Ein Bauarbeiter beschäftigt sich auf einer Baustelle mit einer Stahlbetonwand.

Debatte nach Bayaz-Forderung

Längere Lebensarbeitszeit: Ist ein späterer Ruhestand zumutbar?

Stand
AUTOR/IN
Johannes Böhler

Baden-Württembergs Finanzminister Danyal Bayaz hat kürzlich ein höheres Renteneintrittsalter gefordert. Wie sehen das Betroffene - und was sagt die Wissenschaft dazu?

Ein bundesweites Echo hat der baden-württembergische Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne) kürzlich mit der Forderung ausgelöst, dass Menschen in Deutschland künftig noch später in den Ruhestand gehen sollen als bisher. Anders sei das gegenwärtige Rentensystem nicht weiter zu finanzieren, argumentierte Bayaz.

ver.di sieht "dramatische Rentenkürzung"

Heftige Kritik an dem Vorschlag kam von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Schon jetzt schafften es viele Beschäftigte nicht bis zum regulären Renteneintrittsalter von 67 Jahren, so ver.di-Landesbezirksleiter Martin Gross. Für diese Menschen entspräche eine weitere Erhöhung in Richtung 70 faktisch einer dramatischen Rentenkürzung. Stattdessen schlug Gross eine Erhöhung der Beiträge zur Rentenversicherung vor - diese müssten auch Arbeitgeber mitfinanzieren. Eine Erhöhung der Beiträge hatte Finanzminister Bayaz jedoch abgelehnt mit der Begründung, damit "würde man Arbeit nur noch viel teurer machen".

Kritik in den sozialen Medien

Deutlich rauer im Ton fiel die Kritik an Bayaz' Vorschlag in den sozialen Medien aus, auch in den Kommentaren bei SWR Aktuell: Der Minister könne das leicht sagen, er selbst habe in seinem Leben noch nie körperlich gearbeitet - geschweige denn in die Rentenkasse eingezahlt, hieß es mehrfach. Wer schon mit 15 Jahren eine Ausbildung begonnen habe, der habe sich nach über 50 Jahren Arbeit seinen Ruhestand mehr als verdient, so der Tenor.

Axel Berchtold hat freiwillig länger gearbeitet

Doch längst nicht alle wollen mit Erreichen ihres Renteneintrittsalters aufhören zu arbeiten. Einer, der freiwillig länger gearbeitet hat, ist Axel Berchtold aus Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen). Im Juli 2021 hatte der Chemiker sein reguläres Renteneintrittsalter erreicht. Da sein Arbeitgeber ihn aber gerne noch behalten wollte und er sich auch noch fit fühlte, entschloss er sich, freiwillig noch zwei weitere Jahre zu bleiben. "Ich fühle mich auch jetzt noch fit und könnte weiter arbeiten, wenn ich denn müsste", sagt er.

Axel Berchtold aus Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen) hat freiwillig zwei Jahre länger gearbeitet.
Axel Berchtold aus Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen) hat freiwillig zwei Jahre länger gearbeitet.

Bayaz habe nicht ganz Unrecht, findet Berchtold. Wegen der demographischen Entwicklung müssten sich die Menschen in Deutschland wahrscheinlich darauf einstellen, künftig länger zu arbeiten. "Und bei vielen ist die körperliche Leistungsfähigkeit noch hervorragend", sagt er. Wer mit Mitte 60 noch eine Alpenüberquerung schaffe, der könne auch ruhig noch zwei Jahre länger arbeiten, so Berchtold. Für ihn sei das auch eine Frage der Generationengerechtigkeit. Zwar gebe es auch Rentnerinnen und Rentner, die wenig Geld hätten - doch die meisten stünden finanziell besser da als so manche junge Familie. "Auch ich muss mich von meiner Enkeltochter fragen lassen, warum eigentlich immer die alten Leute die neuesten Autos fahren", sagt er.

Der 94-jährige Hans Ganter aus Freiburg arbeitet seit 80 Jahren als Friseur:

Was sagt die Wissenschaft zu einem höheren Renteneintrittsalter?

Aber lassen sich diese Wahrnehmungen auch wissenschaftlich untermauern? Und ist eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters medizinisch vertretbar? Pauschal könne sie das nicht beantworten, sagt Beatrice Kuhlmann. Die Psychologieprofessorin forscht an der Universität Mannheim unter anderem zu kognitivem Altern. "Wir sehen dabei, dass die heutigen älteren Erwachsenen kognitiv deutlich fitter sind als noch vor zehn Jahren." Das belegten repräsentative Umfragen unter 70-Jährigen in ganz Europa. Als Gründe für diesen positiven Trend werde unter anderem eine verbesserte Ernährung und medizinische Versorgung vermutet, aber auch die im Vergleich zu vorherigen Generationen bessere Schulbildung spiele wohl eine Rolle.

