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Georgische Erntehelfer beklagen sich über schlechte Unterbringung und zu wenig Lohn. Sie arbeiten auf einem Erdbeerhof in Friedrichshafen. Georgische Medien berichten über entsprechende Videos. Auch das Landratsamt hat den Hof kontrolliert.

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Private Videoaufnahmen zeigen die Unterkunft, in der die Saisonarbeiter auf dem Hof in Friedrichshafen wohnen. Die alten, oliv-grünen Container, die auf den Aufnahmen zu sehen sind, wirken deutlich heruntergekommen. "Das sind hier keine normalen Bedingungen", beschwert sich einer der Saisonarbeiter, der anonym bleiben will gegenüber dem SWR.

Zwei Gastarbeiter sitzen in einem engen Container.  (Foto: SWR, Philipp Raillon)
Screenshot aus dem privaten Video, das in georgischen sozialen Medien kursiert. Aufgenommen wurde es nach Angaben der Erntehelfer in Friedrichshafen. Philipp Raillon

Fenster zugemauert und keine Abstände möglich

Wie in den Videos zu sehen, sind die Fenster zugemauert, Raumtüren lassen sich teils nicht schließen, weil das Schloss herausgebrochen ist. Quer durch den Gang liegen Kabel. Teilweise sieht es feucht und dreckig aus. In manchen der kleinen Räume stehen vier oder fünf schmale, sehr einfache Metallbetten mit dünnen Matratzen. Corona-Abstand lasse sich dort nicht einhalten, klagen die Saisonarbeiter. Die 24 georgischen Arbeitskräfte müssten sich zwei Duschen teilen, so ein Saisonarbeiter.

Ein Fenster ist mit Ziegelsteinen zugemauert. Das Bild stammt aus dem Video eines georgischen Gastarbeiters, der in Friedrichshafen arbeitete. (Foto: SWR, Philipp Raillon)
Screenshot aus dem Video eines georgischen Erntehelfers zeigt, dass die Fenster zugemauert sind. Philipp Raillon

Video kursiert in sozialen Medien

In Georgien kursiert das Video in den sozialen Medien und sorgte für große Aufmerksamkeit. Schließlich schaltete sich sogar der deutsche Botschafter in Tiflis ein und bat die örtlichen Behörden im Bodenseekreis um Klärung der Vorwürfe.

Mängel festgestellt

Das Landratsamt im Bodenseekreis hat den Hof nach Angaben eines Sprechers mittlerweile kontrolliert und mehrere Mängel bei der Unterkunft festgestellt. Der Landwirt müsse diese bis zu einer festgesetzten Frist beheben, womöglich drohe ihm ein Bußgeld.

"Dieser Hof ist ein Ausnahmefall."

In der Regel nähmen die Landwirte das Thema Erntehelfer sehr ernst. Es werde zusätzlich noch überprüft, ob der Mindestplatz pro Saisonarbeiter eingehalten werde. Die Regeln hätten sich durch die Pandemie verschärft. Es darf nur unter bestimmten Umständen Mehrbettunterkünfte geben. Die klare Empfehlung lautet sogar Einzelzimmer. Außerdem muss es Hygiene- und Putzpläne geben. Möglicherweiße droht dem Landwirt deshalb ein weiteres Bußgeld.

Ein Erntehelfer pflückt auf einem Feld Erdbeeren. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner)
Erntehelfer bei der Arbeit. (Symbolbild) picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner

Vorwurf: Mindestlohn werde nicht bezahlt

Ein weiterer Vorwurf: Die Arbeitsbedingungen auf dem Erdbeerhof. Die Erntehelfer hätten nur ihre eigenen Halbschuhe, müssten teils stundenlang im knöcheltiefen Wasser auf dem Feld stehen. Gummistiefel gebe es nicht, sagt ein Saisonarbeiter. Im Vertrag ist außerdem ein Lohn von 9,35 Euro pro Stunde vereinbart. "Wir bekommen aber viel weniger", so der Erntehelfer. Er spricht von etwa der Hälfte an Lohn.

Landwirt weist Vorwürfe zurück

Der Betreiber des betroffenen Erdbeerhofes bestreitet die Vorwürfe seiner Mitarbeiter. Er bezahle den vereinbarten Lohn und außerdem gelte das Leistungsprinzip, sagte der Landwirt gegenüber dem SWR. Dadurch könnten die Erntehelfer über 20 Euro die Stunde verdienen, wenn sie ausreichend Erdbeeren sammeln. Auch die Unterbringung sei gut, so der Bauer. Alle Bewohner hätten ausreichend Platz. Es gebe für die mindestens 24 Erntehelfer außerdem zwei oder drei Toiletten und Duschen. Doch er sei auch tätig geworden: "Ich habe nun noch einen weiteren Container mit Duschen und WCs bestellt", so der Landwirt.

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