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Zum Schutz gegen das Coronavirus hatte das Land Baden-Württemberg Millionen FFP2-Masken an Schulen, Verwaltung oder Pflegeheime verteilt. Doch dann folgte das böse Erwachen. Die Aufarbeitung hat gerade erst begonnen.

Noch im Jahr 2020 hatte die baden-württembergische Landesregierung angekündigt, Millionen FFP2-Masken zum Schutz gegen das Coronavirus kostenlos zu verteilen. Nachdem Anfang Februar das Sozialministerium eingestehen musste, dass nicht alle der Schutzmasken den Anforderungen genügen und rund 3,5 Millionen Masken aus dem Landesvorrat teils mangelhaft seien, wurde eine Rückrufaktion gestartet. Jetzt haben die Verantwortlichen angekündigt, Schadensersatzansprüche gegenüber den Maskenlieferanten zu prüfen.

13 Hersteller lieferten fehlerhafte FFP2-Masken

Die belieferten Stellen - etwa Schulen, stationäre Pflegeeinrichtungen, Universitätskliniken und Verwaltungen - waren informiert worden, dass die betroffenen Masken weder verteilt noch verwendet werden sollen. Das Land hatte die Masken selbst gekauft und auch vom Bund geliefert bekommen. Insgesamt 13 Hersteller, unter ihnen deutsche als auch ausländische Firmen, hatten zu Beginn der Pandemie fehlerhafte Masken geliefert. Dabei handelt es sich laut Ministerium um Schutzmasken des Typs FFP2, KN95 und CPA.  Betroffen sind nach Informationen der "Badischen Neuesten Nachrichten" (BNN) vor allem asiatische Hersteller, aber auch drei deutsche Firmen werden in einer bislang von den Behörden noch nicht veröffentlichten Liste der betroffenen Hersteller genannt.

Einige der Masken hätten den Normwert nur geringfügig um vier bis fünf Prozent überschritten. Sowohl die Masken, die das Land beschafft habe, als auch die vom Bund verteilten Masken seien stichprobenartig geprüft worden und hätten zu jenem Zeitpunkt auch den Anforderungen genügt. Nachdem sich aber vor allem Lehrkräfte über die Qualität der Masken beschwert hatten - sie würden zu Hautausschlägen führen und schlecht riechen - ordnete das Sozialministerium nach eigenen Angaben die neuerliche Testung an, bei der die Mängel nachgewiesen wurden.

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Da sich nicht eindeutig abgrenzen lasse, welche Lieferchargen konkret im Umlauf seien und welche Masken innerhalb der Chargen von minderer Qualität seien, würden außerdem zum Schutz der Bevölkerung die vom Land ausgelieferten Masken der betroffenen Hersteller schnellstmöglich durch geeignete Modelle ersetzt, hatte das Ministerium zu Beginn des Monats mitgeteilt. Noch in dieser Woche würden neue Masken, die regelmäßig von der DEKRA überprüft werden, an die betroffenen Stellen verteilt, so das Sozialministerium jetzt gegenüber dem SWR.

Wohin die Millionen fehlerhaften FFP2-Masken überall hin verteilt wurden, sei für das Ministerium nicht mehr abschließend feststellbar, so eine Sprecherin des Sozialministeriums gegenüber den BNN weiter. Dies habe damit zu tun, dass die Masken zum überwiegenden Teil an die Stadt-und Landkreise geliefert worden seien, von wo aus diese kommissioniert und an die Pflegeeinrichtungen verteilt wurden. 

Lehrerverband stellt Präsenzunterricht infrage

Kritik kam anschließend von mehreren Seiten. Unter anderem bemängelte der Landesberufsschullehrerverband die Vorgänge. "Wie kann es sein, dass das Land Baden-Württemberg einerseits möglichst zeitnah in den Präsenzunterricht zurückkehren will, andererseits jedoch nicht in der Lage ist, fehlerfreie und den Lehrkräften längst zugesagte Masken auszuliefern? Das passt nicht zusammen", betonte der Landesvorsitzende Thomas Speck vergangene Woche.

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Das Gesundheitsministerium habe von den ersten Hinweisen auf Mängel bis zur tatsächlichen Information mehr als sechs Wochen gebraucht, kritisierte Speck. "Ich kann nur hoffen, dass der Austausch der Masken an den beruflichen Schulen bis zu einem eventuellen Start des Präsenzunterrichts rechtzeitig erfolgt sein wird. Sollte dies nicht geschehen, müssen wir eine Öffnung der betroffenen Schulen ablehnen." Ausreichende Sicherheitsvorkehrungen im Schulbereich seien ein zentrales Element auf dem Weg aus der Pandemie.

Mangelhafte FFP2-Masken: FDP forderte Aufklärung

Auch die FDP-Fraktion im Stuttgarter Landtag sah zuletzt Fragen im Zusammenhang mit der Nachprüfung von Corona-Schutzmasken noch nicht geklärt. Es stellt sich nach Angaben von Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke die Frage, warum die Nachprüfung zu einem gänzlich anderen Ergebnis kam als eine davor vorgenommene Prüfung.

Es sei viel wertvolle Zeit bei einer wichtigen Maßnahme zum Gesundheitsschutz verloren gegangen, so Rülke. Betroffene könnten sich in falscher Sicherheit gewähnt haben. "Vom finanziellen und organisatorischen Aufwand der nun anlaufenden Rückhol- und Austauschaktion ganz zu schweigen. Wir fordern den Sozialminister und die Kultusministerin dringend auf, den Sachverhalt lückenlos aufzuklären und neben dem umgehenden Austausch sicherzustellen, dass zertifizierte FFP2-Masken als wichtiges Element zur Bekämpfung der Pandemie in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen", hatte Rülke betont.

Gerissene Gummibänder und weitere Mängel

Die Johannes-Diakonie in Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis) hatte über 100.000 Masken vom Land erhalten. Nachdem das Land die Information über mangelnde FFP2-Masken verbreitet hatte, habe man die Bestände gesichtet und mögliche mangelhafte Exemplare sofort aussortiert. Dabei habe sich herausgestellt, dass der Großteil der gelieferten Masken als mangelhaft einzustufen sei. Sie werden nun durch andere Modelle ersetzt, so die Verantwortlichen.

Auch die Firma Akzepta, die Heime in Südbaden betreibt, hat noch vor Weihnachten Gratismasken vom Land erhalten. Die Gummibänder seien aber gleich gerissen, sagt die Firma. Die Verantwortlichen reagierten verärgert, zumal ihnen die Rückrufaktion noch zusätzliche Arbeit beschere, wo sie eh schon am Anschlag arbeiten würden.

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