Professor Doktor Volker Auwärter von der Uniklinik Freiburg (Foto: Pressestelle, Uniklinik Freiburg)

Gefahr durch Cannabinoide

Freiburger Toxikologe: "Es gibt Todesfälle nach dem Konsum von synthetischem Cannabis"

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AUTOR/IN
Katharina Fuß
SWR-Redakteurin Katharina Fuß (Foto: Fotoatelier M., Terzo Algeri)

Künstlich verstärktes Cannabis kann für Konsumierende richtig gefährlich werden. Der Freiburger Mediziner Volker Auwärter spricht im SWR-Interview über die Risiken.

Giftiges Cannabis verbreitet sich immer mehr, das zeigen auch Zahlen aus Baden-Württemberg. Der Toxikologe Volker Auwärter untersucht an der Uniklinik Freiburg für Staatsanwaltschaften und Zoll beschlagnahmte Drogen. Dabei hat er festgestellt: Ein erheblicher Anteil der auf dem Schwarzmarkt gekauften Drogen ist chemisch verunreinigt.

SWR: Wie oft entdecken Sie bei Ihren Untersuchungen chemisch behandeltes Cannabis?

Volker Auwärter: Seit gut einem Jahr unterstützen wir Zolldienste und Staatsanwaltschaften mit diesen Untersuchungen und da haben wir einige zig Kilogramm, also bis zu 50 Kilogramm, von diesen Lieferungen mit behandeltem Cannabis bekommen. Nach Schätzungen macht das inzwischen 10 bis 20 Prozent des gesamten Cannabis aus, wobei neben Marihuana, also Blüten, auch Haschisch betroffen ist.

Wie gut kann man herkömmliches Cannabis von synthetischem Cannabis unterscheiden?

Also optisch und geruchlich kann man das ganz schwer oder gar nicht unterscheiden. Es gibt aber zwei unterschiedliche Arten der Herstellung. Zum einen ist da die Herstellung, bei der die Blüten von CBD-Cannabis zur Gewinnung von CBD-Öl extrahiert werden und das übrig gebliebene Cannabis dann mit synthetischen Cannabinoiden und manchmal auch mit cannabistypischen Duftstoffen behandelt wird. Das wird dann als normales Cannabis verkauft, ist aber eigentlich eher ein Abfallprodukt. Das kann man, wenn man sich gut auskennt, schon erkennen, zum Beispiel ist es von der Farbe eher bräunlich, also nicht mehr so grün, wie frisch getrocknete Cannabisblüten. Bei der zweiten Herstellungsart wird der CBD-Hanf so geerntet, wie er gewachsen ist und dann mit synthetischen Cannabinoiden besprüht. Und dieses Cannabisblüten kann man absolut nicht von normalem Marihuana unterscheiden. Es sieht genauso aus und auch beim Rauchen schmeckt man die Zusätze nicht.

Wie gefährlich sind diese Cannabinoide für die Konsumierenden?

Schon allein von normalem Cannabis gehen Gefahren aus, aber wenn wir jetzt zu den synthetischen Cannabinoiden schauen, dann ist das alles ein Stück dramatischer. Da ist es so, dass diese Stoffe deutlich stärker wirken können als herkömmliches THC, auch wenn man dieses hoch dosiert. Das Abhängigkeitpotential ist größer und auch die psychischen Auswirkungen: Der Konsum scheint zum Beispiel schneller Psychosen auszulösen. Die Einnahme von synthetischen Cannabinoiden kann sogar lebensbedrohlich sein, was bei normalem Cannabis bei gesunden Menschen nicht der Fall ist. Bei synthetischen Cannabinoiden kann auch ein junger gesunder Mensch in Lebensgefahr geraten.

Heißt das konkret, dass man durch den Konsum auch sterben kann?

Ja, das ist absolut richtig. Wir sehen jedes Jahr eine gewisse Anzahl von Todesfällen. Keine wahnsinnig große Anzahl, aber es gibt sicher auch eine nicht unbeträchtliche Dunkelziffer, daher würde ich sagen, wir haben in Deutschland jährlich einige Dutzend Todesfälle, die auf synthetische Cannabinoide zurückzuführen sind. Das ist im Vergleich zu den Konsumenten keine riesige Zahl und es scheint auch tendenziell in den letzten Jahren eher zurückzugehen, trotzdem - das Potential steckt in den Substanzen, die können einfach bei zu hoher Dosierung tödlich sein.

