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Seit der Corona-Pandemie schwimmen die Gesundheitsämter in Arbeit. Susanne Herrmann aus Stuttgart ist seit kurzem in Rente und wollte ehrenamtlich ihre Hilfe anbieten - auf Antwort wartet sie heute noch.

Überall in Presse, Funk und Fernsehen würden die Gesundheitsämter nach Hilfe rufen, begründet Susanne Herrmann ihre Entscheidung, ehrenamtlich helfen zu wollen. Vor dem Hintergrund der zweiten Corona-Welle habe sie sich schließlich ein Herz gefasst. Nach über 35 Jahren Arbeitserfahrung im Stuttgarter Versicherungskonzern Allianz - unter anderem sieben Jahre als Gruppenleiterin des hauseigenen Call-Centers - wollte sie ihre Arbeitskraft ehrenamtlich beim Gesundheitsamt Stuttgart anbieten. Doch damit ist sie bis heute erfolgslos: Vom Gesundheitsamt erhielt sie keine Antwort.

Soldaten werden im Gesundheitsamt eingesetzt - Bürger offenbar nicht

Erst in der vergangenen Woche hat die baden-württembergische Wissenschaftsministerin, Theresia Bauer (Grüne), Medizin-Studierende und solche mit einem ähnlichen Studienschwerpunkt dazu aufgerufen, das Gesundheitswesen zu unterstützen. Mittlerweile helfen sogar Soldaten der Bundeswehr in vielen Städten bei der Kontaktverfolgung, um die Gesundheitsämter zu entlasten. Auch in Stuttgart sind derzeit Soldaten im Einsatz.

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Die Gesundheitsämter scheinen klar auf Hilfe angewiesen zu sein. Susanne Herrmann leuchtet dabei nicht ein, wieso nur Menschen aus speziellen Branchen für die Hilfe angesprochen sein sollten. Herrmann ist überzeugt, den Soldaten in nichts nachzustehen: "Soldaten haben auch ganz unterschiedliche Berufsbilder, die sind ja weder alle Mediziner noch Kommunikatoren oder Ähnliches".

Ist medizinischen Hintergrundwissen notwendig?

Auf SWR-Anfrage teilte das Wissenschaftsministerium mit, der Aufruf sei an die Studierenden adressiert worden, weil die Ministerin innerhalb der Landesregierung für die Hochschulen zuständig sei. Zudem würden Studierende aus der Medizin und aus verwandten Bereichen die notwendigen Vorkenntnisse bereits mitbringen, beispielsweise wenn es darum gehe, spezifische Fragen zum Krankheitsbild und zu Symptomen zu klären. Bei der Frage, ob medizinisches Hintergrundwissen für eine ehrenamtliche Aushilfe beim Gesundheitsamt zwingend notwendig sei, wenn es um die telefonische Abfrage der Infektionsketten geht, verweist das Ministerium auf das Gesundheitsamt.

Der SWR hat dem Gesundheitsamt Stuttgart ebenfalls eine Anfrage gestellt, inwiefern Ehrenamtliche eingesetzt werden können und wo sich diese melden sollen. Laut telefonischer Nachfrage arbeitet die Pressestelle derzeit daran, die Anfrage zu beantworten.

Hilfe während Corona anbieten - eine Odyssee beginnt

Auf die Idee, ein Gesundheitsamt bei der telefonischen Ermittlung von Infektionsketten zu unterstützen, kommt Susanne Herrmann erstmals Anfang des Jahres. Damals sah sie eine Anzeige des Robert-Koch-Instituts. Die Bewerbungsfrist war jedoch bereits abgelaufen und die Stelle außerdem bezahlt, erzählt die Rentnerin im SWR-Interview. "Ich will aber ehrenamtlich helfen", betont Herrmann. Sie versucht daher, das Gesundheitsamt telefonisch zu erreichen - sie landet in Warteschleifen und spricht häufiger mit Computerstimmen statt mit Mitarbeitern. Schließlich versucht sie es über einen Umweg und ruft in einer anderen Abteilung innerhalb des Stuttgarter Gesundheitsamtes an. Dort wird sie an die allgemeine Mail-Adresse verwiesen.

Arbeit im Gesundheitsamt (Foto: SWR)
Die Gesundheitsämter im ganzen Land kommen an ihre Grenzen bei der Corona-Kontaktverfolgung - und scheinen dennoch nicht auf Hilfeangebote zu reagieren. (Symbolbild)

Keine Eingangsbestätigung, keine Absage seitens des Gesundheitamtes

Susanne Herrmann schreibt an das Gesundheitsamt. Sie erhält: nichts. Keine Eingangsbestätigung, keine Bearbeitungsmitteilung. Einige Tage später versucht sie es über den Leiter des Amtes. Auch hier kommt sie nicht weiter. "Und ich habe auch darum gebeten, wenn ich da jetzt irgendwie falsch wäre oder wenn Sie meine Unterstützung nicht bräuchten, eine kurze Rückmeldung zu geben", sagt Herrmann gegenüber dem SWR. Wieder passiert einige Zeit nichts. Schließlich will Herrmann die Sache weiter vorantreiben und beantragt als Vorbereitung schonmal ihr polizeiliches Führungszeugnis. Dafür muss sie ins Bürgerbüro, wo sie ebenfalls von ihrer Idee erzählt, das Gesundheitsamt zu unterstützen.

Selbst das Bürgerbüro kam nicht an das Gesundheitsamt ran

Mit einem Zettel mit neuen Kontaktdaten verließ Susanne Herrmann das Bürgerbüro - man hatte vor Ort versucht, sie telefonisch zu vermitteln. Doch auch dieser Kontaktversuch soll im Nichts verlaufen.

"Wenn ich nicht geistig total verkleistert bin, dann gibt es offensichtlich beim Gesundheitsamt wirklich einen Flaschenhals und jeder wie ich, der dort Kontakt aufnehmen will, muss durch diesen Flaschenhals durch. Und das kann nicht klappen, wenn die telefonisch so überflutet sind."

Susanne Herrmann, Bürgerin und Rentnerin aus Stuttgart

Herrmann bleibt lediglich das schlechte Gefühl. Fast täglich sieht und hört sie weiterhin die Hilferufe der Gesundheitsämter. Aufgeben will sie eigentlich nicht, motiviert sei sie noch. Aber irgendeine Regung der anderen Seite müsse jetzt schon kommen, damit sie nochmal einen Versuch startet, äußert sie im SWR-Interview.

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