Die Corona-Pandemie verlagert sich zunehmend auf die Normalstationen der Krankenhäuser - zum Beispiel im Klinikum Stuttgart. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat)

Lage in Baden-Württemberg weiter angespannt

Belastung in Kliniken verschiebt sich: Immer mehr Corona-Erkrankte auf Normalstationen

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Weniger Menschen in BW werden wegen einer Corona-Erkrankung intensivmedizinisch behandelt, doch auf den Normalstationen steigt die Zahl der Infizierten. Das belastet die Pflegekräfte.

Zwar sind in den Krankenhäusern in Baden-Württemberg nur noch gut sieben Prozent der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten und -Patientinnen belegt, zugleich sind jedoch zehn Mal so viele auf den Normalstationen. Diese Menschen kamen ursprünglich wegen anderer Erkrankungen in die Klinik. Erst später stellte sich heraus, dass sie mit Corona infiziert sind.

Im Pflegealltag bedeutet das eine enorme Mehrbelastung. Thomas Albrecht, Krankenpfleger an der Oberschwabenklinik (OSK) in Ravensburg, schlägt Alarm. Er hat einen Brandbrief an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) geschrieben.

Belastung verlagert sich - mehr Corona-Infizierte auf Normalstationen

Die Belastung der Pflegekräfte bei der Behandlung von Corona-Patienten und -Patientinnen hat sich verlagert. Auf den Normalstationen nimmt sie derzeit zu. Bis zu einem Viertel der Menschen seien zum Beispiel an der OSK mit Corona infiziert - zusätzlich zu ihrer eigentlichen Diagnose wie etwa Leberentzündung oder Darmverschluss, so Krankenpfleger Thomas Albrecht. Eine Entwicklung, die auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft bestätigt. Das durchgängige Problem: Insgesamt fehlt Personal und das vorhandene ist überlastet.

Normalerweise hat Krankenpfleger Albrecht in der Ravensbuger Oberschwabenklinik insgesamt durchschnittlich 48 Minuten Zeit, um sich um eine Patientin oder einen Patienten zu kümmern - also zum Beispiel Fieber zu messen, Infusionen anzuhängen oder Demenzerkrankten oder besonders Pflegebedürftigen ihr Essen zu geben. Jetzt dauere alles viel länger, denn bei jeder Behandlung müsse bei Corona-Infizierten Schutzkleidung an- und später wieder ausgezogen werden. "Das kostet enorm Zeit", sagt Thomas Albrecht und er fügt hinzu: "Da sind 48 Minuten nichts".

So hat das SWR-Fernsehen über die Lage in der Oberschwabenklinik in Ravensburg berichtet:

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Pflegekräfte in Baden-Württemberg schon vor Corona am Anschlag

Schon vor Corona seien die Pflegekräfte in den Krankenhäusern in Baden-Württemberg am Anschlag gewesen. "Während der Pandemie waren wir bereit, viel zu leisten", unterstreicht Albrecht. "Und jetzt ist die Struktur wie früher plus Corona." Hinzu kommen Krankheitsausfälle wegen Corona-Infektionen beim Pflegepersonal selbst. Das bedeutet für Thomas Albrecht, der zugleich stellvertretender Stationsleiter ist, weitere Arbeit. Denn in diesen Fällen müssen Kolleginnen und Kollegen, die eigentlich frei haben, einspringen.

Millionen-Finanzspritze in BW hilft nicht gegen Fachkräftemangel

Obwohl das Land Baden-Württemberg zur Bewältigung der Corona-Pandemie eine zusätzliche Finanzspritze von 240 Millionen Euro für die Krankenhäuser im Land beschlossen hat, rechnen die Kliniken nicht mit einer kurzfristigen Entspannung. Es gebe einfach zu wenig Pflegekräfte am Markt, sagt Winfried Leiprecht, Sprecher der Oberschwabenklinik in Ravensburg. Gegen diesen akuten Fachkräftemangel könne man auch mit einer hohen Ausbildungsquote - wie sie die OSK habe - nicht ankommen. "Denn die derzeitige Ausbildung hilft erst in drei Jahren" - vorausgesetzt, man könne die Pflegekräfte halten, so Leiprecht.

Einstweilen wartet Krankenpfleger Thomas Albrecht auf eine Reaktion der Bundesminister Lauterbach und Heil auf seinen Hilferuf nach Berlin. Bislang kam noch keine Antwort.

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