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Bei vielen Künstlern und Selbstständigen wird das Geld knapp, da sie wegen des Lockdowns nicht arbeiten durften oder dürfen. Eine selbstständige Friseurin aus Singen berichtet von ihren Sorgen.

Seit 22 Jahren selbstständig

Friseurmeisterin Andrea Rothengaß teilt sich den kleinen Friseursalon "Maria. Hair und Beauty" mit einer Kollegin in Singen. Die 56-Jährige ist seit 22 Jahren selbstständig und kam gut zurecht. Dann kam Corona. Wegen der Pandemie hat sie Sorgenfalten auf der Stirn. Die Geschäfte laufen jetzt zwar seit einem Monat wieder gut. Aber der letzte Lockdown hat ihr große finanzielle Probleme beschert.

 „Meine kompletten Ersparnisse, meine ganzen Rücklagen, die sind jetzt weg. Das kann ich in den neun verbleibenden Jahren nicht wieder aufbauen. Das ist unwiderruflich weg.“

Andrea Rothengaß, Friseurmeisterin aus Singen

Die Friseurin hat seit Beginn des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr 20.000 Euro Verlust gemacht. Ihre Altersvorsorge liegt auf Eis. Sie kann sie aktuell nicht mehr bezahlen. Hilfen vom Staat bekommt sie nicht, sagt die 56-Jährige. Die sogenannte "Überbrückungshilfe III" bringe ihr nichts, denn sie erstatte nur einen Teil der Fixkosten. Das seien 750 Euro Miete inklusive Nebenkosten. Davon könnte sie zwar 90 Prozent bekommen. Aber davon müsse auch noch der Steuerberater bezahlt werden. Denn nur Steuerberater könnten die Anträge stellen.

„Das heißt auf gut Deutsch gesagt: Am Ende bleibt nichts mehr übrig.“

Andrea Rothengaß, Friseurmeisterin aus Singen

Eine weitere Option, um an Geld zu kommen, wäre die sogenannte Neustarthilfe für Solo-Selbständige. Doch auch davon kann sie nicht profitieren, sagt die Friseurmeisterin. Denn vereinfacht gesagt: Übersteigt ihr Umsatz bis zum Sommer eine gewisse Summe, muss sie das Geld zurückzahlen. Rothengaß fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Mercedes, Lufthansa, Tui, haben letztes Jahr alle Corona-Hilfen und Kurzarbeitergeld bekommen, sagt sie. Und sie solle nun, wenn ihr Umsatz einen gewissen Wert übersteigt, die Neustarthilfe anteilsweise zurückbezahlen.

„Da fühle ich mich verarscht!“

Andrea Rothengaß, Friseurmeisterin aus Singen

So sei so sehr enttäuscht von der Politik, dass sie das erste Mal in 35 Jahren nicht gewählt hat. Das sei falsch, das wisse sie. Aber es habe einfach keine Partei gegeben, der sie bei der Landtagswahl ihre Stimme hätte geben können.

Mit dem Lockdown kommt die Armut

Auch persönlich hat die Corona-Krise die Friseurmeisterin verändert. Ihr sei bewusst geworden, wie privilegiert sie war, bevor Corona losging. Mal einen Urlaub, mal was Schönes kaufen, auch ein neues Auto habe sie sich leisten können. Damit war im letzten Lockdown Schluss. Das zeigte sich beim Einkaufen. Beim Bäcker ging es nicht mehr darum, ob Kürbiskernbrötchen oder Sonnenblumbrötchen. Sie nahm das Billigste. Auf Fleisch verzichtete sie ganz, weil sie es wichtig findet Fleisch beim Metzger zu kaufen und nicht beim Discounter.

„Und da hab ich gemerkt, dass ich vorher ein privilegiertes oder schönes Leben hatte, weil ich mir das viele Jahre leisten konnte.“

Andrea Rothengaß, Friseurmeisterin aus Singen

Umso dankbarer sei sie nun, dass sie wieder arbeiten dürfe. Von Null auf Tausend, wie sie sagt. Teilweise sechs Tage die Woche, um wieder Geld reinzubekommen. Und trotz allem liebe sie ihren Job und würde sich jederzeit wieder für die Selbstständigkeit entscheiden.

Impfangebot für Friseure

Ihr Wunsch ist, dass die Politik nicht nur auf die großen Betriebe guckt und Friseurinnen und Friseuren ein Impfangebot macht. Dann könnten Salons aufbleiben, egal was noch komme. Käme noch ein Lockdown mit Ladenschließung, müsste sie ihren Salon nach 22 Jahren harter Arbeit wohl schließen.

„Also nochmal zu machen und nochmal vielleicht kein Geld mehr bekommen - das wäre für uns der Todesstoß.“

Andrea Rothengaß, Friseurmeisterin aus Singen

 

Andrea Rothengaß ist kein Einzelfall

Martin Jetter, Obermeister der Friseurinnung westlicher Bodensee, sagt im SWR-Interview mit Moderatorin Marion Kynaß, dass Andrea Rothengaß kein Einzelfall ist.

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