Eine Schaukel hängt auf einem Kinderspielplatz. Ausreichend Raum zum Spielen hatten zahlreiche Kinder und Jugendliche, die während der Nachkriegszeit in Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie lebten, nicht. Sie erfuhren Leid und Unrecht. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte)

Kindheit in Heimen

Schläge, Erniedrigungen und Übergriffe: BW entschuldigt sich für verursachtes Leid bei Menschen mit Behinderungen

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Das Landesarchiv von Baden-Württemberg hat in einem Projekt das Leid in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Psychiatrie aufgearbeitet. Betroffene wurden systematisch erniedrigt.

In baden-württembergischen Behinderteneinrichtungen und Psychiatrien sind in den Jahrzehnten nach dem Krieg zahllose Kinder und Jugendliche gequält, geschlagen und falsch behandelt worden. In einem bundesweit einzigartigen Projekt arbeitet das Landesarchiv Baden-Württemberg das Leid auf, das Betroffene in Heimen und Einrichtungen von 1949 bis 1975 erlebt haben. Kinder und Jugendliche mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen erlebten dort nicht nur "schwarze Pädagogik", sondern auch Stigmatisierungen und Erniedrigungen. Am Mittwoch fand im Hauptstaatsarchiv Stuttgart die Abschlusstagung statt, in der zwei Zeitzeugen berichteten.

Abschlussveranstaltung Dokumentationsprojekt Zwangsunterbringung (Foto: Foto: Marcella Müller)
Das Landesarchiv Baden-Württemberg hat über sein Dokumentationsprojekt Zwangsunterbringung berichtet. Foto: Marcella Müller

Wie Kinder erniedrigt wurden

Im Rahmen des "Dokumentationsprojekts Zwangsunterbringung" hatte das Landesarchiv Baden-Württemberg drei Jahre lang recherchiert, wie Menschen in ihrer Kindheit zwischen 1949 und 1975 in Heimen der Behindertenhilfe und in Psychiatrien untergebracht waren. "Der Blick in die Akten zeigt, dass die Kinder auf ihre - angeblichen - Defizite reduziert wurden", sagte Nora Wohlfahrth vom Landesarchiv. Ziel sei es gewesen, mehr zu erfahren über Menschen, die in ihrer Kindheit zwischen 1949 und 1975 in Heimen der Behindertenhilfe und in Psychiatrien untergebracht waren.

Die Förderung sei oft nicht angemessen gewesen, es sei missbraucht und falsch behandelt worden, das Klagen der jungen Menschen sei übergangen worden. Zwang und körperliche Gewalt gehörten zum Alltag.

"Es hat auch Fehlplatzierungen gegeben, Kinder kamen in die Erwachsenenstationen, gesunde Kinder in die Behinderteneinrichtungen" erzählt Corinna Keunecke, Historikerin am Archiv und ebenfalls Mitarbeiterin beim Projekt. Gehörlosen Menschen verbot man zum Beispiel das Gebärden und legte den Schwerpunkt teils mit körperlicher Gewalt auf das Vermitteln der Lautsprache. "Man zog sie sogar an der Zunge, um sie zum Sprechen zu bringen", sagte Keunecke. "Ich war zu Tränen gerührt auch darüber, wie die Betroffenen noch heute darunter leiden."

Sozialminister Lucha bittet um Entschuldigung

"Auch in Baden-Württemberg haben damals zahlreiche Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der Behindertenhilfe und in Psychiatrien wiederholt unfassbares Leid und Unrecht erfahren", so Landessozialminister Manfred Lucha (Grüne). Auch in Baden-Württemberg habe es in Kliniken und Einrichtungen massive Missstände gegeben. Er forderte, Kindern und Jugendlichen mehr zuzuhören, sie stärker zu beteiligen, ihre Ängste und Sorgen ernstzunehmen - und sofort einzugreifen, wenn ihnen Unrecht getan werde. Das, was damals passiert ist, dürfe sich niemals wiederholen, sagte Lucha anlässlich der Abschlussveranstaltung.

"Im Namen der Landesregierung bitte ich alle Betroffenen aufrichtig um Entschuldigung."

