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Die Lage auf den Intensivstationen in der Corona-Pandemie sei weniger dramatisch als dargestellt - das sagt eine Gruppe von Gesundheitsexperten. Baden-Württembergs Sozialminister hält die These für verfehlt.

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Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) ist den Intensivmedizinerinnen und Intensivmedizinern zur Seite gesprungen und verteidigt sie gegen ein Thesenpapier einer Gruppe von Wissenschaftlern. Diese wollten herausgefunden haben, dass die Lage auf den Intensivstationen während der Corona-Pandemie weniger dramatisch gewesen sei als dargestellt.

Personal arbeite in der Pandemie "über der Belastungsgrenze"

Dass da "irgendwas fehl- oder falsch gesteuert wäre", könne er in keinster Weise sagen, erklärte Lucha am Dienstag auf der Regierungspressekonferenz in Stuttgart. "Ganz im Gegenteil: Seit Februar letzten Jahres arbeiten das Pflegepersonal und das ärztliche Personal über der Belastungsgrenze." Lucha bezeichnete die Diskussion als "außergewöhnlich merkwürdige Debatte".

Auch der Vorwurf, Patientinnen und Patienten seien auf Intensivstationen verlegt worden, die dies nicht nötig gehabt hätten, sei "komplett abstrakt und merkwürdig", so der Grünen-Politiker weiter. Baden-Württemberg habe mehr Intensivplätze als das ganze spanische Gesundheitssystem, "und da sind wir stolz darauf, dass wir auf dieses Gesundheitssystem zurückgreifen können", sagte Lucha. Wer entsprechende Vorwürfe äußere, habe vor dem Leid der Betroffenen keinen Respekt.

Freiburger Medizinstatistiker sieht berechtigte Fragen

Der Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes verteidigte das Thesenpapier der Forscher dagegen am Dienstagabend im SWR. Es zweifle niemand daran, dass das Personal teils über der Belastungsgrenze arbeite. Damit sei aber die Warnung verbunden gewesen, man könnte am Rande des Zusammenbruchs des Systems stehen. Die Warnungen seien immer wieder aus der gleichen Ecke gekommen - in Baden-Württemberg habe man davon aber wenig gehört.

Antes ist der Meinung, man sei nicht kurz vor einem Kollaps gestanden. "Wir haben die höchste Intensivbetten-Dichte auf die Einwohner bezogen, auf jeden Fall in Europa oder sogar in der ganzen Welt." Demgegenüber gebe es andere Länder mit höheren Inzidenzen, "die haben ein Drittel an Intensivbetten, und da passiert das nicht". Es sei sehr berechtigt, diese Fragen zu stellen.

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Tübinger OB Palmer schaltet sich in Diskussion ein und kritisiert die Medien

Auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) äußerte seine Meinung zur Diskussion und bezeichnete es als "unglaubwürdig", dass eine Triage gedroht habe, weil "viele Nachbarländer weitaus höhere Inzidenzen hatten und weniger Intensivbetten, aber trotzdem nie eine Triage", so der Grünen-Politiker via Facebook.

Zur Durchsetzung der Bundes-Notbremse seien vor allem die Intensivstationen bemüht worden. "Das Personal verlässt diese. Dafür gibt es gar keine Belege, niemand hat eine solche Statistik", so Palmer. Er kritisierte die Schätzungen, die in vielen Medien und von Politikern wie dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach verbreitet worden seien. Es habe keinerlei Hinweise darauf gegeben, dass die aufgestellten Szenarien, wonach junge Menschen schwer erkranken oder sterben, wirklich auftreten würden. "Das war eine Schätzung. Aber eine gegen jede Statistik, denn es gab keinerlei Hinweise darauf, dass plötzlich das Alter der Intensivpatienten im Schnitt um mehr als 20 Jahre abstürzt", so der Tübinger Oberbürgermeister.

