Tische und Bänke stehen aufgereiht an der Uferpromenade, während eine Frau vorbei geht. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Felix Kästle)

Diskussion über Öffnungsstrategie

Corona-Inzidenz als einziger Maßstab für Lockerungen? Experten fordern Umdenken

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Biergärten offen, Einkaufen möglich - Lockerungen der Corona-Maßnahmen sind derzeit von einer Sieben-Tage-Inzidenz unter 100 abhängig. Doch an diesem Maßstab gibt es Kritik.

Mit der Zunahme der Corona-Impfungen gibt es vermehrt Kritik an der Sieben-Tage-Inzidenz als ausschlaggebendes Maß für Einschränkungen oder Lockerungen. Als eine "sehr grobe Ausrichtung" bezeichnet der Epidemiologe Dietrich Rothenbacher von der Universität Ulm die Sieben-Tage-Inzidenz. Damit würden die Besonderheiten der Pandemie und auch die besondere Bedrohungslage nicht optimal abgebildet.

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Je höher der Anteil der Geimpften in einer Bevölkerungsgruppe, desto geringer sei die Gefahr für schwere Verläufe und Sterbefälle und die weitere Verbreitung des Virus, sagt das Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie. Dies spiegele sich aber in einer Gesamtinzidenz nicht wider, sondern nur in altersspezifischen Inzidenzen.

Mehrere Faktoren berücksichtigen

Rothenbacher spricht sich dafür aus, mehrere weitere Kennzahlen in die Bewertung der aktuellen Lage einzubeziehen. Er plädiert unter anderem dafür, die verschiedenen Altersgruppen stärker in den Blick zu nehmen. So solle die Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner in einer Woche regional und nach Altersgruppen aufgeschlüsselt werden.

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Auch der Anteil der positiven Tests an allen Testungen in den unterschiedlichen Altersgruppen sollte berücksichtigt werden, so Rothenbacher. Zudem fordert er eine Aufschlüsselung der Covid-19-Intensivpatientinnen und -patienten nach Alter.

Weniger Tests = Geringere Inzidenz?

Welche Aussagekraft die Sieben-Tage-Inzidenz hat, wenn es darum geht, die aktuelle Corona-Lage zu bewerten, wird häufig auch an der Zahl der Testungen festgemacht. An Feiertagen - wie etwa einem verlängerten Wochenende - werden in der Regel weniger Corona-Tests gemacht. Könnte das dazu führen, dass die derzeit sinkenden Infektionszahlen das Bild verfälschen?

Die Anzahl der Coronavirus-Tests in Deutschland sinke weiter, so die Einschätzung des SWR-Datenjournalisten Johannes Schmid-Johannsen. "Es wird also wieder weniger getestet. Warum das so ist, lässt sich schwer einschätzen."

Zumindest ist laut Schmid-Johannsen auch die Positivrate zurückgegangen. "Das ist ein Indiz dafür, dass das Virus tatsächlich eingedämmt wird. Es könnte aber auch sein, dass Infizierte, die nur leicht erkranken, jetzt zum Sommerbeginn weniger häufig zum Arzt gehen", so der Daten-Experte.

Prognosen für Pfingsten schwierig

Eine Prognose zur Entwicklung der Sieben-Tage-Inzidenz in Baden-Württemberg hält Schmid-Johannsen insgesamt für schwierig - auch im Blick darauf, ob sie während der Pfingstferien wieder stark ansteigen könnte. "Dafür gibt es nach meiner Einschätzung keine passenden Prognose-Modelle", so seine Einschätzung. Die Wissenschaft könne zum Beispiel den so genannten saisonalen Effekt, also die Frage, wie sich sommerliche Temperaturen auf die Ausbreitung auswirken, noch immer nicht einberechnen. 

"Im Moment gehen viele Modelle von sinkenden Zahlen aus. Entscheidend dürfte deshalb weiter unser individuelles Verhalten sein", so Schmid-Johannsen. Wenn wieder mehr Menschen an einem Ort zusammenkommen sollten, könne es durchaus erneut zu punktuellen Ausbrüchen kommen.

