Seán McGinley, Leiter Geschäftsstelle Flüchtlingsrat Baden-Württemberg.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow (Archivbild), Montage SWR)

SWR Interview zur Lage in Afghanistan

Flüchtlingsrat BW fordert, gefährdete Menschen in Sicherheit zu bringen

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Viele Menschen, die in Baden-Württemberg leben und aus Afghanistan stammen, haben Angst um ihre Angehörigen. Sie wenden sich an den Flüchtlingsrat. Über dessen Forderungen haben wir mit Seán McGinley, dem Leiter der Geschäftsstelle, gesprochen.

SWR: Welche Forderungen haben Sie an die Verantwortlichen in der Region? Was sollten beispielsweise Stuttgart und die umliegenden Städte tun?

Seán McGinley: Die Städte und Kommunen und die Landkreise können natürlich ein Zeichen setzen, indem sie öffentlich bekennen, dass sie bereit sind, Menschen aus Afghanistan aufzunehmen. Da gibt es ja einige Kommunen in Deutschland, die das schon gemacht haben. Das wäre ein wichtiges Zeichen. Stuttgart hat sich ja auch vor einiger Zeit zum sogenannten sicheren Hafen erklärt. Damit geht auch die Bereitschaft einher, Menschen aufzunehmen. Und jetzt ist angesichts der Situation in Afghanistan der große Bedarf da.

Im Wesentlichen sehen wir aber die Zuständigkeit und die Handlungsoptionen, wirklich konkret etwas zu bewegen, bei der Landesregierung und bei der Bundesregierung. Und an diese richten sich in erster Linie unsere Forderungen.

Was fordern Sie und was erhoffen Sie sich?

Wir fordern, möglichst viele der stark gefährdeten Personen in Afghanistan in Sicherheit zu bringen. Es reicht nicht aus, dass die deutsche Regierung deutsche Staatsangehörige ausfliegen lässt und einige der sogenannten Ortskräfte, die auch direkt bei der Bundeswehr angestellt waren und nicht über irgendwelche Subunternehmen. Es gibt viel mehr Leute, die gefährdet sind. Und selbst bei den Ortskräften funktioniert das nach unserer Erfahrung und unseren Rückmeldungen aus der Praxis mehr schlecht als recht.

Und es gibt sehr viele Menschen, die gefährdet sind. Sehr viele Personengruppen, die gefährdet sind. Das betrifft auch Menschen, die politisch aktiv waren. Menschen, die in Justiz und Polizei waren. Menschen, die zivilgesellschaftlich aktiv waren. Menschen, die Minderheiten angehören - ob das LGBT-Menschen sind, oder auch religiöse und ethnische Minderheiten. Und unter all diesen Personengruppen haben wir natürlich auch Angehörige von Menschen, die bereits hier in Baden-Württemberg sind.

Die Bundesländer Schleswig-Holstein, Thüringen und Berlin sind jetzt dabei, ganz kurzfristig Landesaufnahmeprogramme auf den Weg zu bringen für Familienangehörige von Menschen, die in diesen Bundesländern leben. Diese Möglichkeit hätte Baden-Württemberg auch. Und da fordern wir von unserer Landesregierung, dass sie so wie diese anderen Bundesländer auch, davon Gebrauch macht.

Sie haben ja als Flüchtlingsrat enge Beziehungen zu Geflüchteten aus Afghanistan, die hier in Baden-Württemberg angekommen sind. Was erleben Sie da derzeit?

Das ist dramatisch, grade in den letzten Tagen. Wir haben schon seit einigen Wochen immer wieder die Situation gehabt, dass Menschen aus Afghanistan sich bei uns melden und fragen, welche Möglichkeiten es gibt, ihre Angehörigen da raus zu holen. Das hat sich seit dem letzten Wochenende massiv verschärft. Im Stundentakt kommen diese Bitten bei uns an. Das sind in aller Regel Menschen, die beispielsweise auf ein Familiennachzugsvisum warten - ganz lange Zeit - oder die jetzt besonders gefährdet sind.

Da waren Leute dabei, die Polizisten sind oder waren, Richter hatten wir auch schon, oder alleinstehende Frauen. Ganz viele Leute, die uns ganz eindrücklich schildern, wie ihre Angehörigen sich in Todesangst verstecken, wie die Taliban von Haus zu Haus gehen und befürchten, dass ihre Angehörigen getötet werden, sobald sie gefunden werden. Und ganz verzweifelt sagen, bitte bitte helft uns.

Es fällt uns sehr schwer, diesen Leuten sagen zu müssen, im Prinzip gibt es keine Hoffnung für sie. Weil das ist im Moment der Stand. Deswegen wollen wir ein deutliches Zeichen setzen. Weil wir glauben, dass viele Leute in Deutschland das nicht in Ordnung finden, dass die Regierung diese Menschen nicht aufnehmen will. Wir wissen, dass es Möglichkeiten gibt, wenn der entsprechende politische Wille vorhanden ist. Man könnte zumindest einige dieser Menschen in Sicherheit bringen.

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