picture alliancedpa | Sebastian Gollnow (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Abfrage des Landesgesundheitsamts

Jeder dritte Pflegeheim-Bewohner in BW hat noch keine Corona-Booster-Impfung

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Die Quote der Auffrischungsimpfungen in Alten- und Pflegeheimen in Baden-Württemberg ist geringer als gedacht. Die Landesregierung appelliert nun an die Heimleitungen.

Das Landesgesundheitsamt hat erstmals den Impfstatus von Bewohnerinnen und Bewohnern in Alten- und Pflegeeinrichtungen in Baden-Württemberg abgefragt. Das Ergebnis liegt dem SWR vor und ist ernüchternd: Zwar haben gut 90 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner eine Erst- und Zweitimpfung gegen Corona erhalten. Bei den Auffrischungsimpfungen liegt die Quote aber lediglich bei 68 Prozent.

Damit ist sie nur etwas höher als die Booster-Quote aller über 60-Jährigen im Land (65,3 Prozent). Andere Bundesländer sind bei der Booster-Quote in den Heimen deutlich weiter. So haben etwa in Rheinland-Pfalz bereits 85 Prozent der Bewohner in Alten- und Pflegeeinrichtungen eine Auffrischungsimpfung erhalten (Stand 6.1).

Stoch: Fehler liegt bei der Landesregierung

Laut dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Andreas Stoch liegt die Verantwortung für die niedrige Impfquote der Auffrischungsimpfungen bei der Landesregierung. Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) müsse sofort alle verfügbaren mobilen Impfteams in die Pflegeheime schicken, so Stoch weiter. Es gehe darum, die Verletzlichsten vor der Omikron-Welle zu schützen. SPD-Gesundheitsexperte Florian Wahl wirft Lucha vor, die Lage in den Heimen verschwiegen zu haben.

Die SPD hat deshalb eine Sondersitzung des Sozialausschusses einberufen. Dort soll Lucha nach Angaben des Landtags am 17. Januar Rede und Antwort stehen.

Corona-Tote in Rastatt waren nicht geboostert

Dass die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen zur Corona-Hochrisikogruppe zählen, zeigte sich zuletzt wieder in einem Pflegeheim in Rastatt. Dort sind nach einem massiven Corona-Ausbruch inzwischen 13 Bewohnerinnen und Bewohner an oder mit dem Virus verstorben. Nach Angaben des Landratsamts war niemand von den Verstorbenen geboostert. Die Impfquote in der Einrichtung sei insgesamt "überraschend" niedrig gewesen, so das Landratsamt.

Eine Sprecherin des Heimträgers hielt dagegen, dass die Impfquote in der Einrichtung in Rastatt über dem Bundesdurchschnitt liege. Es gebe Bewohnerinnen und Bewohner, die sich nicht impfen lassen wollten oder bei denen medizinische Gründe gegen eine Impfung sprächen.

Gesundheitsminister schreibt an Heimleitungen

Die Ereignisse in Rastatt und die nun vorliegende Impfquote in den Heimen im Land hat die Landesregierung offenbar aufgeschreckt. Landessozialminister Manfred Lucha (Grüne) schrieb inzwischen einen Brief an alle Heimleitungen in Baden-Württemberg. Darin appelliert er nochmals, die bestehenden Impfangebote zu nutzen. Das sei bei den niedergelassenen Ärzten oder über mobile Impfteams möglich. Wenn es Schwierigkeiten gebe, einen Impftermin zu erhalten, werde das Sozialministerium direkt helfen. "Auffrischungsimpfungen sind unbedingt notwendig, um die Gesundheit pflegebedürftiger Menschen zu schützen", schreibt Lucha.

39 Corona-Ausbrüche in der Altenpflege seit Mitte Dezember

Besorgt zeigt sich Lucha auch über die Corona-Lage in Einrichtungen der stationären Altenpflege. So habe das Landesgesundheitsamt seit Mitte Dezember 2021 bisher 39 Ausbrüche gemeldet. Von den insgesamt 411 Fällen seien 21 tödlich verlaufen, heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums. Dabei seien die Gründe, warum Bewohnerinnen und Bewohner in Alten- und Pflegeheimen bisher nicht geimpft wurden, vielfältig und reichten von akuten Erkrankungen über eine Verschlechterung des Allgemeinzustandes bis hin zu persönlichen Ablehnungen. Für das Land sei es aber wichtig, dass dennoch alle Impfwilligen ein Angebot bekämen, so Lucha. "Jede und jeder noch Zögerliche und Unentschlossene, den wir für eine Impfung gewinnen können, ist in meinen Augen die Anstrengung wert."

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hatte bereits im Oktober die Auffrischungsimpfungen für alle Menschen ab 70 und in Pflegeheimen empfohlen. Die so genannte Booster-Impfung bietet nach bisherigen Studien auch den besten Schutz gegen die Omikron-Variante.

Hohe Quote bei Auffrischungsimpfungen in Heilbronn-Franken

Besser sieht es im Main-Tauber-Kreis und im Hohenlohe-Kreis aus. Dort ist die Quote der Auffrischungsimpfungen im Vergleich zu ganz Baden-Württemberg deutlich höher. Es gibt Heime in der Region, in denen bereits 100 Prozent der Bewohner geboostert sind.

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Die Auffrischungsimpfungen in Alten- und Pflegeheimen in Heilbronn-Franken sind im landesweiten Vergleich hoch. Es gibt Heime in der Region, in denen bereits 100 Prozent der Bewohner geboostert sind.

Patientenschützer kritisieren Datenlage

Das Landesgesundheitsamt hatte bei seiner Abfrage von einem neuen Recht Gebrauch gemacht, das es erlaubt, den Impfstatus der Bewohnerinnen und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen zu erfragen.

Wegen der unklaren Datenlage in den Einrichtungen hatte es zuletzt immer wieder Kritik gegeben. So sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch: "Im Jahr 2022 arbeiten wir immer noch auf einer so unklaren Datengrundlage wie 2021 und 2020." Gerade die vulnerable Gruppe, die anfällig sei für das Virus, lebe in Pflegeeinrichtungen. Der Staat müsse die Verantwortung übernehmen, sie zu schützen.

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