Die Anrede Mitarbeiter*innen in einem Dokument mit Gendersternchen (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

Kultusministerium Baden-Württemberg lässt Schulen die Wahl

Gendern an Schulen - Unmut über fehlende klare Regelungen

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Wie sollen Schulen mit Genderzeichen wie dem Sternchen umgehen? Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) ist für Wahlfreiheit, der Landesschülerbeirat begrüßt die Diskussion.

"Es ist gut, wenn Schülerinnen und Schüler in der Schule für geschlechtergerechte Sprache sensibilisiert werden, und das Thema Geschlechtergerechtigkeit ist ja auch im Bildungsplan verankert", sagte Kultusministerin Schopper. Deswegen sollen die Schulen selbst entscheiden, ob sie Genderzeichen in Aufsätzen und Prüfungen zulassen. Die Grünen-Politikerin findet es gut, wenn Lehrkräfte gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern eine Schreibweise bezüglich der Sonderformen beim Gendern vereinbaren. Das könnte bedeuten: unterschiedliche Regelungen je nach Schule, denn von einer landesweit einheitlichen Vereinbarung spricht die Ministerin nicht. Genau das sorgt für Unmut.

Grundlage für die Korrektur von Aufsätzen sei das amtliche Regelwerk für die deutsche Orthographie, so das Kultusministerium. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat Genderzeichen wie das Sternchen oder den Doppelpunkt bislang nicht empfohlen. Allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache zu begegnen, sei eine gesellschaftliche Aufgabe, bekräftigte der Rat aber im Frühjahr 2021.

Landesschülerbeirat begrüßt Diskussion

"Es ist schön, dass Bewegung in die Diskussion kommt."

Die gendersensible Sprache sei ein wichtiges Thema, sagte die Pressesprecherin des Landesschülerbeirats, Elisabeth Schilli, dem SWR: "Das treibt viele um." Es sei auch gut, wenn beide Schreibweisen toleriert würden - also sowohl mit Genderzeichen als auch ohne - und dass es weder für das eine noch für das andere einen Punkteabzug gebe. Elisabeth Schilli betont aber auch, dass das Thema polarisiere. Deshalb müsse es klare Regeln des Kultusministeriums Baden-Württemberg geben, "damit Schulleitungen nicht willkürlich entscheiden können."

Landeselternbeirat Baden-Württemberg fordert Sensibilität

Bei der Diskussion um das Genderzeichen geht es aus Sicht des Landeselternbeirats darum, "was wirklich Lebenswirklichkeit und was Nebelkerze zum Ablenken von die Menschen wirklich bewegenden Themen ist", schreibt der Vorsitzende Michael Mittelstaedt in einer Stellungnahme. Er stellt die Frage, wie die Gesellschaft "den Menschen, die wirklich in ihrer sexuellen Orientierung anders als die Norm sind, so gerecht wird, dass sie eben nicht darum fürchten müssen, diskriminiert zu werden." Laut Mittelstaedt ist auf allen Seiten Sensibilität gefragt und möglichst wenig Missionstätigkeit.

Sprachliches Gendern "viel zu emotionsbelastet"

"Das sprachliche Gendern ist - ehrlich gesagt - eine Katastrophe, da viel zu emotionsbelastet", meint Michael Mittelstaedt: "Es geht um Wertschätzung des anderen Geschlechts auch im Sprachgebrauch - mehr nicht." Das funktioniere, wenn auch ungewohnt, aber auch ohne Sternchen und Doppelpunkte, schreibt er. Natürlich funktionierte das nicht bei jedem Wort und auch nicht in jedem Zusammenhang, aber das müsse auch nicht das Ziel sein, so Mittelstaedt weiter. "Ich erwarte von Schule, dass sie lehrt, hierfür ein Gefühl zu entwickeln, das der Elterngeneration - da sie eben in diesbezüglich weniger sensibilisierten Zeiten in die Schule gegangen sind - häufig fehlt."

GEW begrüßt gendergerechte Schreibweise

Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), begrüßt es, dass Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden dürfen, ob sie gendergerecht schreiben. Jetzt müsse aber eine landeseinheitliche, verbindliche Regelung des Kultusministeriums folgen, sagte Stein. Das könne nicht den jeweiligen Schulkonferenzen zugemutet werden.

