Außenaufnahme eines Anlagenteils der MiRO Mineralölraffinerie Oberrhein. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Uli Deck)

Diskussion um russische Energielieferungen

Hohe Energiepreise: Was kann die Politik tun und was sind die Optionen der Verbraucher?

STAND

Wegen des Russland-Ukraine-Krieges schnellen auch in Baden-Württemberg die Energiepreise in die Höhe - ein Ende der Fahnenstange scheint nicht in Sicht. Eine Lösung wäre mehr Energieeffizienz.

Über einen Mangel an Interesse kann sich das Energieberatungszentrum Stuttgart derzeit nicht beschweren. Die Telefone stehen nicht mehr still, denn die Menschen haben Sorgen. Dass die Energiekosten in der Bevölkerung für immer mehr Unsicherheit sorgen, kann der Chef des Energieberatungszentrums darum ganz klar bestätigen.

"Wir sind kurz davor, auf unserer Internetseite zu sagen, wir nehmen keine Anfragen mehr an, weil es nicht mehr zu bewältigen ist", erzählt Ulrich König. Im Moment würden die Nachfragen auch das klassische Feld der Energieberatung verlassen. Die Menschen wollten wissen: "Was kann ich tun, um mich unabhängiger zu machen? Wo geht die Reise hin? Hausverwalter rufen uns an und fragen, was sie mit ihren zwei Gaskesseln machen sollen", so König.

Blaustein

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Energieberater: Verbrauch senken

Seine Botschaft an die Ratsuchenden ist klar: "Man darf das Problem nicht auf der Erzeugerseite lösen wollen. Das zentrale Problem ist der relativ hohe Verbrauch. Die Botschaft muss daher sein: Runter mit dem Verbrauch. Runter mit dem Verbrauch heißt Dämmen." Denn selbst wenn auch er nicht sagen könne, wie sich die Energiepreise noch entwickeln werden, eines sei sicher: "Diese Situation wird sich zwar wieder etwas beruhigen, aber man muss sich darauf einstellen, dass fossile Energie immer teurer werden wird."

Daher lautet seine Forderung an die Politik auch: "Steckt die Fördergelder in die Dämmung." Derzeit würden Programme gefördert, die den Umstieg von einem fossilen Energieträger auf einen anderen vorsehen. Diese Gelder müssten seiner Ansicht nach massiv umgeleitet werden. Denn das Potential sei enorm: Mit einer klassischen Dämmung lasse sich 50 Prozent des Verbrauches reduzieren, so König. Die Quote an Vollsanierung liege beispielsweise in Stuttgart derzeit bei 1,5 Prozent, auf Bundesebene gar nur leicht über einem Prozent.

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Haushalte haben erhöhten Beratungsbedarf

Die Energieberatung ist eine von 35 lokalen Energieagenturen in Baden-Württemberg und als gemeinnütziger Verein nicht gewinnorientiert. Ihr Aufgabenschwerpunkt liegt bei der Beratung zu Gebäudesanierung, sie beantwortet normalerweise also Fragen zu Heizung, Sanierung und Dämmung.

Angesichts der aktuellen Situation denken sie dort nun darüber nach, einzelne Beratungstage einzurichten, in denen Referenten über die Situation informieren.

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Was kann die Politik tun?

Auch die Politik verspürt den Handlungsdruck. Die baden-württembergische Ministerin für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft, Thekla Walker (Grüne), beruhigte im SWR: Im Moment sei der Speicherstand der Gasspeicher "ordentlich".

Auch für den nächsten Winter werde vom Bundesministerium in Berlin mit Hochdruck an Lieferungen der Energieerzeuger gearbeitet und Aufträge vergeben. "Da werden gerade alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass wir mögliche Lücken ersetzen können. Im Moment gibt es die ja noch nicht." Im Moment werde das Gas auch aus Russland noch geliefert, so Walker. Es werde aber vorgesorgt.

Eine Einschätzung aus der SWR-Wirtschaftsredaktion:

Umweltministerin: "soziale Härten abfedern"

Nun müsse alles getan werden, um "soziale Härten abzufedern", so Walker: "Weil natürlich die derzeitigen Energiepreise für viele Haushalte eine große Belastung sind." In Baden-Württemberg würden die Hälfte der Heizungen mit Gas betrieben, so Walker.

"Alles was für den Klimaschutz gut ist, ist auch in Zukunft gut für die Unabhängigkeit von solchen fossilen Energieimporten aus Russland."

Gerade werde darüber diskutiert, ob man zum Beispiel im Bereich der fossilen Brennstoffe eine Preisbegrenzung einführe. Auch eine Absenkung der Mehrwertsteuer sei im Gespräch.

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Wieviel Energie bezieht Baden-Württemberg aus Russland?

Dass Deutschland von Energie-Importen abhängig ist, ist bekannt. Viel davon kommt aus Russland - vor allem Kohle, Gas und Erdöl. Doch wie abhängig ist Baden-Württemberg von den russischen Energiestoffen? Die Top drei der Einfuhrländer für Erdöl und Gas in Baden-Württemberg für 2021 sind Libyen, Russland und die USA, so das Statistische Landesamt.

An erster Stelle steht demnach Libyen, gefolgt von Russland mit 15 Prozent. An dritter Stelle stehen die USA: 12 Prozent aller Ausgaben im Land Baden-Württemberg für den Import von Erdöl und Gas fließen dorthin. Auch Kohle spielt bei der Energieversorgung eine wichtige Rolle: Im letzten Jahr fielen auf Russland 53,7 Prozent der Ausgaben im Land, auf Platz zwei liegen die USA mit 23,7 Prozent, gefolgt von Kolumbien mit 19,4 Prozent.

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Welche Alternativen und Vorschläge gibt es bereits?

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