Ukrainische Soldaten beziehen Stellung unter einer Brücke. Russland hat am Donnerstag, 24.02.2022, einen umfassenden Angriff auf die Ukraine gestartet und Städte und Stützpunkte mit Luftangriffen oder Granaten beschossen.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/AP | Emilio Morenatti)

Erfahrungsbericht einer SWR-Redakteurin

Krieg in der Ukraine: "Wir haben das nicht für möglich gehalten"

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Bomben, Explosionen, flüchtende Menschen. Die Menschen in der Ukraine erleben schreckliche Momente. SWR-Redakteurin Svitlana Magazova ist selbst Ukrainerin. Sie beschreibt, wie ihre Familie und sie die letzten Tage erlebt haben.

Am 24. Februar um 8 Uhr morgens verfalle ich in eine Schockstarre, als ich in Stuttgart meine Nachrichten-App öffne. Nur wenige Stunden zuvor wurde ein Kumpel meines Vaters in der ukrainischen Hauptstadt Kiew durch eine Explosion aus dem Schlaf gerissen: Wladimir Putin greift die Ukraine großflächig an. Der russische Präsident hat das getan, was sowohl meine Familie und ich als auch unsere Freunde vor Ort bis zur letzten Minute nicht für möglich gehalten hatten.

Ukraine - ein Land, das oft übersehen wurde

Seither steht meine Welt still. Zur Ukraine habe ich eine sehr enge Bindung: Es ist mein zweites Heimatland. Geboren bin ich in der ukrainischen Hauptstadt Kiew - mit zwei Jahren zog ich mit Mutter und Vater nach Deutschland. "Nur kurz, um zu arbeiten, danach fahren wir wieder zurück", war der Plan meiner Eltern. Aus dem "kurz" sind 26 Jahre geworden.

Dennoch war ich seither jedes Jahr in der Ukraine, vor allem in Kiew. Erst im Mai 2021 war ich wieder dort und habe gemerkt, wie wichtig mir diese Stadt, dieses Land ist. Ein Land, das nur selten in der Berichterstattung vorkommt - vor allem seine schönen Seiten: Die Natur, die Musik, das Essen. Jetzt lese ich minütlich über die Ukraine und es geht um die Frage, wie lange sie noch existieren wird.

Freunde und Bekannte verstecken sich in Bunkern oder in der Metro

Freunde und Bekannte erzählen, dass sie sich jetzt in Metro-Stationen oder in Kellern verstecken. Viele bleiben auch Zuhause. "Wohin sollen wir denn?", hat mich heute ein Bekannter aus Kiew gefragt. "Wir kommen hier nicht mehr raus, die Straßen sind voller Autos, Brücken sind gesprengt und die Truppen kommen immer näher, es ist zu gefährlich."

Menschen in der Ukraine sind bereit für das Land zu kämpfen

Junge Männer würden Schlange stehen zum Militär, wollen kämpfen. In den Metro-Stationen werden Kalaschnikows und Pistolen verteilt, hieß es von dem Bekannten. Viele spenden Blut für mögliche Transfusionen. Manche versuchen in den Westen zu fliehen, andere weigern sich: "Hier ist mein Zuhause. Hier ist meine Familie. Ich bleibe hier", sagte am Freitag eine Bekannte am Telefon. Auch wenn in der Ukraine eine Pro-Russische Regierung installiert werden würde - das Volk würde Widerstand leisten, sagte sie. "Wir werden nicht aufgeben."

Trotz der Kampfbereitschaft und der Wut höre ich aber immer wieder, dass diese Emotionen nicht gegen die Bevölkerung Russlands gerichtet sind, sondern gegen die Regierung Putins. Man solle versuchen seine Struktur zu treffen, die oligarchischen Netze, sagte ein Freund. Von Deutschland wünsche er sich, dass die Menschen auf die Straßen gehen und auf die Situation der Menschen in der Ukraine aufmerksam machen. "Dieser Krieg betrifft nicht nur uns, er betrifft uns alle."

Mir persönlich wurde mal wieder bewusst, wie fragil das Konstrukt "Frieden" ist. Ich hoffe, dass trotz Wut und Verzweiflung dieser Wert global erhalten bleibt.

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