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Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) will nach den Sommerferien Präsenzunterricht an den Schulen - trotz der Ausbreitung der hochansteckenden Delta-Variante. Das sorgt für Ärger bei einigen Eltern.

Die Sommerferien in Baden-Württemberg haben noch nicht einmal begonnen, da wird schon über die Zeit danach diskutiert: Wird es wieder Präsenzunterricht an den Schulen geben? Wenn es nach Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) geht, ja. Und das trotz Delta-Variante des Coronavirus.

SPD fordert Schutzkonzept für Schulen

"Wir haben es fest vor", sagte die Grünen-Politikerin. Sie sei sehr zuversichtlich, dass die "Korsettstangen der Sicherheit" ausreichten, um in Vollpräsenz in die Klassenzimmer zurückzukehren. Schopper sprach sich dafür aus, die Inzidenz nicht mehr als einzigen Maßstab für Corona-Auflagen zu nehmen, um Schulen offen lassen zu können. Da die Sommerferien erst Mitte September enden, habe man aber noch Zeit, das Infektionsgeschehen zu beobachten.

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Die SPD hielt der Ministerin vor, noch kein schlüssiges Konzept zu haben, um den Präsenzunterricht abzusichern. Schopper rechnet damit, dass viele ungeimpfte Kinder und Jugendliche sich mit der aggressiveren Delta-Variante anstecken werden. "Delta wird sich in den Schulen breitmachen, da muss man sich nichts vormachen", so Schopper. Allerdings zeichne sich ab, dass es bei Schülerinnen und Schülern nur leichte Verläufe wie Husten oder Schnupfen gebe. Es sei übertrieben, an Schulschließungen zu denken, wenn Kinder und Jugendliche im Wesentlichen "einen Packen Taschentücher" bräuchten.

#EinTaschentuchen: Eltern sind empört

Die Aussage der Grünen-Politikerin verärgert Eltern im Land. Unter dem Hashtag #EinTaschentuchen rufen sie dazu auf, der Kultusministerin Taschentücher zu schicken. Sie wollen damit zeigen, dass eine Ansteckung mit der Delta-Variante des Coronavirus auch für Kinder und Jugendliche nicht einfach hinzunehmen ist.

So heißt es beispielsweise: "Kultusministerin Schopper (BaWü) empfiehlt zum Schutz der Kinder in Schulen einen Packen Taschentücher. Jetzt hab ich Angst, sie könnte versuchen, #Hochwasser und #Klimawandel zu bekämpfen." Oder: "Wie maximal dilettantisch kann man das neue Schuljahr angehen? Theresa Schopper: Ja."

Kultusministerin Schopper (BaWü) empfiehlt zum Schutz der Kinder in Schulen einen Packen Taschentücher. Jetzt hab ich Angst, sie könnte versuchen, #Hochwasser und #Klimawandel zu bekämpfen. #eintaschentuchen https://t.co/uniyPRwxon

#EinTaschentuchen für #TheresaSchopper, das sind mir die 88 Cent wert. https://t.co/bJQWufBoBh

Schopper: Entscheidend ist die Auslastung der Krankenhäuser

Immerhin lenkte Schopper ein, man müsse noch genau schauen, ob es sogenannte Long-Covid-Folgen bei Jüngeren gebe. Sie sei aber zuversichtlich, dass die Delta-Variante keine Schülerinnen und Schüler "niederstreckt". Die Ministerin hält es deshalb nicht für nötig, dass die Schulen wieder geschlossen werden müssen, wenn die Inzidenzen "in die Höhe schnellen".

Bisher müssen gemäß der Bundesnotbremse bei einer Inzidenz von 165 die Schulen geschlossen werden. Für die Notbremse sei entscheidend gewesen, dass die Krankenhäuser nicht überlastet werden sollten. Wenn sich aber künftig vor allem Kinder und Jugendliche ansteckten und milde Verläufe hätten, sei das eine andere Lage.

SPD: Schutz ist für Kinder noch nicht ausreichend

Der SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei sieht das anders. "Offenbar unterschätzt Frau Schopper die Delta-Variante. Während die Wissenschaft sehr eindringlich warnt, legt Grün-Schwarz bei den Schulen weiter die Hände in den Schoß. Offensichtlich hat die Landesregierung aus dem Jahr 2020 rein gar nichts gelernt", sagte Fulst-Blei. Er erneuerte die Forderung der SPD, Luftfilter in allen Klassenzimmern zu installieren. Grün-Schwarz hat angekündigt, den Kommunen als Schulträgern 60 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, um Filtergeräte oder CO2-Ampeln anzuschaffen. Das sei zu wenig und werde der Lage nicht gerecht, sagte Fulst-Blei.

Test- und Impfangebot für Lehrkräfte

Schopper machte deutlich, dass auch für Lehrkräfte Präsenzpflicht gelte. "Wir gehen davon aus, dass alle Lehrer einsetzbar sind, weil alle ein Impfangebot hatten", sagte sie. Wer sich nicht mit einem Attest entschuldige, müsse in die Schule kommen. Zwar dürfe man aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht nachfragen, welche Lehrerinnen und Lehrer sich haben impfen lassen. Die Rückmeldung aus den Schulen sei aber so, dass wohl die meisten Pädagogen sich haben impfen lassen.

Nach den Ferien gebe es zwei Wochen Maskenpflicht, um zu verhindern, dass Urlaubsrückkehrer das Virus einschleppen. Zudem werde weiter zweimal die Woche getestet. Die Tests seien neben den Impfungen der Lehrkräfte auch der entscheidende Unterschied zur Lage im Lockdown von Weihnachten bis Pfingsten.

AfD spricht sich für Präsenzunterricht aus

Die Kultusministerin kündigte zudem an, dass im kommenden Schuljahr auch wieder mehr Zusatzangebote möglich sein sollen. "Die Kohorten werden sich immer mehr mischen im kommenden Jahr", sagte Schopper. Derzeit prüfe man, ob zum Beispiel Chöre, Theater-AG oder "Jugend trainiert für Olympia" wieder zugelassen werden. Sie deutete an, dass dies mit bestimmten Schutzmaßnahmen wieder möglich werden könnte.

AfD-Sprecher für Bildung, Rainer Balzer, sprach sich ebenfalls für den Präsenzunterricht aus. "Am Prinzip des Präsenzunterrichts darf nicht, ja darf nie mehr gerüttelt werden." Klar sei: "Wir werden das mutationsfreudige Virus nicht los. Unser Immunsystem wird mit ihm leben lernen und wir können das auch."

Expertinnen und Experten aus Public Health, Präventivmedizin, Virologie und Stiko halten Präsenzunterricht nach den Sommerferien trotz Delta-Variante unter bestimmten Bedingungen für möglich. In erster Linie müsste dafür gesorgt werden, dass sich das Coronavirus nicht an den Schulen ausbreitet. Dies könnte beispielsweise durch Wechselunterricht oder Maskenpflicht funktionieren. Auch das richtige Lüften kann dabei schon helfen. Luftfilter können dies unterstützen. Regelmäßige Tests und viele geimpfte Personen im Umfeld der Kinder bieten zusätzlichen Schutz.

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