Frank-Dieter Braun schaut in die Kamera (Foto: Hausärzteverband Baden-Württemberg/Jan Winkler - Montage: SWR)

Strategie zu Booster-Impfungen gegen Corona

Hausärzte "haben die Nase voll vom Gegängel von Herrn Spahn"

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Der Biberacher Arzt und zweite Vorsitzende des Hausärzteverbandes BW, Frank-Dieter Braun, ist genervt von der Politik. Im SWR Aktuell-Interview erklärt er, warum.

SWR Aktuell-Moderator Stefan Eich: Wie viele Patientinnen und Patienten können Sie an einem Tag impfen und wie viele davon fallen unter die Booster-Impfung?

Frank-Dieter Braun: Wir haben am Donnerstag etwa 50 Impftermine mit Biontech, Johnson und Moderna und davon sind etwa 80 Prozent Booster-Impfungen.

Stefan Eich: Wie viele Menschen stehen bei ihnen auf der Warteliste?

Frank-Dieter Braun: Eine Warteliste haben wir eigentlich keine. Wir haben ein E-Mail-Postfach, das wird jeden Tag abgearbeitet. Das dauert im Moment aber schon: Die Termine sind bis kurz nach Weihnachten vergeben.

Stefan Eich: Bei der ersten Impfung galt das Motto "Alte und Kranke zuerst". Das ist vermutlich heute noch sinnvoll, oder?

Frank-Dieter Braun: Das ist natürlich sinnvoll - es ist aber einfach nicht realistisch. Die Menschen sind so verunsichert, haben derart Angst vor der vierten Welle. Die gucken, wo sie einen Impfstoff kriegen. Und da kann der Herr Mertens und auch sonst jemand sagen, was er will: Ab 60, 50, 70 Jahren - die kümmern sich drum, und die kriegen auch Termine. Bei uns haben wir mittlerweile die Priorisierung aufgegeben. Natürlich werden Alte oder Kranke bevorzugt dran genommen, wenn sie anrufen. Aber es ist organisatorisch nicht durchführbar.

Stefan Eich: Jeder, der eine Spritze halten kann, soll eingesetzt werden. Mit der bloßen Injektion ist es aber nicht getan. Die dauert ja nur drei bis fünf Sekunden. Was hängt für die Hausärzte noch dran?

Frank-Dieter Braun: Erstens muss man das organisiert bekommen. Da sitzen wir jeden Tag auch mal zwei Stunden, um die ganzen E-Mails abzuarbeiten. Dann muss man natürlich entsprechende Aufklärungsbögen unterschreiben lassen - Bürokratie ist ja auch da. Man muss die Spritze richten. Es ist nicht einfach damit getan, dass man das aus dem Kühlschrank nimmt. Das, was die Politiker da sagen, ist absoluter Blödsinn - völlig realitätsfern. Dass jetzt die Apotheken anfangen zu impfen - was machen sie denn mit einem allergischen Schock in der Apotheke? Da ruft man den Notarztwagen. Dann ist der tot. Das ist doch Quatsch.

"Die Kollegen haben die Nase voll von dem dauernden Gegängel von Herrn Spahn und Co."

Krankenhäuser, Betriebsärzte, Ärzte - alle, die impfen können, sollen impfen. Man muss es dann aber auch einfach machen. Man muss nicht so einen Aufklärungsklamauk darum machen - bei einer Tetanusspritze fragt ja auch keiner vorher nach einer Unterschrift. Und dann kriegt man das auch zügig durch. Durch diese ganzen Sachen, die ich gerade kritisiert habe, ist es mittlerweile so: Im Sommer hatten wir noch 6.000 Impfpraxen, mittlerweile haben wir noch 3.500 Impfpraxen. Die Kollegen haben die Nase voll von dem dauernden Gegängel von Herrn Spahn und Co.

Stefan Eich: Rheinland-Pfalz macht acht Impfzentren wieder auf, ein weiteres ist noch in Reserve, kann schnell geöffnet werden. Dagegen öffnet die Landesregierung von Baden-Württemberg die Impfzentren weiterhin nicht. Was hält der Hausärzteverband davon?

Frank-Dieter Braun: Ich halte es im Moment für klug, was Herr Lucha macht. Er baut die mobilen Impfteams auf. Das heißt, da kriegen wir jetzt auch mehr Kapazitäten als noch vor einem Monat. Die können glaube ich schnell und regional da reagieren, wo die Not ist. Jetzt stationäre Impfzentren aufmachen? Bis die hochgefahren sind, sind auch wieder ein paar Wochen rum. Dann haben wir nachher Überkapazitäten.

"Jetzt wieder stationäre Impfzentren aufzubauen, halte ich für völlig übertrieben."

Die Boosterei geht ja nur ein paar Monate. Gucken Sie sich den Sommer an: Die Erstimpfungen waren durch und die Zweitimpfungen waren durch. Und jetzt kommt halt die Welle der Booster-Impfungen, die ist auch in ein paar Monaten durch. Jetzt wieder stationäre Einheiten dafür aufzubauen, halte ich für völlig übertrieben.

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