Einweihung der neuen Synagoge in Konstanz (Foto: SWR)

Kretschmann bekräftigt gemeinsamen Kampf gegen Antisemitismus Neue Synagoge in Konstanz eingeweiht

Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen wurde die neue Synagoge in Konstanz feierlich eingeweiht. Seit der Zerstörung 1938 hatten die Juden in der Stadt keine eigene Synagoge mehr.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
19:45 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

Begleitet von Musik und Tanz wurden die heiligen Thora-Rollen zur neuen Synagoge in der Konstanzer Altstadt gebracht. Zahlreiche Gäste waren erschienen - darunter Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg.

Ministerpräsident Kretschmann sicherte allen jüdischen Mitbürgern uneingeschränkte Unterstützung bei der Bekämpfung des Antisemitismus zu. "Ihr seid ein wertvoller und unverzichtbarer Teil unserer Gesellschaft", sagte er.

"Und wer Euch diskriminiert, bedroht oder angreift, der greift auch uns an. Wir stehen fest an Eurer Seite!"

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne)

Die Einweihung sei ein "Triumph jüdischer Religiosität, unserer freiheitlichen Grundordnung und unseres interreligiösen Zusammenlebens über die Mächte von Hass und Gewalt." Es gelte, all jenen mit aller Kraft entgegenzutreten, die NS-Verbrechen als "Vogelschiss" abtun wollten, sagte Kretschmann.

Nach 81 Jahren Neue Synagoge in Konstanz: Ein "Licht gegen den Hass"

Einweihung der neuen Synagoge in Konstanz (Foto: SWR)
Der Höhepunkt der Einweihung: Bei einem Freudenzug durch die Gassen von Konstanz trugen die Gläubigen die heiligen Thorarollen symbolisch vom Standort der ehemaligen Synagoge zu dem rund 50 Meter entfernten Neubau. Bild in Detailansicht öffnen
Anschließend wurden die Thorarollen vom Vorstand der jüdischen Gemeinde in Konstanz und in Baden in einen Schrein gestellt. picture alliance/Felix Kästle/dpa Bild in Detailansicht öffnen
Die neue Konstanzer Synagoge steht sichtbar in der Konstanzer Innenstadt. Der Bau sei genau das richtige Zeichen, sagte Badens Landesrabbiner Moshe Flomenmann. "Er bringt Licht in das Dunkel der Welt. Dieses Licht brauchen wir - gegen den Hass, gegen die Ausgrenzung, für uns alle." Bild in Detailansicht öffnen
Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) war bei der feierlichen Einweihung dabei. Der Bau sei ein "Triumph jüdischer Religiosität, unserer freiheitlichen Grundordnung und unseres interreligiösen Zusammenlebens über die Mächte von Hass und Gewalt". picture alliance/Felix Kästle/dpa Bild in Detailansicht öffnen

Der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, nannte den Zulauf zu Rechten in Deutschland beunruhigend. Er sagte, die AfD wolle die Bundesrepublik von innen her aushöhlen. "Wer AfD wählt, wählt das bewusste Ausblenden der Verbrechen des Nationalsozialismus, den Abschied von der Toleranz für Minderheiten und das potenzielle Aus für die Religionsfreiheit in diesem Land." Lehrer appellierte "an die demokratischen Volksparteien, standhaft zu bleiben und sich auch in Zukunft nicht auf eine Koalition mit den rechten Rattenfängern einzulassen."

Viele Juden würden sich nach dem Anschlag von Halle am Feiertag Jom Kippur fragen, ob es überhaupt noch sinnvoll sei, in Deutschland Synagogen zu eröffnen, berichtete Badens Landesrabbiner Moshe Flomenmann. "Ja, der Bau von Synagogen ist sinnvoll", gab er zur Antwort. "Er ist genau das richtige Zeichen. Er bringt Licht in das Dunkel der Welt. Dieses Licht brauchen wir - gegen den Hass, gegen die Ausgrenzung, für uns alle."

"Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit zerstören den gesellschaftlichen Zusammenhalt", warnte der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG), Rami Suliman. "Wir brauchen eine Null-Toleranz-Haltung gegen Ausgrenzung, Bedrohung und körperliche Angriffe."