Philologenverband kritisiert Ministerin Schopper

"Diese Debatte um das Gendern an Schulen ist - zum gegenwärtigen Zeitpunkt - für die Schulen so unnötig wie ein Kropf."

Bisher habe es an den Schulen überhaupt keine Probleme und auch keine Debatten (zwischen Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften) bezüglich des Genderns gegeben, so Ralf Scholl auf SWR-Anfrage. "Dass die Kultusministerin jetzt unvorbereitet eine Debatte über das Gendern an Schulen vom Zaun bricht und dann auch noch die Schulen zu diesem Thema ohne verbindliche Regelung im Regen stehen lässt, können wir nur als Ablenkungsmanöver von wesentlich dringenderen - aber nicht getroffenen - Entscheidungen des Kultusministeriums bzw. der Landesregierung ansehen", schreibt Scholl.

Verband findet unterschiedliche Regelungen unsinnig

Es sei unsinnig, wenn die Schulen das Gendern jeweils für sich regeln. "Viele Familien haben mehrere Kinder an unterschiedlichen Schulen. Und jedes schreibt dann nach einer anderen Regel", so Scholl. Er kündigte an, dass der Philologenverband bis zum Jahresende eine generelle Position zum Gendern erarbeiten möchte.

Scholl: Raumluftfilter derzeit vordringlich

In einer persönlichen Ergänzung geht Scholl noch weiter: "Was momentan vordringlich ist, ist die Ausrüstung aller Schul- und Kita-Räume mit Raumluftfiltern, damit die Mütter (und manche Väter) nicht wie im letzten Jahr zu Hause bleiben müssen, um die Aufsicht für ihre Kinder zu gewährleisten, während Schulen und Kitas wegen Corona geschlossen sind." Eine vierte Corona-Welle sei bereits voll im Anrollen.

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VBE Baden-Württemberg spricht von "Bärendienst"

Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg kritisiert die Vorgehensweise des Kultusministeriums. In einer Stellungnahme des VBE-Landesvorsitzenden Gerhard Brand heißt es: "Das Ministerium erweist den Schulen damit einen Bärendienst. Wir hätten uns seitens des Kultusministeriums eine einheitliche Regelung gewünscht." Dadurch, dass jetzt jede Schule selbst entscheiden solle, setze man sie dem Druck der meinungsstarken Elternschaft aus, so Brand weiter.

Außerdem besteht laut VBE Baden-Württemberg die Gefahr, dass, wenn Schulen unterschiedlich vorgehen, dies mittel- bis langfristig zu einer uneinheitlichen Schreibweise führt. "Wir fordern eine klare, einheitliche Regelung, orientiert am Duden und den Empfehlungen der Rechtschreibrats," betont Brand.

Die Mehrheit lehnt geschlechtergerechte Sprache ab

Abgesehen von der Diskussion unter Gewerkschaften und Verbänden haben Nutzerinnen und Nutzer eine ganz klare Haltung gegenüber dem Gendersternchen. Eine aktuelle ZDF-Umfrage zeigt, dass ein Großteil der Deutschen (71 Prozent) geschlechtergerechte Sprache in den Medien als "nicht gut" empfinden. Nur 25 Prozent finden ein Trennungszeichen oder Sprechpausen "gut". Die Umfrageergebnisse wurden vom ZDF kommentarlos veröffentlicht, einen Text zur Gender-Umfrage gibt es nicht.

Eine Umfrage des MDR ergab zuletzt ein noch eindeutigeres Ergebnis: 86 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die Gender-Debatte als unwichtig erachten. Nur 14 Prozent halte es für wichtig, "alle Geschlechter in der deutschen Sprache hör- und sichtbar zu machen". Etwa ein Fünftel verbindet den Begriff "überflüssig" mit der Debatte, dennoch wird diese auch als "zeitgemäß" empfunden. Zusammenfassend ergab die Umfrage, dass eine ähnliche Mehrheit, 74 Prozent, das Gendern in Medien ablehnt. An der Erhebung nahmen rund 26.000 Menschen aus Mitteldeutschland teil.

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