Der Turm für eine neue Windkraftanlage wird in einem bestehenden Windpark in der Nähe von Wismar errichtet. (Foto: dpa Bildfunk, Jens Büttner)

Windkraft und Solarenergie

Analyse: Wo steht die Energiewende in BW?

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Martin Thiel
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Michael Herr

Die neue Bundesregierung hat ehrgeizige Energieziele benannt. Ausgerechnet im grün-regierten Baden-Württemberg stockt der Windkraftausbau. Woran hakt die Energiewende im Land?

80 Prozent beim Strom, 50 Prozent bei der Wärme - so groß soll der Anteil der erneuerbaren Energien im Jahr 2030 sein, zumindest wenn es nach dem Willen der neuen Bundesregierung geht. Ein ehrgeiziges Ziel, zum dem auch das große Flächenland Baden-Württemberg seinen Beitrag leisten muss. Im grün-regierten Südwesten ist der Windkraftausbau zuletzt ins Stocken geraten.

Neueste Zahlen liefern allerdings Grund für Zuversicht: Im ersten Halbjahr 2021 wurden in Deutschland 240 neue Windenergieanlagen gebaut. Im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Vorjahres entspricht dies einer Steigerung von 62 Prozent. Baden-Württemberg war daran mit insgesamt 21 Anlagen beteiligt, das entspricht neun Prozent. "The Länd" ist damit im Ländervergleich auf Platz 5.

Baden-Württemberg bei Windkraft hinter eigenen Erwartungen

In Zukunft muss das grün-geführte Bundesland aber weiter zulegen. Denn die aktuellen Zahlen täuschen über den tatsächlichen Ausbau der Windkraft hinweg. 2020 betrug der Anteil der Windkraft am Ökostrom deutschlandweit 17,4 Prozent. In Baden-Württemberg waren es nur 6,8 Prozent. Im Ländervergleich stehen bei uns immer noch zu wenige Windräder. Es sind etwas mehr als 750. Rheinland-Pfalz, das nur etwa halb so groß ist, kommt auf 1.800, Spitzenreiter Niedersachsen sogar auf 6.400 Anlagen.

Laut Windenergiebranche gibt es in Baden-Württemberg schlicht zu wenig ausgewiesene Standorte und zu lange Genehmigungsverfahren für neue Windräder. Außerdem gibt es viel lokalen Widerstand, wenn neue Windparks entstehen sollen. Und bisher hat die Landesregierung darauf verwiesen, dass der Süden in Sachen Ausschreibungs- und Vergütungsregeln für Windparks einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den windreichen norddeutschen Bundesländern habe. Das soll sich ab dem neuen Jahr aber ändern.

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Im Ländle: gutes Pflaster für Solarenergie

Aber auch die grün-schwarze Koalition will ihre Hausaufgaben machen und hat sich etwa 1.000 neue Windräder zum Ziel gesetzt. Die Hälfte davon soll im Staatswald gebaut werden. Bis Ende dieses Jahres sollen die Standorte dafür festgelegt werden. Und die neu eingesetzte "Taskforce" der Landesregierung soll sich um die Beschleunigung der Planungsverfahren für neue Windräder kümmern. Allerdings würde das den Rückstand des Landes nur verkürzen: Laut der Umweltschutzorganisation BUND bräuchte es 4.000 neue Windräder, um die Klimaschutzziele des Landes zu erreichen. Um die zu bauen, müsste mehr Fläche ausgeschrieben werden.

Viel besser steht Baden-Württemberg in Sachen Sonnenenergie da. Ein Photovoltaikanteil am Ökostrom von 14,3 Prozent ist überdurchschnittlich hoch. Das liegt zum einen daran, dass im Süden häufig die Sonne scheint. Zum anderen wurden aber auch gute Rahmenbedingungen geschaffen. Und das Klimaschutzgesetz wird vor allem der Solarenergie zu einem neuen Schub verhelfen:

Mann bringt auf einem Dach Photovoltaikmodule an (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Dürfte bald öfter zu sehen sein: Photovoltaikmodule werden auf einem Dach montiert Picture Alliance

Solardächer Pflicht für Neubauten

Ab 2022 gilt eine Solarpflicht für Neubauten. Für Nicht-Wohn-Gebäude tritt sie am 1. Januar in Kraft, ab Mai auch für Wohngebäude. Von da an heißt es also: kein neues Häusle mehr ohne Solardach. Das gibt es in keinem anderen Flächenland. Das dürfte der Sonnenenergie im Ländle einen weiteren Schub geben. Das Klimaschutzgesetz schreibt weiter vor, dass künftig zwei Prozent der Landesfläche für die Nutzung von Solar- und Windenergie ausgewiesen werden müssen.

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Fazit: Ausbau der Erneuerbaren muss schneller werden

Besonders bei der Windkraft muss Baden-Württemberg massiv zulegen. Der Schlüssel zum Erfolg sind beschleunigte Genehmigungsverfahren. Dazu kommt: Ein anderes Ziel wird im nächsten Jahr bereits erreicht. Mit der Stilllegung des Kernkraftwerks in Neckarwestheim bis Ende 2022 wird der Kernenergieausstieg in Baden-Württemberg abgeschlossen sein. Spätestens dann braucht man noch mehr grünen Strom.

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