Eine Schülerin macht einen Lolli-Coronatest (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Roland Weihrauch)

Zweifel an Schnelltests

Corona-Ausbruch: Ärger wegen Schnelltests an Friedrichshafener Kindergarten

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Ein Corona-Ausbruch mit 20 Infizierten wirft die Frage nach der Sicherheit durch Schnelltests auf. Am betroffenen Kindergarten kommen nun andere Tests zum Einsatz. Woanders nicht.

Es ist die zweite Novemberwoche und mehrere Kinder an einem Kindergarten in Kluftern (Bodenseekreis) haben sich mit dem Coronavirus infiziert.

Nachfrage beim Landratsamt Bodenseekreis: 20 Fälle habe das lokale Gesundheitsamt "im Zusammenhang mit dem Ausbruchsgeschehen im Kindergarten Kluftern" registriert. Weitere Fälle seien aber möglich, denn es würden wie überall im Land nicht mehr alle Einzelfälle und Fallzusammenhänge nachverfolgt, so ein Sprecher.

Eigentlich sollte ein Corona-Ausbruch wie dieser durch tägliche Antigen-Schnelltests in Kitas und Kindergärten wenn nicht verhindert so doch eingedämmt werden: Ein Kind oder eine Pädagogin hat vielleicht noch keine Symptome, aber der Schnelltest schlägt an. Dann kann die möglicherweise infizierte Person isoliert und die Corona-Infektion mit einem PCR-Test überprüft werden. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, Infektionskette nachvollzogen und durchbrochen. So zumindest die Theorie. Am Klufterner Kindergarten seien Schnelltestergebnisse jedoch gleich mehrfach falsch-negativ gewesen. So konnte sich das Coronavirus unerkannt ausbreiten. Das berichtet ein Klufterner Vater im "Südkurier".

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Bieten Schnelltests nur trügerische Sicherheit?

Kluftern ist die zweitgrößte Teilgemeinde von Friedrichshafen. Gut 3.600 Menschen leben hier. Mit dem Fahrrad fährt man eine knappe halbe Stunde bis zum Seeufer, bei gutem Wetter ist in der Ferne die Silhouette der Alpen zu sehen. Nun steht Kluftern wegen des Corona-Ausbruchs im Kindergarten in der Öffentlichkeit. Und Corona-Schnelltests im Ruf, lediglich trügerische Sicherheit zu bieten.

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Auf SWR-Nachfrage bestätigt eine Sprecherin der Stadt Friedrichshafen "eine Häufung" von Corona-Fällen im Kindergarten Kluftern zwischen Montag (8.11.) und Sonntag (14.11.). Ein Sprecher des Landratsamts Bodenseekreis sagt:

"Es gab auch an mehreren weiteren Schulen und Betreuungseinrichtungen Fallhäufungen, die als Ausbruchsgeschehen eingestuft wurden."

60.000 Lolli-Tests eines chinesischen Herstellers hatte die Stadt Friedrichshafen angeschafft, weitere 58.000 das Landratsamt Bodenseekreis für 16 weitere Städte und Gemeinden im Landkreis. Sie kamen auch im Klufterner Kindergarten zum Einsatz.

Schnelltests dieses Herstellers waren nicht mehr gelistet

Auf Initiative eines Klufterner Vaters kam dann heraus, was eine Sprecherin der Stadt Friedrichshafen gegenüber dem SWR als "ärgerlich" bezeichnet. "Weil wir herausfinden mussten, dass der Schnelltest am 21. September von der Liste des Bundesamtes, das für die Tests zuständig ist, heruntergenommen wurde und wir diesen Test noch im Einsatz hatten. Das war ärgerlich für uns, aber auch für die Eltern natürlich, weil wir diesen Test jetzt austauschen mussten."

Zwei Listen für Schnelltests führt das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Um auf die BfArM-Listen zu kommen, müssen Tests CE-zertifiziert - also rechtmäßig für den Handel in Europa zugelassen sein. Außerdem prüft das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Abstimmung mit dem Robert Koch-Institut (RKI) regelmäßig die Schnelltests verschiedener Hersteller. Erfüllt ein Test die Kriterien in Sachen Verlässlichkeit nicht, fliegt er von den BfArM-Listen. So wie die Lolli-Tests des Herstellers REALY TECH, die am Klufterner Kindergarten und in 16 weiteren Städten und Gemeinden im Bodenseekreis im Einsatz waren. Die letzte Bestellung habe vor dem 21. September gelegen, da man immer größere Mengen abnehme.

Für Kritik hat in diesem Zusammenhang auch gesorgt, dass die Schnelltests von REALY TECH laut Herstellerangaben für den Gebrauch durch geschultes Personal bestimmt sind und nicht als Selbsttest angewandt werden sollten. Eine Sprecherin der Stadt Friedrichshafen verweist auf SWR-Nachfrage auf eine Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums vom Februar 2021. Durch die Verordnung, die dem SWR vorliegt, wurde die Anwendung der "Profi"-Schnelltests durch bestimmte Berufsgruppen zugelassen - etwa auch für Beschäftigte in Schulen oder Kindergärten, die dann wiederum Eltern bei der Anwendung der Schnelltests anweisen durften. "Die Aussage, die Tests seien für die Laiennutzung nicht zugelassen gewesen, stimmt also nicht."

Seit dieser Woche sind nun neue Tests in Friedrichshafen im Einsatz, die alten Tests habe der Hersteller zurückgenommen, so die Sprecherin der Stadt, Zusatzkosten seien keine entstanden. In einer Kita in Salem werden die Lolli-Tests von REALY TECH dagegen vorerst weiterhin verwendet. In einer E-Mail der Kindergartenleitung, die dem SWR vorliegt, heißt es: "Sie funktionieren, sind jedoch eigentlich nur von geschultem Personal zu verwenden. Neue Tests werden bestellt. So lange verwenden wir diese Test, da jeder Test besser ist als kein Test."

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