Die Psychologin Beatrice Kuhlmann forscht an der Universität Mannheim unter anderem zu kognitivem Altern.
Die Psychologin Beatrice Kuhlmann forscht an der Universität Mannheim unter anderem zu kognitivem Altern.

Durch Altern verschlechterten sich die kognitiven Fähigkeiten von Menschen. Aber das müsse nicht sofort eine schlechtere Leistung bedeuten, so Kuhlmann. So hätten etwa Untersuchungen unter Piloten gezeigt, dass mit zunehmendem Alter als erstes deren Reaktionsgeschwindigkeit nachlasse. Doch auf ihre Fähigkeit zum Lösen von Aufgaben im Flugsimulator habe dies kaum einen Einfluss gehabt. Denn mit ihrer Erfahrung hätten die Piloten ihre langsamere Reaktionsgeschwindigkeit gut ausgleichen können.

Ihr Fazit: In rein kognitiv fordernden Berufen sei es grundsätzlich möglich, länger zu arbeiten. In körperlich belastenden Berufen gehe das jedoch nicht. Eine allgemeine Erhöhung des Renteneintrittsalters könne sie deshalb aus fachlicher Sicht nicht gutheißen. Um dem demographischen Wandel Rechnung zu tragen, schlägt sie stattdessen vor, ein System einzuführen, das die jeweilige körperliche Verfassung berücksichtigt.

Wissenschaftlerin schlägt Fitness-Checks für Menschen ab 65 vor

"Wir könnten Fitness-Checks und entsprechend angepasste Arbeitszeiten für Berufstätige ab einem Alter von 65 Jahren einführen", schlägt sie vor. So könne die Gesellschaft weiter von der kognitiven Leistungsfähigkeit älterer Menschen profitieren, ohne dass dabei jemand durch Überbelastung oder Überforderung zu Schaden käme.

"Aber auf keinen Fall sollten wir pauschal diejenigen bestrafen, die nicht länger arbeiten können", so die Professorin. Zwar könnten unter anderem ausreichend Bewegung und kognitives Training die Fitness im Alter begünstigen. "Umgekehrt heißt das aber nicht, dass wer weniger gesund altert, automatisch selbst schuld wäre, weil er zu wenig Nordic Walking gemacht hat", stellt Kuhlmann klar.

Der Heidelberger Mediziner und Altersforscher Jürgen Bauer hält eine allgemeine Erhöhung des Rentenalters nicht für sinnvoll.
Der Heidelberger Mediziner und Altersforscher Jürgen Bauer hält eine allgemeine Erhöhung des Rentenalters nicht für sinnvoll.

Mediziner gegen pauschale Erhöhung des Renteneintrittsalters

Ähnlich argumentiert der Heidelberger Professor für Geriatrie (Altersforschung) und Ärztliche Direktor des Agaplesion Bethanien Krankenhaus Heidelberg, Jürgen Bauer. Er lehnt eine pauschale Erhöhung des Renteneintrittsalters ab. "Ich halte es für sehr fragwürdig, von einer Bevölkerung als ganzer uniform zu verlangen, bis 70 weiterzuarbeiten", sagt der Mediziner. Grundsätzlich sei es so, dass sich das organische Leistungsvermögen bei Menschen ab 60 und darüber hinaus unterschiedlich entwickle. Insbesondere zwischen 65 und 70 könne die Leistungsfähigkeit von Menschen schon sehr verschieden ausfallen.

Körperliche Belastung entscheidend

Wer körperlich hart arbeite, bei dem mache sich alsbald der körperliche Verschleiß bemerkbar. "Und der wird irgendwann so groß, dass die Menschen in dem Beruf, in dem sie ihre Kompetenzen haben, nicht mehr arbeiten können - zum Beispiel in der Pflege". Was er sicher sagen könne: Für körperlich fordernde Berufe sei eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters nicht sinnvoll. Ob und wie andere Berufsgruppen länger arbeiten sollten, sei letztlich eine politische Frage, sagt Bauer. "Darüber müssen wir als Gesellschaft - auch in Relation zu Nachbarländern - diskutieren. Sonst werden wir, glaube ich, sehr viel gesellschaftlichen Unfrieden erleben."

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