Szene aus dem Konstanzer Theaterstück

Umstrittene Premiere in Konstanzer Theater Medien und Polizei bei „Mein Kampf“

Die umstrittene Premiere des Theaterstücks „Mein Kampf“ am Freitagabend in Konstanz wird von Medienvertretern aus dem In- und Ausland verfolgt werden. Auch die Polizei ist wachsam.

Die Polizei sei kräftemäßig so aufgestellt, dass sie sofort reagieren könne, sagte ein Sprecher auf SWR-Anfrage. Zahlen nannte er aus taktischen Gründen nicht. Bisher seien allerdings keine Demonstrationen oder Blockade-Aktionen rund um das Theater Konstanz angekündigt. Das Theater selbst hat sechs Sicherheitskräfte engagiert. hristlich-jüdische Organisationen hatten zum Boykott des Tabori-Stückes aufgerufen, weil die Zuschauer während der Aufführung Davidsterne oder Hakenkreuze tragen sollen.

30 Journalisten wollen die umstrittene Premiere verfolgen, zehnmal so viele wie üblich, unter ihnen Vertreter der BILD-Zeitung und der Neuen Zürcher Zeitung sowie Kamerateams von SWR, ZDF, aber auch des Moskauer Senders Russia Today. Filmaufnahmen während der Aufführung hat das Theater allerdings unterbunden. Bereits im Vorfeld der Premiere war das Medieninteresse groß, sogar die New York Times berichtete über die Kontroverse in Deutschland.

Bildergalerie „Mein Kampf“ am Theater Konstanz

Bilder zu der Inszenierung des Tabori-Stücks
Die „Farce“ von George Tabori beschreibt die Wiener Jahre von Adolf Hitler (Peter Posniak, links), eine Art „Making of“ des Diktators. Pressestelle Theater Konstanz / Ilja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Hitler erscheint 1910 als erfolgloser Studienaspirant im Männerwohnheim. Herzl (Thomas Fritz Jung) und Lobkowitz (Andreas Haase) sind Sparringspartner bei der Entwicklung des harmlosen Mannes zum blutrünstigen Demagogen. Pressestelle Theater Konstanz / Ilja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Gretchen, eine Art Männerphantasie der unfreiwilligen Wiener Wohnheim-Kommune (Laura Lippmann), berückt auch Herzl (Thomas Fritz Jung). Der Jude nimmt bald den jungen Hitler unter seine Fittiche. Pressestelle Theater Konstanz / Ilja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Peu à peu verwandelt sich Hitler (Peter Posniak) in „Mein Kampf“ schließlich in den späteren Diktator. Pressestelle Theater Konstanz / Ilja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Eine Entwicklung, die absurderweise nur Dank der Nächstenliebe von Herzl und sogar der Beihilfe Gottes (Thomasz Robak als „Himmlisch“) möglich ist. Pressestelle Theater Konstanz / Ilja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Besonders tragisch ist die Rolle des Juden Herzl im Männerwohnheim (Thomas Fritz Jung, rechts). Denn erst die Fürsorge von Herzl, seine guten Tipps und Tricks, machen aus dem jungen Hitler (Peter Posniak) den späteren Diktator. Pressestelle Theater Konstanz / Ilja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Mit Herzl als Mentor verwandelt sich Hitler auf diese Weise langsam auch äußerlich in die Diktatorenfratze (Thomas Fritz Jung und Peter Posniak). Pressestelle Theater Konstanz / Ilja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Selbst den Titel für sein eigenes Buch, „Mein Kampf“, überlässt Herzl dem fatalen Schützling. Pressestelle Theater Konstanz / Ilja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Schließlich werden in „Mein Kampf“ auf tragikomische Weise die christlichen Werte in der schwarzen Messe des Diktators geopfert. Peter Posniak als Hitler in der Konstanzer Inszenierung von Serdar Somuncu. Pressestelle Theater Konstanz / Ilja Mess Bild in Detailansicht öffnen
Bilder von der Konstanzer Inszenierung des Trabori-Stücks „Mein Kampf“ Pressestelle Theater Konstanz / Ilja Mess Bild in Detailansicht öffnen

Hakenkreuze in Theateraufführung nicht strafbar

Vor der umstrittenen Premiere von Taboris Stück waren bei der Staatsanwaltschaft Konstanz mehrere Anzeigen gegen die Hakenkreuz-Aktion eingegangen. Die Behörde teilte daraufhin mit, dass das Tragen von Hakenkreuz-Symbolen während der Aufführung nicht strafbar ist und kein Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen des Stadttheaters eingeleitet wird. Zwar sei das Tragen von NS-Symbolen grundsätzlich eine Straftat, da es sich um Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen handele. Diesen Fall decke aber die Freiheit der Kunst ab, weil es Teil der Inszenierung sei.

Dauer

Theater verteidigt Aktion

Wenige Tage vor der Premiere bezog das Theater Konstanz in einer Pressekonferenz Stellung. Es kam zu einer sehr emotionalen Auseinandersetzung. Intendant Christoph Nix verteidigte die Aktion, entschuldigte sich aber auch öffentlich.

„Es trifft mich, wenn ich erfahre, dass jüdische Freunde und Mitbürger durch unsere Inszenierung verletzt worden sind.“

Christoph Nix, Intendant des Theaters Konstanz

Man sei überrascht und erschrocken über die Anzahl der Menschen, die bereit sind, für freien Eintritt während der Vorstellung ein Hakenkreuz zu tragen, so das Theater Konstanz gegenüber dem SWR. Mit der Aktion wolle man zeigen, wie korrumpierbar Menschen seien.

Dauer

NS-Symbole als Teil der Inszenierung

Besucher, die kostenlos in die Vorstellung "Mein Kampf" von George Tabori wollen, müssen im Theatersaal ein Hakenkreuz tragen. Zahlende Besucher können freiwillig während der Vorstellung einen Davidstern tragen - als Zeichen der Solidarität mit den jüdischen Opfern der NS-Zeit.

Ursprünglich sollte das Tragen eines Davidsterns für zahlende Besucher verpflichtend sein. Dagegen gab es heftige Proteste zum Beispiel durch die Deutsch-Israelische Gesellschaft Bodensee. Nun können zahlende Besucher die Vorstellungen auch ohne Symbole aus der NS-Zeit anschauen.

Das Theater Konstanz und Regisseur Serdar Somuncu verstehen die Entscheidung der Zuschauer bereits als Teil der Aufführung. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft Bodensee und die Christlich-Jüdische Gesellschaft hatten diese Idee als geschmacklos bezeichnet und zum Boykott der Vorstellungen aufgerufen.

Stadt gegen die Aktion

Die Stadt Konstanz distanzierte sich gegenüber dem SWR klar vom Theater. Es werde ein "vorhersehbarer Kollateralschaden" bewusst in Kauf genommen. "Dass man die Gefühle der Nachkommen eines fast ermordeten Volkes ganz grob verletzt - da ist für mich eine Grenze überschritten", so Andreas Osner (SPD), Erster Bürgermeister der Stadt.

Die Premiere der Inszenierung des Regisseurs und Kabarettisten Serdar Somuncu ist am 20. April, Hitlers Geburtstag.

STAND