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Für Experten wie die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill, ist Homeoffice "essenziell", um Kontakte zu reduzieren. Arbeitgeberverbände bremsen dagegen. Ob ein "Homeoffice-Gipfel" die Lösung bringt?

Angesichts der hohen Infektionszahlen mit dem Coronavirus drängt die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill, auf ein rasches Eindämmen der Pandemie. "Im Moment kann die Aussage nur sein, dass die Infektionszahlen so schnell wie möglich gesenkt werden müssen, und das gelingt nur im Zusammenspiel von allen verfügbaren Maßnahmen", so Grill, deren Gesellschaft ihren Sitz in Ulm hat, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Dazu zähle Homeoffice als "essenzieller Bestandteil der kontaktvermindernden Maßnahmen".

Es sei wichtig, "dass Kontakte auf allen Ebenen vermieden werden, und auch Arbeitgeber sollten das aktiv fördern, dass Menschen nicht an die Arbeitsstelle pendeln müssen", so Grill am Dienstag.

Kretschmann für mehr Homeoffice

Einen Befürworter für mehr Homeoffice hat sie in Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne). Dieser hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, dass die Wirtschaft eine konsequente Nutzung aller Möglichkeiten zum Homeoffice ermöglichen sollte. Die Landesregierung erhalte zunehmend Rückmeldungen, dass noch mehr Beschäftigte von zu Hause aus arbeiten könnten, so Kretschmann in einem Brief an Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), über den die "Stuttgarter Nachrichten" berichteten. "Gerade im Vergleich zu den gravierenden Kontaktbeschränkungen im privaten Bereich werden zunehmend Stimmen laut, gemeinsam mit den Unternehmen die Anstrengungen zu erhöhen", wird Kretschmann zitiert.

Auf Anregung des Grünen-Politikers hat Hoffmeister-Kraut Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften zu einem "Homeoffice-Gipfel" der Landesregierung eingeladen, bei dem über die Möglichkeiten zu mehr Heimarbeit für noch mehr Beschäftigte beraten werden soll. Als möglichen Termin für dieses Treffen nannte das Wirtschaftsministerium die 3. Januarwoche.

Arbeitgeber weisen Wunsch nach mehr Homeoffice zurück

Der Wunsch nach mehr Homeoffice kommt bei Arbeitgebern indes weniger gut an. Die Arbeitgeberverbände im Land wiesen die Kretschmann-Appell zurück, dass noch mehr Beschäftigte von zu Hause aus arbeiten könnten. Die Politik sollte "zur Kenntnis nehmen, dass das Instrument des mobilen Arbeitens schon jetzt von den Unternehmen umfassend eingesetzt werde", sagte etwa der Hauptgeschäftsführer der baden-württembergischen Arbeitgeber, Peer-Michael Dick, der "Stuttgarter Zeitung".

Auch der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) sieh den Appell eher skeptisch. Die Maschinenbauer sorgten "verantwortungsvoll" dafür, den Mitarbeitern, "deren Arbeitsplätze nicht direkt an die Produktion gebunden sind, Homeoffice zu ermöglichen", so VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann. Er bezeichnete den Vorschlag eines gesetzlichen Homeoffice-Anspruchs als "absurd". Die Arbeitsorganisation jedes einzelnen Betriebes sei unterschiedlich und ließe sich nicht per Behördenverordnung von außen regeln.

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Der neue Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm, machte am Dienstag deutlich, der Einsatz von Homeoffice müsse von den Betriebsparteien vor Ort entschieden werden. Die Industrie appelliere an alle Unternehmen, das Thema Homeoffice soweit wie möglich zu nutzen, sagte Russwurm. "Und ganz viele tun das auch." Die Entscheidung darüber, was gehe und was nicht gehe, welche Arbeitsplätze dauerhaft im Homeoffice sein könnten, wo es richtig sei, ab und zu mal wieder zurück ins Büro zu kommen und welche Arbeitsplätze schlichtweg nicht von zu Hause zu erledigen seien, wisse aber niemand besser als die Betriebsparteien vor Ort. Das "Schweißen aus dem Homeoffice" habe noch niemand erfunden.

Bundesarbeitsminister will Lockdown der Wirtschaft verhindern

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) rief zwar Arbeitgeber dazu auf, ab sofort Arbeiten von zu Hause aus zu ermöglichen, wo immer es betrieblich gehe. Gleichzeitig warnte er jedoch nach einem Gespräch mit Personalvorständen großer deutscher Unternehmen vor weiteren Verschärfungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. "Keiner von uns kann wollen, dass über die ergriffenen Maßnahmen hinaus, wir die gesamte Wirtschaft in den Lockdown schicken müssen." Die Produktion in Deutschland stehe nicht still und die Bänder liefen. "Und das soll möglichst auch so bleiben."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Nordwürttemberg forderte indes ein Recht auf Homeoffice für Arbeitnehmer. Allerdings dürfe das nicht dazu führen, dass Arbeitgeber ihre Beschäftigten dazu verpflichten, zu Hause zu arbeiten, sagte die Heilbronner DGB-Regionssekretärin Silke Ortwein: "Ich sehe zwei Tendenzen. Die eine, dass manche Firmen auf den Geschmack gekommen sind und wir wahrscheinlich als Gewerkschaften an der einen oder anderen Stelle dafür kämpfen müssen, dass überhaupt die Arbeitsplätze erhalten bleiben als Arbeitsorte." Auf der anderen Seite bedürfe es auch des Rechts der Arbeitnehmer, dass sie tatsächlich ins Homeoffice gehen könnten, wenn ihre Arbeit das ermögliche. "Und wie viel da möglich ist, das haben wir jetzt gelernt in dieser Krise", so Ortwein.

Coronavirus: Epidemiologin mit Hinweis auf unklare Lage

Über die aktuelle Lage des Infektionsgeschehens lasse sich wegen weniger Tests und einiger geschlossener Labore über Weihnachten und Neujahr derzeit schwer belastbare Aussagen tätigen, so Grill weiter. "Wir werden also im Laufe dieser und nächster Woche erst sehen, welche Entwicklungen sich über die Feiertage ergeben haben", so die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie weiter. Daher könne man im Moment Effekte von Homeoffice oder fehlendem Homeoffice auch nicht robust beurteilen.

Die Infektionszahlen seien vermutlich im Rückgang. Das lasse sich davon ableiten, dass seit einigen Tagen weniger Intensivbetten belegt seien. "Man muss aber auch bedenken, dass die Belegungszahlen auch dann zurückgehen würden, wenn sich über Weihnachten überwiegend jüngere Menschen angesteckt hätten", führte die Epidemiologin aus.

Mit Blick auf die bisherigen Einschränkungen im Herbst und Winter äußerte die Wissenschaftlerin Kritik: "Aus meiner Sicht waren die Maßnahmen im November zu halbherzig, um Erfolg haben zu können." Zu diesem Zeitpunkt hätten die Behörden Kontakte nicht mehr vollständig nachvollziehen können. "Man muss also auch von einer hohen Dunkelziffer ausgehen", so Grill. "Das wahre Ansteigen der Fallzahlen Anfang Dezember hat man also vielleicht gar nicht gesehen." Mitte Dezember seien auch noch viele Menschen sehr viel unterwegs gewesen. "Also war von Effekten des Lockdowns sicher bis zum Schließen des Einzelhandels nicht so viel zu sehen", meinte die Professorin abschließend.

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