Als Beispiel für die Schicksale jener Zeit beschreibt Lucha die Erlebnisse eines dreijährigen Mädchens, das in den 1960er Jahren in ein Heim für gehörlose Kinder in Heidelberg kam, weil seine Eltern überfordert waren. "Was dann passiert, kann und will sich niemand vorstellen", sagte der online zugeschaltete Lucha bei der Abschlusstagung zum Projekt im Landesarchiv. "Dieses Kind wird gerüttelt, geschüttelt, gefüttert, es wird geschlagen, wenn die Kleidung nicht ordentlich sitzt, die Haare nicht richtig gekämmt und die Zähne nicht gut genug geputzt sind." Es habe auch sexuelle Übergriffe gegeben. "Und dieser Fall ist leider kein Einzelfall."

Missbrauch kein Einzelfall

Das Leiden des Mädchens ist nur eines der Beispiele, die das Landesarchiv Baden-Württemberg im Rahmen des "Dokumentationsprojekts Zwangsunterbringung" drei Jahre lang recherchiert und zusammengetragen hat. Einer Studie zufolge leben heute noch etwa rund 100.000 Menschen in Deutschland, die in Behindertenheimen und Psychiatrien nach dem Krieg misshandelt wurden.

Aufgabe von Archiven: Unrecht aufarbeiten

Gerald Maier, der Präsident des Landesarchivs, betonte die tragende Rolle von Archiven bei der Aufarbeitung von Unrechtskontexten: "Das Projekt zeigt, wie die Verknüpfung aus Grundlagenforschung, individuellen Recherchen für Betroffene und Vermittlungsarbeit erfolgreich gelingen kann."

Maier bezeichnete die von der Baden-Württemberg Stiftung geförderte Dokumentation als "bundesweites Leuchtturmprojekt". Diese Forschung müsse aber stetig betrieben werden. "Das ist ja ein gesellschaftliches Dauerthema", sagte er. So ähnelten Erfahrungen, die eine Frau aus den 1980er Jahren im Gespräch beschrieb, denen aus den 1950er Jahren sehr.

Liste von Gründen ist lang

Die Liste der Gründe für das heute schwer nachzuvollziehende Verhalten ist lang: "Es gab damals ein anderes Verständnis dafür, wie man mit Menschen umgeht", sagte Landesarchiv-Chef Maier. Auch habe es zu wenig Personal und viel zu wenig Platz gegeben, die psychiatrische Behandlung sei nicht ausgereift und die Finanzierung viel zu gering gewesen. "Man muss da wirklich von einer prekären Situation sprechen", sagte Wohlfahrth. "Und das im wahrsten Sinne am Rande der Gesellschaft." Psychiatrien und Behindertenstationen wurden nach dem Krieg vor allem an die Stadtränder gebaut, oft auch mitten aufs Land.

Anerkennung für erlittenes Leid gibt es seit 2017

Zwischen 2017 und 2021 konnten Betroffene bei der "Stiftung Anerkennung und Hilfe" eine Geldpauschale und Rentenersatzleistungen beantragen. Nach Angaben des Landesarchivs wurden seit 2019 knapp 190 Betroffene befragt, die Nachweise oder Akten vor allem für solche Anträge suchten. "Und alle, die sich bei uns gemeldet haben, haben Leid und Unrecht erfahren", sagte die Historikerin Wohlfahrth. Die Dunkelziffer der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sei zudem sehr groß. Viele hätten sich sicher nicht gemeldet, weil es nach wie vor schwer für sie sei, sich mit dem Thema und der Scham auseinanderzusetzen.

Portal informiert die breite Öffentlichkeit

Im Rahmen des Projekts entstand unter anderem ein Informationsangebot namens "Heimkindheiten" im Landeskunde-Portal LEO-BW. Das Online-Angebot bietet einen Zugang zu verschiedenen Aspekten der Heimunterbringung von Kindern und Jugendlichen in der baden-württembergischen Nachkriegszeit. Es informiert unter anderem über Einrichtungsformen, Alltagsleben, Aufarbeitung, historische Hintergründe und lässt Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort kommen.

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