Der Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes hatte zuvor im SWR vergangene und gegenwärtige Modellierungen und deren falsche Vorhersagen scharf kritisiert. Man habe von Anfang an versäumt, viele relevante Zahlen und Kenngrößen zu erfassen, so Antes im Interview vom 7. Mai. Auch gehe man mit den Zahlen, die es gibt, falsch um. Zudem lasse man zu viele Zahlen, die es gibt, links liegen, so sein Vorwurf. Heraus komme eine Situation, wonach man sich "weiterhin im Blindflug" befinde, so Antes.

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Dies sei unter anderem auch darauf zurückzuführen, dass die Fokussierung zu sehr auf den Inzidenzwerten beruhe. "Mittelwerte sind Informationsvernichter", so der Medizinstatistiker weiter. Es sei zu wenig auf andere Faktoren wie den beruflichen Hintergrund von Infizierten oder die Einweisungszahlen in die Krankenhäuser eingegangen worden.

Man wisse immer noch sehr wenig über Infektionsketten und die Wirksamkeit einzelner Gegenmaßnahmen, so Antes weiter in einem weiteren Interview mit dem "Deutschlandfunk". Ob und wie stark das Infektionsgeschehen durch die Beschränkungen der Notbremsen gebremst wurde, sei daher nicht evidenzbasiert erklärbar.

Gesundheitsämter spielen bei Öffnungen wichtige Rolle

Wenn es um Lockerungen der Corona-Maßnahmen geht, komme den Gesundheitsämtern vor Ort eine wichtige Rolle zu, bilanziert der Datenexperte Schmid-Johannsen. Sie hätten eine besondere Verantwortung, denn sie allein könnten das Infektionsgeschehen genau analysieren und beurteilen.

Wenn diffus Fälle ohne passende Infektionskette auftreten, sei es wichtig, nach dem Ausgangspunkt zu suchen: "Wenn so ein Fall auftritt, sollten Gesundheitsämter auch bei den Öffnungen bremsen", so Schmid-Johannsen.

In der Sendung "SWR1-Leute" gab Schmid-Johannsen weitere Einblicke in die Welt der Statistik und die Datenanalyse zur Erfassung und Eindämmung des Coronavirus. Hier können Sie das Interview in voller Länge sehen:

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Inzidenzwert bleibt wichtig

Bis zum Sommer hält er den Inzidenzwert noch für den richtigen Ansatz: "Solange nur ein kleiner Teil der Bevölkerung zweimal geimpft ist, bleibt die Inzidenz ein wichtiger Messwert." Richtig sei auch, dass die Landesregierung Baden-Württemberg erst dann Lockerungen der Corona-Beschränkungen erlaube, wenn die Zahl der Corona-Neuinfektionen an fünf Tagen hintereinander unter dem Wert von 100 pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner liegt. Denn: "Fünf Tage machen noch keinen stabilen Trend. Noch wichtiger ist aus meiner Sicht, dass die Infektionszahlen darüber hinaus weiter sinken." 

Im Herbst könnte der Inzidenzwert aber seine Aussagekraft verlieren. Die vierte Welle könnte viel subtiler stattfinden - nämlich zum Beispiel eher punktuell mit regionalen Ausbrüchen, die nicht unbedingt zeitgleich stattfinden, oder vermehrt in den Alters- und Personengruppen, die nicht geimpft sind. Schmid-Johannsen glaubt deshalb: "Um solche Entwicklungen darzustellen, brauchen wir neue Indikatoren.“

Sozialministerium hält an Inzidenzwert fest

Unterdessen will das Sozialministerium Baden-Württemberg weiterhin die Sieben-Tage-Inzidenz als Grundlage für mögliche Öffnungsschritte heranziehen und zunächst keine weiteren Kennzahlen aufnehmen.

Laut einem Ministeriumssprecher ist aber nicht auszuschließen, dass bei neuen Entwicklungen neue Indikatoren für Lockerungen hinzukommen. Dies könne etwa durch neue Mutationen der Fall sein, durch die Impfstoffe dann plötzlich angepasst werden müssten. Zudem verwies der Sprecher auf Lockerungen für Geimpfte, für die es bereits zusätzliche Erleichterungen gebe, etwa bei der Einreise und Quarantäne.

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