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Mit dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember verspricht die Bahn mehr Auswahl für Fahrgäste in Baden-Württemberg. Doch auch dann wird der Ärger über die Probleme bei den neuen Anbietern wohl nicht verstummen.

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19:30 Uhr
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SWR Fernsehen BW

Mit dem Fahrplanwechsel am 15. Dezember müssen sich vor allem Pendler im baden-württembergischen Regionalverkehr mit geänderten Zeiten und Angeboten vertraut machen. Die wichtigsten Neuerungen gibt es bei den S-Bahnen im Großraum Stuttgart und im Breisgau. Details dazu haben Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sowie Vertreter der Eisenbahnverkehrsunternehmen am Montag in Stuttgart präsentiert.

Ein Zug des Zugbetreibers Go-Ahead steht am Stuttgarter Hauptbahnhof.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Fabian Sommer/dpa)
Ab dem Fahrplanwechsel am 15. Dezember wird Go-Ahead auf einigen Strecken in Baden-Württemberg übernehmen. picture alliance/Fabian Sommer/dpa

Verschiedene Strecken werden mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2019 von den privaten Bahnkonkurrenten Go-Ahead und Abellio betrieben. Abellio übernimmt am 15. Dezember von der DB Regio die Strecke von Stuttgart über Heilbronn nach Mannheim. Go-Ahead wird neu auf den Linien Stuttgart-Ulm, Stuttgart-Würzburg und Stuttgart-Nürnberg unterwegs sein.

Verzögerungen bei bestellten Fahrzeugen

Ärgerlich ist für die beiden Bahn-Betreiber, dass die Herstellerfirmen Bombardier und Stadler noch immer nicht alle bestellten Fahrzeuge geliefert haben. So sind sie gezwungen, mit geliehen Zügen von der DB-Regio zu fahren. Darunter sind auch ältere Fahrzeuge, die nicht den Komfort auf neuestem Stand bieten. Ab Januar will Verkehrsminister Hermann mit allen Verantwortlichen Gespräche über mögliche Entschädigungen für Fahrgäste beginnen.

"Wir arbeiten mit den Eisenbahnunternehmen intensiv daran, das Angebot im regionalen Schienenverkehr zu verbessern und auszuweiten. Der Umstieg vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel kann nur gelingen, wenn attraktive Alternativen angeboten werden", so Hermann. Die Lieferprobleme der Zughersteller hätten hierbei große Probleme verursacht.

"Der Umstieg vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel kann nur gelingen, wenn attraktive Alternativen angeboten werden."

Winfried Hermann (Grüne), Verkehrsminister

"Wir sind mit den Herstellern, die die Fahrzeuge nicht rechtzeitig geliefert haben, in Gesprächen", so Hermann weiter. Es werde ein Treffen im Januar geben. Der grüne Minister bezeichnete Bombardier und Stadler als "Hauptverursacher des Problems" und kritisierte: "Ich hätte nicht gedacht, dass einer der größten Hersteller für Schienenfahrzeuge nicht in der Lage ist, Fahrzeuge nur einigermaßen pünktlich zu liefern. Und ich hätte nie gedacht, dass eine Musterfirma wie Stadler aus der Schweiz nicht pünktlich ist."

Vertreter der Bahn-Betreiber forderten Entschädigungen für die Lieferprobleme. Diese müssen von den Betreibern direkt bei den Herstellern eingefordert werden, während das Land wegen der Verspätungen seinerseits die Betreiber in Regress nehmen kann. Angaben zur Höhe möglicher Zahlungen durch die Hersteller machten weder die Betreiber noch das Land.

"Ich hätte nicht gedacht, dass einer der größten Hersteller für Schienenfahrzeuge nicht in der Lage ist, Fahrzeuge nur einigermaßen pünktlich zu liefern."

Winfried Hermann (Grüne), Verkehrsminister

Eine Stadler Rail-Sprecherin wollte sich zu den Gesprächen nicht äußern. Michael Fohrer, Deutschlandchef bei Bombardier Transportation, sagte auf Anfrage: "Wir stehen zu unseren vertraglichen Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden Abellio und SWEG." Die Verzögerungen seien in den Bereichen Software-Entwicklung und Produktion verursacht worden.

Der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Jochen Haußmann, forderte einen Entschädigungsfonds des Landes für Pendler. "Man kann nicht einerseits den Umstieg auf den ÖPNV propagieren und dann die Kunden erst monatelang alleine lassen und dann lediglich Gespräche führen wollen", sagte er.

