In einer Vitrine ist ein alter Teddybär zu sehen. Auch eine Schafschere liegt auf einem Glasboden (Foto: SWR, Martin Hattenberger)

Geschichten über Trauer, Schmerz und Ankommen

Flüchtlingsschicksale nach dem Zweiten Weltkrieg im Museum Biberach

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Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg - die neue Ausstellung des Museums Biberach arbeitet diese Themen auf und schaut auf die Schicksale der Menschen.

Schwarz und düster sind die Wände des Eingangsbereichs der Ausstellung gehalten. Schwarze Linien auf grauem Grund deuten Zerstörung und Ruinen an. Von der Decke hängen Schilder mit elementaren Fragen: Wo schlafen wir heute nacht? Wohin soll ich fliehen – und am Ende des ersten Ganges dann – ein idyllisches Bild der Kleinstadt Biberach des Künstlers Gerhard Mayer mit dem Titel "Morgenlicht über Biberach". "Das im Krieg nahezu unzerstörte Biberach war für viele ankommende Flüchtlinge ein Hoffnungsstrahl. Sie fanden dort eine nahezu heile Welt und waren dann schockiert, dass sie Abweisung erfuhren", sagt Museumsleiter Frank Brunnecker.

An einer Wand hängt ein Bild mit dem Titel Morgenlicht über Biberach. Darauf ist die Kleinstadt Biberach zu sehen und im Vordergrund grüne Zweige. (Foto: SWR, Martin Hattenberger)
Ein Bild des Künstlers Gerhard Mayer. Titel: Morgenlicht über Biberach. Für die Flüchtlinge war Biberach eine nahezu unzerstörte Idylle. Martin Hattenberger

Abweisung und Ablehnung

Denn in Biberach hatte kaum jemand die tausenden Kriegsflüchtlinge erwartet. Zum damaligen Zeitpunkt hatte Biberach gerade einmal 11.000 Einwohner. Bis 1960 kamen rund 6.000 Flüchtlinge dazu. Dadurch hatte beinahe jeder Dritte einen Fluchthintergrund.

"Das Wort der Hure-Flüchtlinge machte die Runde."

Kern der Ausstellung sind zehn Zeitzeugen-Schicksale, die in einzelnen Kammern ihre Familien- und Fluchtgeschichte erzählen. Durch einen Aufruf über Presse und soziale Medien hatten sich über 50 Zeitzeugen gemeldet und ihre Geschichten erzählt. Auch die Ausstellungsstücke stammen aus dem Fundus der Familien. Einfache Gegenstände werden gezeigt: Alte Teddys, eine kleine Uhr, Fotos oder eine Schafschere. Denn die Flüchtlinge hatten kaum etwas aus ihrem alten Leben retten können.

"Es ist unglaublich bewegend, wie viel Traurigkeit in diesen Flüchtlingsfamilien bis heute zu finden ist. Viele Kinder haben die Traurigkeit ihrer Eltern übernommen und wurden sie nie los."

Auf einem großflächigen Foto an einer Wand im Museum ist das Kreisdurchgangslager Biberach schwarz-weiß abgebildet. (Foto: SWR, Martin Hattenberger)
Im Kreisdurchgangslager waren teilweise bis zu 1.000 Menschen gleichzeitig untergebracht. Später wurde das Lager zu Wohnungen umgebaut. Martin Hattenberger

Aus der Zeit ist wenig erhalten. Auch vom großen Kreisdurchgangslager gibt es nur zwei Bilder.

Deutsche Schuld und Fluchtursachen nicht vergleichbar

Mit der Ausstellung will das Museum ein Thema aufarbeiten, das lange als Tabuthema galt, sagt der Museumsleiter Frank Brunnecker. Das Unrecht der Vertreibung soll jedoch in keiner Weise mit dem Unrecht des Angriffskrieges, der von Deutschland begonnen wurde, verrechnet oder gar gleichgestellt werden, betont Brunnecker. Durch das Unrecht der Vertreibung, das den Millionen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg widerfuhr, verringere sich die deutsche Schuld am Krieg um kein Jota, so Brunnecker. Dennoch müsse man auch die Vertreibungen thematisieren.

"Vertreibungen sind immer Unrecht."

An einer Wand hängen historische schwarz-weiß-Aufnahmen von Biberach nach dem Zweiten Weltkrieg. (Foto: SWR, Martin Hattenberger)
Auch historische Aufnahmen von Biberach aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg werden in der Ausstellung "Ankommen 1945-1960" gezeigt. Martin Hattenberger

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