SWR: Wir wissen inzwischen, dass auch geimpfte Menschen das Virus weitergeben können und damit auch Patientinnen und Patienten theoretisch gefährdet werden könnten - selbst wenn das Personal vollständig geimpft ist. Wie sinnvoll ist diese einrichtungsbezogene Impfpflicht aus ihrer Sicht heute wirklich?
Peter Koch: Stand heute stelle ich diese Maßnahme wirklich stringent in Frage. Gerade in den letzten Wochen hatten wir massive Ausbruchsgeschehen in vielen Einrichtungen der Gesundheitsversorgung. Primär waren Personen betroffen, die entweder geimpft oder geboostert waren. Das Grundargument, anderen Menschen, vor allem die vulnerablen Gruppen durch diese Impfung zu schützen, ist meines Erachtens gegenstandslos.

Also müsste im Prinzip diese ganze Impfpflicht komplett jetzt überarbeitet oder eigentlich gar nicht durchgesetzt werden?
Aus meiner Sicht ja. Wir haben damals, als diese Diskussion aufkam, ganz andere Rahmenbedingungen gehabt. Seinerzeit herrschte die Delta-Variante vor, da war das [die Impfpflicht] durchaus berechtigt. Jetzt mit der Omikron-Variante, ist es meines Erachtens völlig gegenstandslos.
Wie viele Menschen aus der Branche werden ab Mittwoch nicht zur Arbeit kommen können, weil ihnen die Impfung fehlt?
Das wird natürlich so nicht kommen. Wenn man sich mal anschaut, wie auch jetzt die Landesregierung und die Gesundheitsämter vorgehen, werden auch die, die nicht geimpft sind, erstmal zum Dienst erscheinen können. Es bedarf dann einer Einzelfallprüfung. Insofern ist so im ersten Schritt nicht mit einem große Einbruch zu rechnen. Aber der Schaden, der durch diese Diskussion im Kollektivbewusstsein der Pflegenden angerichtet wurde, ist eigentlich nicht mehr zu reparieren.
Haben sich denn ihrer Einschätzung nach kurz vor Ende der Deadline doch noch viele Beschäftigte aus der Branche impfen lassen wollen, obwohl sie das eigentlich ursprünglich gar nicht wollten?
Das waren nur Einzelfälle. Auch der neue Impfstoff Novavax hat nicht das gebracht, was sich die Regierung davon versprochen hat. Ich habe hier auch in unseren Einrichtungen Gespräche mit Menschen geführt, die unter einem extrem starken psychischen Druck dieser Pflicht nachgegeben haben. Auch, weil sie Existenzängste hatten. Darunter waren Menschen, die seit 20 oder 30 Jahren ihrem Beruf wirklich alles gegeben haben. Und ich finde es einfach wirklich schlimm, wie die Politik mit den Menschen in der Pflege umgeht.
Dass die Impfpflicht kommt, ist ja schon seit einiger Zeit bekannt. Sind denn im Vorfeld viele Pflegekräfte, die sich nicht impfen lassen wollten, in andere Berufe abgewandert?
Es gibt Einzelfälle. Für den Südwesten von Baden-Württemberg kann ich nicht bestätigen, dass wir eine große Fluchtbewegung hatten. Aber mir ist bekannt, dass Menschen wirklich ganz bewusst den Pflegeberuf verlassen, weil sie damit Probleme haben, wie mit ihnen umgegangen wird. Es wurde ja auch viel über Wertschätzung gesprochen. Und gerade der Umgang von Seiten der Politik veranlasst viele den Beruf zu wechseln.
Es herrscht ja ohnehin schon Personalmangel in den Pflegeberufen. Sie deuten das ja auch gerade an. Wird das jetzt dadurch noch mal deutlich verstärkt? Vielleicht auch bei denjenigen, die sich überlegt haben, irgendwann mal in der Pflegebranche zu arbeiten?
Das ist leider zu befürchten. Es ist natürlich kein besonders positives Bild, was jetzt auch hier gezeichnet wird. Der Pflegeberuf ist ein sehr wertvoller Beruf. Und wir haben wirklich einen immensen Bedarf in den nächsten Jahren.
Ab Mittwoch wird dann die einrichtungsbezogene Impfpflicht gelten. Wie werden die Arbeitgeber damit im Einzelnen umgehen? Wird da wirklich der Gesetzestext ganz genau angewendet? Oder ist man da doch ein bisschen großzügiger?
Ich muss sagen, es gibt natürlich gewisse Hardliner, die auch in den letzten Tagen immer wieder von der Landesregierung in der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Die gehen sehr rigide damit um. Die Mehrzahl der Kolleginnen und Kollegen versuchen natürlich jeden einzelnen Mitarbeitenden in den Einrichtungen zu halten.