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Immer mehr Menschen sind impfberechtigt, bekommen aber keinen Termin. Mediziner kritisieren, die Corona-Impfstoffdosen könnten effizienter genutzt werden. Die Rechtslage ist aber unklar.

Viele Mediziner in Baden-Württemberg beklagen, dass sie bei der Corona-Impfung die vorhandenen Dosen nicht effizient nutzen. "Wir verschwenden Tausende von Impfdosen", sagt beispielsweise die Medizinerin Sabine Meyer (Name von der Redaktion geändert). Die Ärztin aus dem Raum Stuttgart hat in einer Woche sechs Ampullen des Biontech-Impfstoffs erhalten. Eigentlich hätte sie damit nur 36 Patientinnen und Patienten gegen Corona impfen können.

Es wurden mehr, denn Meyer hat pro Fläschchen des Impfstoffs eine weitere vollständige Dosis aufgezogen. "Das geht, wenn man es geschickt macht", erklärt die Ärztin. Aber: Sie bewegt sich damit in einer rechtlichen Grauzone. Darum möchte sie auch nicht ihren richtigen Namen veröffentlicht sehen.

Ärztin sieht Spielraum bei der Corona-Impfung

Jede der kleinen Glasampullen von Biontech mit dem Präparat "Comirnaty" reicht für sechs Corona-Impfungen. Das sichert der Hersteller zu. Er füllt aber noch etwas mehr Impfstoff in die Fläschchen, damit das Soll auf jeden Fall erreicht wird, selbst wenn ein bisschen Impfstoff in den Spritzen zurückbleibt.

Wenn das medizinische Personal für die Corona-Impfungen die Spritzen sorgsam aufziehe oder spezielle Spritzen verwende, sei es aber möglich, eine siebte Dosis Impfstoff aus einer Biontech-Ampulle herausholen, so die Ärztin Meyer. Beim Wirkstoff Vaxzevria von Astrazeneca sind vom Hersteller pro Fläschchen zehn Impfdosen angegeben. Laut Meyer sei jedoch auch eine elfte Dosis drin.

Corona: "Wenn es geht, ziehen wir eine Dosis mehr"

"Mit jeder Corona-Impfung können wir Leben retten," meint Meyer. Sie habe daher für sich entschieden, den vorhandenen Impfstoff bestmöglich auszuschöpfen. "Wo immer es geht, ziehen wir eine Dosis mehr. Selbstverständlich halten wir uns bei jeder Impfung immer an die vorgeschriebene Menge Wirkstoff," unterstreicht Meyer.

Sie als niedergelassene Ärztin könne so im Kleinen etwas bewirken - und in den großen Impfzentren wäre der Effekt noch spürbarer. "Wir müssen jede Chance nutzen, die dritte Corona-Welle herunterzubringen. Etwas anderes können wir uns nicht leisten", so Meyer.

"Wo immer es geht, ziehen wir eine Dosis mehr."

Ein medizinisches Risiko für die Patientinnen und Patienten sieht die Ärztin nicht. Am Präparat ändere sich nichts und auch nicht an der verabreichten vorgeschriebenen Wirkstoffmenge. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen sehen das genauso, berichtet Meyer. Gerade deshalb wünscht sich die Ärztin mehr rechtliche Klarheit: "Es wäre schön, wenn das von oben freigegeben und haftungsrechtlich abgedeckt wäre".

Kassenärzte fordern rechtliche Klärung

Von einer "unbefriedigenden Situation" spricht auch die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Pressesprecher Kai Sonntag sagt gegenüber dem SWR, die Mediziner würden im Unklaren gelassen, ob es erlaubt und gebilligt werde, eine zusätzliche Dosis zu entnehmen, wenn das möglich ist. "Wenn Ärztinnen und Ärzte mehr als die vom Hersteller pro Ampulle festgelegten Impfdosen verwenden, müssen sie selbst die Verantwortung übernehmen", so Sonntag.

Der KVBW-Sprecher fordert eine Festlegung auf Landes- oder Bundesebene. Ein Satz in der Impfverordnung würde genügen, meint Sonntag, zum Beispiel mit Blick auf den Corona-Impfstoff von Biontech. Nämlich: "Die siebte Dosis ist zulässig."

Immer wieder liest oder hört man, in Impfzentren würde Corona-Impfstoff übrig bleiben - oder sogar weggeworfen. Was ist dran an den Behauptungen? Ein Bericht aus dem im Impfzentrum im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart:

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Sozialministerium: Entscheidung bei den Verantwortlichen

In diesem Punkt ist die Regelung in Baden-Württemberg unscharf. In einer Stellungnahme schreibt das Sozialministerium Baden-Württemberg auf Anfrage: "In Baden-Württemberg wurde den Impfzentren kommuniziert, dass eine 6. Dosis Biontech von der Zulassung abgedeckt ist und entnommen werden kann.

Die Entscheidung, ob die 7. Dosis entnommen wird, sofern dies möglich ist, liegt bei den Verantwortlichen der Impfzentren. Das gilt gleichermaßen für eine 11. Dosis bei Astrazeneca." Weiter heißt es: "Es hängt von den Fertigkeiten des medizinischen Personals ab, ob eine komplette siebte Dosis im Durchstechfläschchen verbleibt. Ist dies der Fall, wird diese auch verimpft."

Zur Frage einer möglichen Haftung erklärt das Sozialministerium Baden-Württemberg: "Diese Frage würde sich nur in dem Moment stellen, in dem es zu Impfschäden kommt." Laut Infektionsschutzgesetz (IfSG) spreche man dann von einer Versorgung. Diese leiste das Land, wenn eine allgemeine Impfempfehlung vorliegt. Und: "Bei der Versorgung kommt es zudem grundsätzlich nicht auf ein Verschulden des impfenden Arztes/Ärztin oder seiner Mitarbeiter*innen bei der Impfung an."

Rheinland-Pfalz schafft Rechtssicherheit

Das benachbarte Rheinland-Pfalz ist schon einen Schritt weiter. Dem SWR teilt die Landesregierung in Mainz mit: "Das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium empfiehlt vor dem Hintergrund des weiterhin bestehenden Mangels an pandemischem Impfstoff die Entnahme einer 7. Dosis Comirnaty© bzw. 11. Dosis Vaxzevria©, wenn die Entnahme der zusätzlichen Dosis vollständig und partikelfrei möglich ist. Dadurch wird die notwendige Rechtssicherheit für die Ärztinnen und Ärzte geschaffen."

"Eine solche Aussage - das ist es," sagt die baden-württembergische Ärztin Sabine Meyer. Dann berichtet sie noch von einem anderen Problem. Viele über 60-jährige Impfberechtigte wollten das Vakzin von Astrazeneca nicht haben. Die Patientinnen und Patienten machten sich das Risiko einer Erkrankung nicht klar. Die Gefahr einer Corona-Infektion sei weitaus reeller als die möglichen Komplikationen der Impfung. Meyer betont: "Alles ist besser als Corona." Deshalb will sie aus jeder Impfstoff-Ampulle das Maximum herausholen.

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