Eröffnung unter hohen Sicherheitsvorkehrungen

Die Eröffnung stellte die Polizei vor besondere Herausforderungen: Die Feierlichkeiten finden, rund vier Wochen nach dem antisemitischen Anschlag in Halle, unter hohem Polizeischutz statt. Die neue Synagoge ist auch mit moderner Sicherheitstechnik ausgestattet.

Die neue Konstanzer Synagoge steht mitten in der Stadt. Nur wenige Meter von dem Ort entfernt, an dem 1883 die erste Synagoge gebaut wurde. Zweimal wurde das Gotteshaus in Brand gesteckt und nach seiner Zerstörung auch nie wieder aufgebaut. Gebetet haben die Konstanzer Juden seitdem in Privaträumen.

Erster Brandanschlag auf Synagoge im "Dritten Reich"

Die neunjährige Jüdin Beate Bravmann wohnte mit ihrer Familie gleich neben der alten Synagoge, als diese am 1. November 1936 das erste Mal in Brand gesteckt wurde. Bei einem Besuch in Konstanz 2013 erinnerte sich Bravmann: "Das Gebäude war so stark, dass die Mauern nicht zerstört werden konnten. Aber die Thorarollen auf dem Altar wurden mit Benzin übergossen, und Männer zündeten die Kandelaber an. Die zerbrachen in zwei Teile, als wären sie Zündhölzer."

Konstanzer Stolpersteine, die an die jüdische Familie Bravmann erinnern (Foto: SWR, Stefanie Baumann)
Konstanzer Stolpersteine, die an die jüdische Familie Bravmann erinnern. Stefanie Baumann

Es war der erste Brandanschlag auf eine Synagoge im "Dritten Reich". Doch kaum jemand nahm Notiz, der örtlichen Zeitung war es nur eine kurze Meldung wert. Denn schon zu dieser Zeit manifestierte sich auch in Konstanz das Unrechtsregime, sagt der Konstanzer Historiker Tobias Engelsing. Juden wurden misshandelt, angepöbelt und bespuckt.

Sprengkommando legt Synagoge in Schutt und Asche

Im November 1938 versuchten SS-Männer erneut, das Gebäude abzubrennen. Die Konstanzer Feuerwehr, die 1936 den Brand noch gelöscht hatte, stand diesmal tatenlos daneben. Einige Feuerwehrleute halfen sogar, die Dachluken zu öffnen, um die Flammen anzufachen. Wieder hielten die Mauern stand. Am Ende rückte ein Sprengkommando an und legte die Synagoge in Schutt und Asche. Sie wurde nie wieder aufgebaut.

Eine Fotocollage: Die alte Konstanzer Synagoge vor ihrer Zerstörung und nach der Sprengung 1938 (Foto: Pressestelle, Rosgartenmuseum Konstanz)
Die alte Konstanzer Synagoge vor und nach ihrer Zerstörung 1938. Pressestelle Rosgartenmuseum Konstanz

Nach dem Krieg errichtete man auf dem Grundstück einen Schrottplatz.

"Die Nachkriegsgesellschaft hat sozusagen die Dornenhecke wachsen lassen, die wollte nicht erinnert werden an das, was da geschehen war."

Tobias Engelsing, Konstanzer Historiker

In den 1960er-Jahren kaufte der KZ-Überlebende Sigmund Nissenbaum das Grundstück, baute ein Geschäftshaus und richtete darin eine kleine private Synagoge ein. Vor dem Gebäude erinnert ein Stolperstein an die ehemalige Synagoge.

Ein Stolperstein, der an die 1938 zerstörte Konstanzer Synagoge erinnert (Foto: SWR, Stefanie Baumann)
Ein Stolperstein, der an die 1938 zerstörte Konstanzer Synagoge erinnert. Stefanie Baumann

Jahrelange Planung für neue Synagoge

Die Planung für eine richtige Synagoge dauerte 15 Jahre. Gebaut und finanziert wurde der fünf Millionen Euro teure Bau von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden. Die Synagoge besitzt Gemeinderäume, eine eigene Küche und eine Mikwe, ein jüdisches Tauchbad zur rituellen Reinigung.

Dauer

Beate Bravmann, die als Kind die Konstanzer Synagoge brennen sah, ist nicht bei der Einweihung dabei. Die 92-Jährige, die heute Beatrice Muhlfelder heißt, lebt in Amerika. Dorthin war sie 1938 mit ihrer Familie geflüchtet.

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