielsweise bei Twitter. Verbraucherinnen und Verbraucher müssen also immer tiefer in die Tasche greifen.

Heute gibt es nur 200 tweets von mir. Ick muß #Strom sparen.

Zum Ärger der Verbraucher kommt noch dazu, dass sich einige Energieversorger von Suchmaschinen wie Check24 komplett zurückgezogen haben, um ihre "Preisgestaltung anzupassen", heißt es beispielsweise von Seiten des Strom- und Gasanbieters EnBW.

Verträge: alte Angebote werden durch teure Preismodelle ersetzt

Alte Verträge werden einfach gekündigt, aber auch neue Verträge, die unter dem alten, also günstigeren Preismodell geschlossen wurden, seien kurze Zeit später storniert worden, so die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg gegenüber dem SWR. Im Angebot stünde dann nur noch das neue Preismodell, also das teurere. Das kritisieren die Verbraucher.

Einen konkreten Fall schilderte eine Verbraucherin dem SWR: Sie habe vor einigen Wochen bei Check24 nach dem günstigsten Preismodell für Gas gesucht und sich daraufhin für ein Angebot der EnBW entschieden. Der Vertrag wurde abgeschlossen, die Kundin erhielt eine Bestätigungs-E-Mail samt Vertragsnummer. Rund vier Wochen später wurde der Auftrag seitens EnBW storniert. Eine Begründung wurde der Kundin nicht genannt. Die Verbraucherin setzte sich daraufhin telefonisch mit der EnBW in Verbindung. Ihr wurde ein neuer Vertrag angeboten, aber diesmal mit einem teureren Preismodell - nämlich mit einem Zuschlag von rund 500 Euro im Jahr. Das alte Angebot gab es nicht mehr, so die Verbraucherin weiter.

EnBW: Vertrags-Stornierung keine Masche

Aufgrund einer SWR-Anfrage beim Strom- und Gasanbieter EnBW lies dieser verlauten: "Wir gehen aktuell davon aus, dass wir den Fehler verschuldet haben und entschuldigen uns bei der Kundin. Es ist irgendwas bei uns im System passiert, sodass am Ende eine Stornierung zustande kam. Es ist keine Masche", so Heiko Willrett von der EnBW. Außerdem biete man der Kundin nun nochmals ein günstigeres Angebot an.

Steigende Strom- und Gaspreise - Anbieter nutzen die Gunst der Stunde

Das sei jedoch kein Einzelfall, bestätigt Sylvia Scheibenberger von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. In den letzten 14 Tagen habe man öfter Beschwerden erhalten. "Wir beobachten verstärkt, dass Angebote, die gemacht wurden, plötzlich storniert werden. Das war jetzt nicht nur die EnBW, sondern auch andere Versorger, die Vertragsbestätigungen rausschicken und dann kommt plötzlich eine Stornierung", erklärte Scheibenberger gegenüber dem SWR.

Auch gebe es Energieversorger, die sich bei Kündigungen auf die Corona-Pandemie und die steigenden Gaspreise berufen. "Dann haben wir Fälle bei denen der Versorger die Belieferung überraschend einstellt und es damit begründet, dass er die Belieferung im Netzgebiet nicht mehr vornimmt. Kommt ja de facto auch einer Kündigung gleich", so Scheibenberger weiter. Sie nehme an, dass Energieunternehmen die Gunst der Stunde nutzten, um Preise aufzuschlagen.

Willenserklärung landet im Spam-Ordner

Heiko Willrett von der EnBW stimmt der Aussage der Verbraucherzentrale zu. "Die Fälle haben deutlich zugenommen, dass Verträge nicht zustande gekommen sind". Das liege aber an einer Novelle bei Energieunternehmen - die Willenserklärung, die es seit diesem Sommer gebe. "Seit es diese Willenserklärung gibt, sehen wir einen sprunghaften Anstieg von nicht zustande gekommenen Vertragsverhältnissen über den telefonischen Weg. Vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern ist es nicht bekannt, dass es diese gibt. Sie kommt per Mail und landet oft im Spam", erklärt Willrett. Und wenn binnen einer gewissen Frist diese Willenserklärung nicht eingehe, dürfe es nicht zu einem Vertragsabschluss kommen.

Preissteigerungen an der Börse um fast 500 Prozent

Die momentane Situation auf dem Energie-Markt sei eine "absolut außergewöhnliche Situation", bestätigt Dagmar Ginzel von Check24 gegenüber dem SWR. "Wir hatten 2020 ein sehr niedriges Preisniveau im Bereich Gas und haben jetzt Preissteigerungen an der Börse um fast 500 Prozent. Und damit eine sehr hohe Preissituation", so Ginzel. Versorger hätten sich deshalb kurzfristig aus Vertriebskanälen zurückgezogen. "Das heißt, einzelne Versorger haben auch auf ihren Webseiten angekündigt, dass sie im Moment keine Neukunden aufnehmen können und, dass sie die Preise neu kalkulieren. Das ist auch absolut nichts Unübliches", so Ginzel weiter.

Weltweiter Anstieg der Energiepreise - nur temporär?

Energieunternehmen wie die EnBW seien außerdem nicht für die Gas- oder Strompreise zuständig, so Willrett. "Die Marktpreise sind grundsätzlich in den letzten Wochen und Monaten gestiegen. Hinzukommt, dass die Nachfrage massiv gestiegen ist. Dadurch, dass nach Corona die Wirtschaft weltweit wieder hochfährt, insbesondere im asiatischen Raum. Und, dass sich diese beiden Faktoren gegenseitig verstärken", sagt Willrett.

Der Strompreis bestehe tatsächlich zu rund 75 Prozent aus Steuern, Abgaben, Umlagen und staatlich regulierten Netzentgelten. Energieunternehmen könnten nur rund 25 Prozent des Preises beeinflussen. Willrett gibt einen positiven Ausblick: "Experten gehen davon aus, dass der Preisanstieg ein temporärer Effekt ist, der wieder abflachen wird im kommenden Jahr".

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Senada Sokollu