Die Heilbronner Innenstadt ist am ersten Samstag nach den Corona-Lockerungen mit geöffneten Läden wieder belebt.  (Foto: SWR)

Folgen der Pandemie weiter spürbar

Handelsverband schlägt Alarm: Einzelhandel in BW braucht Entlastungen und Investitionen

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Das Land möchte den Einzelhandel in BW mit einem Ideenwettbewerb unterstützen. Der Handelsverband begrüßt das, fordert aber bessere Hilfsprogramme, Entlastungen und Investitionen.

Der Handelsverband in Baden-Württemberg schlägt Alarm. Obwohl mittlerweile eigentlich alle Corona-Beschränkungen gefallen sind und ein normales Einkaufen wieder möglich ist, laufen die Geschäfte noch nicht wieder wie vor der Pandemie. Das bringe einige Einzelhändler im Land in Existenznöte, erklärt Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands BW auf SWR-Anfrage. "Viele Händlerinnen und Händler stehen nach über zwei Jahren Pandemie mit massiven Umsatzeinbußen mit dem Rücken zur Wand", sagt sie. "Der erhoffte Aufschwung nach dem Wegfall der Corona-Maßnahmen blieb leider - noch - aus."

Kunden wegen Ukraine-Krieg und Inflation zurückhaltend

Maßgeblich verantwortlich dafür macht Hagmann den Krieg in der Ukraine. Wegen der damit einhergehenden Inflation seien die Kundinnen und Kunden sehr sparsam. Die Verbraucherstimmung befinde sich aktuell auf einem "neuen Allzeit-Tiefststand", meint sie.

Wirklich greifbar wird die negative Entwicklung aber anhand der Zahlen. Über alle Branchen hinweg liege der Umsatz im Einzelhandel durchschnittlich noch immer zwölf Prozent unter 2019, dem letzten coronafreien Jahr, so Hagmann. Darüber hinaus würden viele Unternehmen noch unter den ausgefallenen Umsätzen der vergangenen beiden Jahre leiden.

"Auch unsere Innenstädte darben nach wie vor. Wenn es in Konstanz 30 Leerstände gibt, muss das aufrütteln! Das gab es wahrscheinlich noch nie."

Wirtschaftsministerium hilft mit verschiedenen Förderprogrammen

Im Landeswirtschaftsministerium scheint man sich der Problematik grundsätzlich bewusst. So wurden in den vergangenen Jahren verschiedene Maßnahmen auf den Weg gebracht. In 2021 waren das die Intensivberatung "Zukunft Handel 2030" und das Förderprogramm "Regionale Innenstadtberater". Hinzu kommt das Sofortprogramm "Einzelhandel/Innenstadt".

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Ganz aktuell hat das Ministerium einen Ideenwettbewerb für den stationären Einzelhandel ausgelobt, der die besten Beispiele für "besondere und unvergessliche Einkaufserlebnisse" finden soll, wie Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut in einer Pressemitteilung erklärt. Die finanziellen Reserven gerade von kleinen und mittleren stationären Einzelhandelsbetrieben seien vielfach aufgezehrt.

"Allen Unsicherheiten zum Trotz stehen diese Händler aber jetzt vor der Herausforderung, ihre Geschäfte wieder auf Wachstumskurs zu bringen und in echte Mehrwerte für die Kunden zu investieren.“

Dass dabei aber ein Ideenwettbewerb helfen kann, für den nun erst einmal ein passender Dienstleister gefunden werden muss, bezweifelt Sabine Hagmann. Zwar begrüßt sie den Vorstoß des Ministeriums und nennt den Ideenwettbewerb auch einen "Baustein unter vielen". Die zwingend notwendigen Fördermittel könne er aber nicht ersetzen, so Hagmann. Auch die übrigen Förderprogramme seien hilfreich, würden aber nicht ausreichen.

"Zunächst einmal muss es akut darum gehen, die in ihrer Existenz bedrohten Handelsunternehmen zu retten und ihnen in der aktuellen Situation so gut es geht, unter die Arme zu greifen."

Außerdem müssten auch in Zukunft dringend notwendige Investitionen möglich sein, wenn aufgrund der Umsatzausfälle nicht genügend Kapital für Investitionen zur Verfügung stehe. Nur so könne es den Unternehmen gelingen, zu überleben und wettbewerbsfähig zu bleiben, ist sich Hagmann sicher. Daher fordert sie neben einer Investitionsprämie auch bessere Abschreibungsmöglichkeiten, steuerliche und bürokratische Entlastungen und ein großes Investitionsprogramm für die Innenstädte im Land.

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Hagmann: Gute Förderprogramme für Innenstädte fehlen

Gute Beispiele gebe es in Hessen ("Initiative Zukunft Innenstadt") oder Nordrhein-Westfalen ("Sofortprogramm Innenstadt"). In Baden-Württemberg würden entsprechende Programme fehlen, meint Hagmann und fordert daher: "Die Landespolitik muss jetzt ein schlagkräftiges Hilfsprogramm für die besonders betroffenen Branchen auf die Beine stellen, will sie unsere Innenstädte und unsere Handelsvielfalt in Baden-Württemberg vor dem Tode bewahren."

Online-Konkurrenz schon vor Pandemie enorm

So prekär die aktuelle Lage ist: Schon vor der Corona-Pandemie hatten die Innenstädte in Land und Bund mit der schier übermächtigen Konkurrenz des Online-Handels zu kämpfen. Gerade viele kleinere Städte verzeichneten immer mehr Leerstände. Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2019 bereits 42 Prozent der Spielwaren, 40 Prozent der Bücher rund 20 Prozent im Bereich "Bekleidung" online gekauft.

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