Nach eigenen Angaben hat Stadler Rail die bestellten Züge im Juni zwar pünktlich an den Betreiber Go Ahead geliefert. Allerdings sei unter anderem wegen der Software in den neuen Zug-Modellen der Sommer-Start nicht reibungslos verlaufen, sagte die Sprecherin.

Lokführer sind Mangelware

Neben fehlender neuer Züge ist zum Fahrplanwechsel ein weiteres Problem nicht gelöst: Bei fast sämtlichen Anbietern fehlen Lokführer. "Dieser Beruf ist nach wie vor ein rares Objekt", sagte Go Ahead-Geschäftsleiter Hans-Peter Sienknecht.

"Es geht nur noch über Quereinsteiger", so Tobias Harms vom Vorstand der Südwestdeutschem Landesverkehrs-AG (SWEG). Probleme seien nicht nur die schwierigen Arbeitszeiten, die Bezahlung und das anstehende Ausscheiden zahlreicher älterer Lokführer. "Vielmehr benötigen wir natürlich bei einem deutlich erweiterten Angebot auf der Schiene auch eine größere Mannschaft", sagte Harms. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer schätzt, dass bundesweit schon jetzt etwa 1.500 Lokführer fehlen, nicht nur bei der Deutschen Bahn, sondern auch bei Mitbewerbern oder im öffentlichen Nahverkehr.

Verbesserungen im Breisgau

Das erweiterte Angebot zum Fahrplanwechsel schlägt sich in viele Regionen in Baden-Württemberg nieder. Deutliche Verbesserungen gibt es so zum Beispiel im Netz Breisgau Ost-West. Die 150 Kilometer von Endingen am Kaiserstuhl (Landkreis Emmendingen) und Breisach (Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald) über Freiburg durch das Höllental nach Villingen (Schwarzwald-Baar-Kreis) sind jetzt elektrifiziert.

Die DB-Regio wird auch neue Fahrzeuge mit Mehrzweckabteilen und WLAN an Bord einsetzen. Werktags wird es einen Halbstundentakt auf der Strecke Breisach-Endingen und Neustadt (Breisgau-Hochschwarzwald) geben, zwischen Titisee und Seebruck fährt die Bahn im Stundentakt. An Sonn- und Feiertagen wird das Angebot erhöht. Zwischen Freiburg und Neustadt verkehren die Züge dann alle 20 Minuten. Auf der Rheintalbahn fährt ab Juni 2020 außerdem stündlich ein Regionalexpress zwischen Basel, Freiburg und Offenburg (Ortenaukreis).

Westfrankenbahn nimmt Betrieb auf

Die Westfrankenbahn nimmt den Betrieb im Netz Hohenlohe-Franken-Untermain auf. Auf den Strecken zwischen Heilbronn, Crailsheim (Landkreis Schwäbisch-Hall), Schwäbisch-Hall, Wertheim (Main-Tauber-Kreis) und Hessental wird es verbesserte Takte geben. Auf der Frankenbahn von Stuttgart über Heilbronn nach Würzburg fahren die Züge künftig jede Stunde. Im Schülerverkehr zwischen Lauda (Main-Tauber-Kreis) und Osterburken (Neckar-Odenwald-Kreis) werden zusätzliche Züge eingesetzt. Am Wochenende werden die Regionalbahnen im Maintal im Stundentakt fahren.

Zum Einsatz werden laut Verkehrsministerium künftig 37 Züge kommen, die Sicherheit der Fahrgäste soll durch die Kamera-Aufzeichnungen in den Fahrzeugen gewährleistet werden.

Im Stuttgarter Netz wird die Filstalbahn von Stuttgart über Plochingen und Geislingen nach Ulm stündlich fahren. Im kommenden Jahr werden am Wochenende auch nachts Züge auf dieser Strecke unterwegs sein. Im Netz der Murrbahn wird es zwischen Stuttgart und Gaildorf-West ein halbstündliches Angebot geben.

Um die Betriebsaufnahme auf den neuen Strecken und den Gesamtbetrieb zu stabilisieren, wird Go-Ahead einige Fahrplaneinschränkungen vornehmen. Der Interregio-Express wird zunächst nur zwischen Karlsruhe und Schwäbisch Gmünd verkehren; auf dem Teilstück Schwäbisch Gmünd-Aalen wird der Zug voraussichtlich erst vom 1. Februar 2020 an wieder fahren.

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