Warum dies alles so bereitwillig verbreitet und kaum hinterfragt oder korrigiert wurde? "Nur 'Bild' und 'Welt' kritisierten die Regierung, nahezu alle anderen stellten sich hinter die Lockdownpolitik", so Palmer wörtlich. Es sei aber nicht die Aufgabe von Journalismus, die eigenen Ängste oder Haltungen unter die Leute zu bringen, sondern möglichst objektiv zu informieren.

Dabei ließ Palmer jedoch außer Acht, dass es sehr wohl viele Artikel in öffentlich-rechtlichen Medien gab, die das Problem bereits analysierten. Der ARD-Faktenfinder hat es zum Beispiel schon Ende März behandelt (Titel: "Belegung von Intensivstationen: Daten für klare Aussagen fehlen") und auch der Bayerische Rundfunk. Darüber hinaus gab es viele Beiträge mit einem regionalen Blickwinkel, die sich nicht auf das RKI berufen, sondern sich nachvollziehbar und gut erklärt auf konkrete Daten aus einzelnen Krankenhäusern beziehen - unter anderem vom Südwestrundfunk.

Forscher: Offizielle Statistiken sind falsch

Zuvor hatte ein Thesenpapier eines Forscherteams um den Kölner Arzt und Ökonomen Matthias Schrappe für Aufsehen gesorgt. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die Situation auf den Intensivstationen nie so dramatisch gewesen sei, wie Intensivmediziner das beschrieben haben. Und sie stellten infrage, ob die knapp elf Milliarden Euro, die die Krankenhäuser bekommen haben, richtig eingesetzt wurden. Offizielle Statistiken seien falsch oder im Nachhinein korrigiert worden.

Die Autoren machten das unter anderem an der Gesamtzahl an Intensivbetten für den Stichtag 30. Juli 2020 fest. An dem Tag seien zunächst 33.367 Stück gemeldet worden, heute findet man für das Datum in den Zeitreihen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) dagegen 30.340 Betten.

Intensivmediziner: Mangelnde Kenntnis der Lage in Kliniken

Verbände um die Divi wiesen daraufhin Zweifel an einer drohenden Überlastung der Intensivstationen in der Corona-Krise zurück. Das Thesenpapier beruht nach Ansicht der Verbände "auf Fehleinschätzungen und mangelnder Kenntnis der tatsächlichen Lage in Kliniken". Im Verlauf der Pandemie seien die Betten der Kinderintensivstationen aus der Gesamtzahl herausgerechnet worden. "Diese spielen für die Versorgung von Covid-19-Patienten keine Rolle", heißt es in einer Mitteilung. Auf die Veränderung sei "in sämtlichen Statistiken aber auch explizit hingewiesen" worden.

Im Thesenpapier ist zudem von einer Sonderstellung Deutschlands die Rede: "In keinem Land werden im Vergleich zur Melderate so viel Infizierte intensivmedizinisch behandelt." Damit wird nach Aussage der Verbände unterstellt, Patienten seien ohne Not und aus rein finanziellem Interesse auf Intensivstationen verlegt worden. Das sei ein "Schlag ins Gesicht" der Belegschaft in den Krankenhäusern.

Ministerium: Thesen nicht durch Fakten unterlegt

Dem Bundesgesundheitsministerium liegen nach eigener Aussage hinsichtlich der Intensivbetten-Zahlen keine Anhaltspunkte für eine nachträgliche Manipulation vor. "Es ist auch nicht erkennbar, welche Anreize für derartige Manipulationen bestanden haben sollten", teilte ein Sprecher am Montag der "Welt" mit. Die Thesen Schrappes seien "zum großen Teil nicht durch Fakten unterlegt, sondern basierten auf Annahmen und Unterstellungen", hieß es vom Ministerium.

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte die Thesen kritisiert und bezeichnete die Diskussion via Twitter als "unwürdig". 85.000 Menschen seien tot - "ohne aufopfernde Leistung der Kliniken wären es noch mehr", so Lauterbach. Es sei eine Legende, dass Covid-Infizierte aus Geldgier intensivmedizinisch versorgt worden wären.

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