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Deutschlandweit gibt es einen Mangel an Ganztagsbetreuungsplätzen für Grundschulkinder. Besonders Baden-Württemberg ist betroffen.

In Deutschland fehlen derzeit rund 645.000 Betreuungsplätze für Grundschulkinder: Dies geht aus einer Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hervor, über die der "Spiegel" am Freitag berichtete.

Ein Fünftel der BW-Grundschüler in Ganztagsbetreuung

Im Schuljahr 2018/2019 besuchte demnach bundesweit rund die Hälfte der Kinder eine Ganztagsgrundschule oder einen Hort. Bedarf hätte es aber für 73 Prozent gegeben. Die Zahlen weisen laut "Spiegel" große Unterschiede zwischen den Bundesländern aus. Während in Hamburg neun von zehn Grundschulkindern eine Einrichtung mit Ganztagsangebot besuchen, trifft das in Baden-Württemberg nur auf 22 Prozent der Kinder zu.

Da allerdings nicht jede Familie tatsächlich einen Betreuungsplatz für ihr Kind benötigt, ist der Blick auf den tatsächlichen Bedarf und damit verbunden die Lücke im Angebot wichtiger. Laut der Studie nimmt Baden-Württemberg hier einen negativen Spitzenplatz ein: Um den vorhandenen Bedarf zu decken, müssten im Land 118.500 Plätze geschaffen werden, die derzeit noch fehlen.

Betreuungsbedarf nur zu zwei Drittel gedeckt

Von allen Grundschulkindern in Baden-Württemberg mit Bedarf haben im Moment also rund ein Drittel (36 Prozent) keinen Platz. Deutlicher besser sieht die Situation in den mitteldeutschen Bundesländern und Brandenburg aus: Hier liegt die Lücke nur zwischen rund neun und zwölf Prozent.

Da auch das Angebot Nachfrage schaffen könnte, hat die neue Studie auch die theoretischen Möglichkeiten analysiert: 78 Prozent der Kinder in Baden-Württemberg bräuchten einen neu geschaffenen Platz, wenn die Politik das geplante Ziel durchsetzen würde, allen Grundschülern einen Platz anzubieten.

Die Zahlen aus der IW-Studie decken sich im übrigen ungefähr mit den Berechnungen des Landes. Das Kultusministerium sieht einen Betreuungsbedarf von 55 Prozent bis maximal 80 Prozent, wie es zuletzt mitteilte. Aus den in Anspruch genommenen Plätzen und der Bedarfslücke laut Studie ergibt sich ein Betreuungsbedarf von 58 Prozent.

Ein Drittel der BW-Grundschulen bieten Betreuung

Nach Zahlen der amtlichen Schulstatistik 2020 gibt es bisher bei knapp einem Drittel der Grundschulen in Baden-Württemberg Ganztagsbetreuung. Von den 2.438 Grundschulen bieten 760 Betreuung am Nachmittag an. Allerdings ist die Teilnahme bei den meisten dieser Schulen (594) freiwillig, sodass die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die diese Betreuung in Anspruch nimmt, geringer ist (22 Prozent).

Das Kultusministerium strebt indes eine Erweiterung des Angebots an. "Wir müssen den Ausbau des Ganztags nicht nur vorantreiben, wir wollen das auch. Das ist mir wichtig", sagte Theresia Schopper (Grüne) dazu vergangene Woche.

Ärger zwischen Bund und Ländern zur Kostenfrage

Um den geplanten Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschülerinnen und Grundschüler gibt es allerdings Ärger. In dem vom Bundestag beschlossenen Gesetz ist geplant, dass jedes Kind, das ab Sommer 2026 eingeschult wird, in den ersten vier Schuljahren Anspruch auf einen Ganztagsplatz bekommt. Nach und nach soll dieser bis 2030 bis einschließlich zur vierten Klasse ausgeweitet werden. Unabhängig vom Bedarf sollen Kinder mindestens acht Stunden am Tag betreut werden können - auch in den Ferien. Unterricht und Ganztagsangebote sind in dieser Zeit enthalten.

Der Bund will den Ländern nach bisherigen Plänen 3,5 Milliarden Euro für Investitionen zur Verfügung stellen und sich langfristig mit knapp einer Milliarde Euro jährlich an den laufenden Betriebskosten beteiligen. Allerdings werden die Personal- und Betriebskosten auf bis zu 4,5 Milliarden Euro im Jahr geschätzt.

Unter anderem auf Betreiben von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) stoppte der Bundesrat vor einer Woche das Gesetz vorerst und rief den Vermittlungsausschuss an. Die Länder verlangen eine größere Beteiligung des Bundes an den entstehenden Kosten.

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