Eine Sporthalle in Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg) wird für Geflüchtete hergerichtet. (Foto: SWR, SWR / Martin Rottach)

Landrat des Bodenseekreises im Interview

Lothar Wölfle über Lage der ukrainischen Geflüchteten

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Karin Wehrheim
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Dorothee Soboll
Dorothee Soboll, SWR Studio Freiburg (Foto: SWR)

Immer mehr Geflüchtete aus der Ukraine kommen auch nach Deutschland. Die Hilfsbereitschaft ist groß, aber zunehmend werden in den Landkreisen die Plätze für die Unterbringung knapp.

Schulsporthallen als Notlager für Geflüchtete aus der Ukraine - das ist keine Ausnahme mehr. Wie auch die Kreise Ravensburg, Biberach, Sigmaringen, Konstanz und Lindau nimmt der Bodenseekreis immer mehr Geflüchtete aus der Ukraine auf. Überall werden Unterbringungsmöglichkeiten dringend gebraucht. Im Gespräch mit SWR-Moderatorin Karin Wehrheim berichtet Lothar Wölfle, Landrat des Bodenseekreises, wie dort die Situation ist.

Das Interview in voller Länge zum Nachhören:

SWR: Wie ist die Lage in unserer Region aktuell?

Lothar Wölfle: Wir haben derzeit zwei Hallen komplett belegt und sind in Vorbereitung für zwei weitere Hallen. Eine Kreissporthalle wird im Laufe des Jahres auch noch umgewidmet werden müssen. Wir sind an einer Grenze angelangt. Es ist schwierig, das alles noch zu händeln.

SWR: Sie rechnen damit, dass mehr Geflüchtete in die Region kommen?

Wölfle: Es sieht im Moment so aus, dass die Zahlen stagnieren würden. Wir haben aktuell etwa 2.600 Menschen aus der Ukraine im Bodenseekreis untergebracht. Aber das ist nur eine vermeintliche Stagnation. Es ist ein Kommen und Gehen, weil zwar etwa 200 Menschen pro Monat ankommen, aber etwa gleich viele auch innerhalb des Landkreises umziehen oder wieder in die Ukraine zurückgehen. Wir rechnen mit weiterem Zugang, so wie das Justizministerium, das für diesen Bereich zuständig ist.

SWR: Aus der Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart gibt es erschreckende Berichte. Dort soll es für 500 Menschen nur fünf Waschmaschinen geben. Auch sollen Schränke und Tische fehlen. Wie ist das im Bodenseekreis?

Wölfle: Da haben wir Gott sei Dank eine etwas bessere Situation. Wir haben in den beiden Hallen, die wir momentan belegt haben, jeweils eine Kapazität von etwa 80 Plätzen. Wir versuchen von vornherein, kleinere Hallen zu nutzen, um gar nicht in diese Größenordnung zu kommen. Bei der kleineren Zahl ist es machbar mit den sanitären Anlagen. Wir haben in den Gemeinschaftsunterkünften Waschmaschinen aufgestellt. Verpflegt werden die Menschen von einem Catering-Service. Außerdem haben wir Hausmeisterdienste und eine Heimleitung in den Unterkünften und überall Sicherheitsdienste.

SWR: Trotzdem wird der Bodenseekreis irgendwann sagen müssen: Mehr geht nicht. Was passiert dann?

Wölfle: Wir können die beiden weiteren Hallen wahrscheinlich im Laufe des Oktobers belegen. Dann haben wir weitere 120 Plätze, die wir dann noch belegen könnten. Eine größere Sporthalle in Friedrichshafen ist in der Vorbereitung. Ich sehe noch nicht, dass wir die Menschen in Zelten unterbringen müssen. Wir haben das vor sieben Jahren geschafft und werden das auch jetzt schaffen. Allerdings ist es schon eine riesige Herausforderung, nicht nur für uns als Landratsamt. Die Hallen sind für Schulen und Vereine da, wir greifen ganz erheblich ins gesellschaftliche Leben ein. Das ist uns sehr bewusst, aber ich kann die Leute ja nicht auf der Straße sitzen lassen.

SWR: Es geht ja auch um die Integration der Geflüchteten, um Kita-, Schul- und Arbeitsplätze.

Wölfle: Dazu sind wir in engem Austausch mit Städten und Gemeinden. An unseren beruflichen Schulen haben wir die Vorbereitungsklassen wieder hochgefahren, das tun auch die Schulträger der allgemeinbildenden Schulen. Bei Kindertagesstätten ist der begrenzende Faktor weniger die Platzzahl, sondern vor allem das fehlende Personal. Gemeindetag, Städtetag und Landkreistag haben ganz klare Forderungen, dass sie flexibler werden müssen, was die Vorgaben angeht. Wir können uns alle die besten Standards wünschen, nur wenn wir die in der Praxis nicht erfüllen können, dann macht es keinen Sinn. Und deshalb müssen wir, glaube ich, da auch etwas flexibler werden.

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