Verlängerung der "Alarmstufe II"

Der harte Kurs der Landesregierung - zu streng oder berechtigte Vorsicht?

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Die Hospitalisierungsinzidenz fällt, die Situation auf den Intensivstationen entspannt sich. Dennoch wird in Baden-Württemberg an den Maßnahmen festgehalten. Zu Unrecht? Oder ist die Vorsicht sogar notwendig?

Die neue Corona-Verordnung gilt nun den dritten Tag in Folge. Das bedeutet FFP2-Maskenpflicht an vielen Orten, 2G-Nachweis im Einzelhandel und eingeschränkte Personenzahlen bei Veranstaltungen. Doch gleichzeitig gibt es Anzeichen, dass diese Maßnahmen womöglich nicht gerechtfertigt sind. Zwar steigt die Sieben-Tage-Inzidenz in Baden-Württemberg, aber die Zahl der Corona-Intensivpatientinnen und -Patienten geht kontinuierlich seit über vier Wochen zurück.

Dazu kommen immer wieder neue Erkenntnisse, dass die Omikron-Variante nicht so gefährlich ist wie die bisherigen Corona-Virusvarianten. Das haben auch neuere Studien ergeben, auf die unter anderem der Virologe Alexander Kekulé verweißt:

Verlängerung der Alarmstufe sorgt für Frust

Eigentlich hätten die aktuellen Corona-Zahlen Lockerungen der geltenden Maßnahmen in Baden-Württemberg zugelassen. Nach der ursprünglichen Verordnung wären die Maßnahmen der sogenannten "Alarmstufe II" inzwischen zurückgenommen worden.

Durch die neueste Entscheidung der baden-württembergischen Landesregierung ist das aber hinfällig. Unabhängig von der Hospitalisierungsinzidenz und der Zahl der Corona-Patientinnen und -Patienten auf den Intensivstationen wird die "Alarmstufe II" für vorerst drei Wochen verlängert. Gerade in sozialen Netzwerken sorgte diese Entscheidung für viel Frust.

Kretschmann: "Wir fahren auf Sicht"

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hält dagegen. Die Regelungen der Warn- und Alarmstufe seinen beschlossen worden, als noch die Delta-Variante vorherrschend gewesen war. Die Omikron-Variante sei ansteckender, daher sei mehr Vorsicht geboten, so Kretschmann im SWR-Interview. "In einer Pandemie fährt man auf Sicht, das hat sich wieder bestätigt."

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Zumindest in Baden-Württemberg scheint Omikron zum neuen Jahr angekommen zu sein. Die Mehrzahl der sequenzierten PCR-Tests sind inzwischen auf eine Omikron-Infektion zurückzuführen.

Warum die Vorsicht angebracht sein könnte

Der Virologe Christian Drosten verteidigte die ergriffenen Maßnahmen der Bundesregierung am Freitag in Berlin. Die Virusvariante sei zwar nach derzeitigem Kenntnisstand milder im Verlauf, weil es aber zu viele Fälle seien, werde dieser Gewinn "wieder ausgelöscht", sagte der Wissenschaftler von der Berliner Charité. Noch gebe es deutlich zu viele ungeimpfte Menschen in Deutschland, besonders auch in der Gruppe der Über-60-Jährigen.

Diese seien aber durch eine Infektion besonders gefährdet. Viele Menschen hätten zudem noch keine Auffrischimpfung erhalten, die aber das wirkungsvollste Mittel im Kampf gegen Omikron sei. Auch Lothar Wieler vom Robert Koch-Institut erklärte: "Durch die Masse an Infektionen müssen wir uns leider darauf einstellen, dass auch die Zahlen der Hospitalisierungen und der Todesfälle wieder steigen wird."

Lauterbach: "Wir kommen in schwieriges Fahrwasser"

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) warnte zugleich vor der Idee, dass "wir in Deutschland eine Durchseuchung akzeptieren können". "Die Zahl der Opfer, die wir dann beklagen müssten, ist ungewiss und sicherlich zu hoch", sagte Lauterbach.

Mit Blick auf die rasante Ausbreitung der Omikron-Variante fügte der Minister hinzu: "Wir kommen jetzt in ein schwieriges Fahrwasser." Es werde notwendig sein, viele infizierte Menschen zu versorgen. Viele Krankenhäuser und Labore würden an die Belastungsgrenze kommen.

Drosten: Die Maßnahmen zeigen Wirkung

Drosten betonte, dass es gut sei, dass Deutschland gegenwärtig eine längere Verdopplungszeit der Infektionen habe. Dadurch habe es, anders als in anderen Ländern, bisher noch keine "Omikron-Wand" gegeben.

In den Nachbarländern hätte es zum Beispiel keine Kontaktbeschränkungen gegeben. "Das war bei uns anders, weil wir im Herbst schon Probleme mit Delta hatten und mit diesen Maßnahmen konnte sich Omikron nicht so schnell verbreiten."

Medizinstatistiker kritisiert Entkopplung von Inzidenz und Hospitalisierung

Der Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes hingegen kritisierte die ergriffenen Maßnahmen in der Kombination. In dem Maßnahmenpaket seien sowohl sinnvolle wie auch nicht-sinnvolle Maßnahmen vorhanden. "Wenn wir uns die Fallzahlen anschauen, sehen wir, dass sich die Inzidenz und die Zahlen der Intensivpatienten inzwischen unabhängig voneinander entwickeln", sagte er dem SWR.

Die Maßnahmen sollten sich ebenfalls auf diese Entkopplung konzentrieren, das sei aber aktuell nicht der Fall. Verwirrungen, die es unter der Bevölkerung zu den aktuellen Maßnahmen gebe, zum Beispiel, dass die "Alarmstufe II" noch gilt, obwohl die Zahlen unter den Grenzwerten sind, sei von der Landesregierung hausgemacht, so Antes weiter.

Die neue Corona-Verordnung ist am Mittwoch in Baden-Württemberg in Kraft getreten, nachdem auf der Bund-Länder-Konferenz am 10.01. bundeseinheitliche Maßnahmen beschlossen wurden. Die nächsten gemeinsamen Beratungen über das Vorgehen in der Corona-Krise sollen am 24. Januar 2022 stattfinden.

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