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Wie kann denn verhindert werden, dass sich diese synthetischen Cannabinoide weiter bei uns verbreiten?

Das ist schwierig. Man hat ja mit dem Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) versucht, diese Substanzen als über die chemischen Strukturen definierte Gruppen umfassend zu verbieten. Dieses Gesetz wird aber regelmäßig umgangen, indem immer wieder neue Stoffe mit abweichenden Strukturtypen auf den Markt kommen. Und dann werden natürlich über das Internet auch viele nicht-legale Stoffe vertrieben. Einen kontrollierten Markt für Cannabis zu schaffen, könnte die Nachfrage sicherlich reduzieren. Ohne das jetzt promoten zu wollen, aber aus toxikologischer Sicht rauchen die Konsumenten lieber Cannabis als die synthetischen Cannabinoide. Das ist ja auch geplant von der neuen Bundesregierung, also die Schaffung eines legalen Cannabis-Angebots. Ein niederschwelligeres und schneller einführbares Angebot wäre dann das sogenannte Drug-Checking, bei dem Konsumenten über eine Analyse herausfinden können, ob sie das Naturprodukt oder manipuliertes Cannabis gekauft haben.

Drug-Checking ist im Moment ja rechtlich nicht möglich, da nicht-legale Drogen dabei analysiert werden. Sehen Sie trotzdem eine Möglichkeit?

Es ist tatsächlich so, dass es bisher schwierig war. Auch ein gut aufgestelltes Pilotprojekt, das unter meiner Beteiligung in Hessen durchgeführt werden sollte, ist an der Genehmigung der Bundesopiumstelle gescheitert. Das bedeutet aber nicht, dass Drug-Checking grundsätzlich in Deutschland nicht möglich wäre. Man müsste nur Wege finden, die am Projekt beteiligten Akteure vor einer Strafverfolgung zu schützen. Das geht beispielsweise über eine Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft, dass im Falle einer Anzeige das Verfahren eingestellt werden kann. Dafür bräuchte man natürlich politischen Rückhalt. Der nächste Schritt könnte dann sein, Drug-Checking im Betäubungsmittelgesetz zu verankern. Dass Drug-Checking möglich ist, sehen wir übrigens an unseren Nachbarländern Schweiz und Österreich, wo es eine ähnliche Gesetzgebung gibt wie bei uns in Deutschland, aber Drug-Checking schon seit vielen Jahren stattfindet.

Es gibt ja auch Kritik zu Drug-Checking, dass dies zu einer Scheinsicherheit oder auch zu einer Zunahme von Drogenkonsum führen könnte. Wie sehen Sie das?

Ich kenne die Argumente, teile diese Einschätzung aber nicht. Das ist ja fast ein bisschen zynisch zu sagen: 'Also wenn ihr Cannabis kauft, könnt ihr auch vergiftet werden, aber wir tun nichts dagegen, denn das schreckt ja vielleicht schon ein paar Leute ab'. Es kann in der Drogenpolitik auch nicht darum gehen, den Cannabis- oder generell den Drogenkonsum zu eliminieren, das geht gar nicht. Ich halte es schon für möglich, dass einige zum Beispiel Cannabis ausprobieren, die das ohne Drug-Checking nicht machen würden. Das sind aber in der Regel eher risikoaverse Menschen, die ein vergleichsweise geringes Risiko mitbringen, in problematische Konsummuster abzurutschen. Dem steht gegenüber, dass man über Drug-Checking und entsprechende Warnungen sicher viele Vergiftungen verhindern könnte. Außerdem könnte eine Konsumentengruppe erreicht werden, die durch Präventionsarbeit von riskanten Konsummustern abgehalten werden könnte. Ein Pilotprojekt zu Drug-Checking mit Begleitforschung könnte übrigens genau diese Punkte genauer beleuchten.

Wird es bald ein solches Pilotprojekt in Baden-Württemberg geben?

Wir führen bereits Gespräche und stehen auch dafür bereit. Der politische Wille in Baden-Württemberg ist auch da, Drug-Checking ist ja im Koalitionsvertrag verankert. Ich bin überzeugt, dass eine Umsetzung möglich ist. Es muss vor allem politisch gewollt sein und man muss die richtigen Absprachen treffen.