An einer Tafel in einem Klassenzimmer steht links "G8" und rechts "G9" geschrieben. Schülerinnen und Schüler laufen vor der Tafel auf die rechte Seite der Tafel, auf der "G9" steht.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Armin Weigel/dpa | Armin Weigel)

Nach Kurswechsel der FDP

Debatte um Rückkehr zu G9: BW-Landesregierung fehlen Lehrkräfte

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Die Elterninitiative "G9 jetzt" und die FDP fordern die Rückkehr Baden-Württembergs zum neunjährigen Gymnasium. Doch laut Grünen-Fraktionschef Schwarz fehlen dafür die Lehrkräfte.

Ein Kurswechsel der FDP-Landtagsfraktion hat die Debatte über eine mögliche Rückkehr Baden-Württembergs zum Abitur nach neun Jahren (G9) erneut angefacht. Bereits im November hatte die Elterninitiative "G9 jetzt" eine Unterschriftensammlung für einen Volksantrag für eine Rückkehr Baden-Württembergs zum neunjährigen Gymnasium gestartet. Jetzt hat sich auch die FDP-Landtagsfraktion dieser Forderung angeschlossen.

Bei ihrer Fraktionsklausur in Tauberbischofsheim (Main-Tauber-Kreis) vollzogen die baden-württembergischen Liberalen eine bildungspolitische Kehrtwende. Nachdem sich die FDP vor 20 Jahren maßgeblich für das achtjährige Gymnasium (G8) eingesetzt hatte, brauche es jetzt flächendeckend G9, so der Chef der FDP-Fraktion, Hans-Ulrich Rülke.

FDP sieht "Sturzflug" des Bildungsniveaus

Grund für den Kurswechsel der Liberalen in Sachen G9 sei unter anderem der "Sturzflug" des baden-württembergischen Bildungsniveaus, sagte Rülke und brachte diesen mit der Regierungsübernahme durch die Grünen in Verbindung. Mit einem flächendeckenden neunjährigen Gymnasium solle es wenigstens genügend Zeit für Schulbildung geben, außerdem sei Baden-Württemberg das letzte verbliebene westliche Bundesland mit einem flächendeckenden achtjährigen Gymnasium. Die FDP erwartet von der Rückkehr des neunjährigen Gymnasiums einen positiven Effekt: "Wir gehen davon aus, dass damit die Qualität des Abiturs steigt", so Rülke.

Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz zeigte Verständnis für den Wunsch der Elterninitiative "G9 jetzt". "Ich kann auch nachvollziehen, um was es den Initiatoren geht", sagte er am Freitag in Stuttgart zu einem von der Initiative gewünschten Volksantrag. "Weil das schon viel Stoff ist, den man in acht Jahren Gymnasium lernen muss - das kann ich nachvollziehen." Er sehe, dass da Bewegung sei, man werde sich mit den Vorschlägen beschäftigen und sich mit Wissenschaftlern beraten.

Grünen-Fraktionschef: 1.400 Deputate für Rückkehr zu G9 benötigt

Dennoch sehe er die Initiative sehr kritisch, sagte Schwarz - weil dafür schlicht das Personal fehle. Eine Umstellung auf G9 würde 1.400 Deputate mehr bedeuten, die man nicht habe, warnte er. "Wir haben in absehbarer Zeit die Lehrer nicht zur Verfügung." Eine Qualitätsdebatte sei zudem wichtiger als eine Schulstrukturdebatte. Die Lehrerinnen und Lehrer würden zur Sicherstellung der Unterrichtsversorgung und der Qualität im Unterricht gebraucht. Schwarz betonte weiter, es gebe bereits ein flächendeckendes G9-Angebot in Baden-Württemberg. 280 Schulen im Land eröffneten den Weg, um auch in neun Jahren zum Abitur zu gelangen, etwa an 43 allgemeinbildenden Gymnasien.

Philologenverband BW widerspricht Landesregierung

Der Philologenverband Baden-Württemberg begrüßte den Vorstoß der FDP-Fraktion für das neunjährige Gymnasium. Schwarz' Aussage zum mangelnden Personal bezeichnete der Verband als "stark irreführend". Zwar müssten die für die Umsetzung von G9 notwendigen gymnasialen Lehrerstellen tatsächlich von der Landesregierung neu geschaffen werden, teilte der Verband mit. Allerdings würden zusätzliche Stellen und Lehrkräfte erst ab dem dritten Schuljahr nach der G9-Einführung und dann innerhalb von vier Jahren sukzessive notwendig. "Beides sollte das Land weder von der Finanzierung noch von der Personalseite her vor unlösbare Probleme stellen", hieß es.

Aus dem Kultusministerium hieß es auf SWR-Anfrage zu den von Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz angeführten 1.400 Deputaten: "Es gibt grundsätzlich verschiedene Modelle für die Umstellung auf G9. Je nachdem, von welchem Modell man ausgeht und welche Annahmen man trifft, unterscheiden sich die Zahlen." Das sei für die Einordnung wichtig. "Zum Beispiel ist ja auch die Frage entscheidend, ob vollständig auf G9 umgestellt oder die Wahlmöglichkeit gelassen wird. Und wenn ja, wie viele Schülerinnen und Schüler sich dann für ein G9-Angebot entscheiden", so ein Sprecher des Kultusministeriums. Aber ja, es gebe Modelle, bei welchen die vom Grünen-Fraktionschef genannte Zahl zutreffe.

SPD-Fraktion kritisiert "Herumeiern"

Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Stefan Fulst-Blei, warf Schwarz "herumeiern" vor. Der Grünen-Fraktionschef nicke gegenüber den Eltern eifrig mit dem Kopf, "aber er macht gleich klar, dass sich gar nichts ändern wird", sagte er laut Mitteilung. Das sei fatal, denn neben dem Wunsch der Menschen nach mehr G9 schnitten die Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg bei Bildungsstudien auch immer schlechter ab. Es brauche endlich klare Ansagen und langfristige Perspektiven. "Dann gäbe es auch eine Perspektive, mehr Lehrkräfte zu gewinnen."

CDU will Debatte um Schulstruktur verschieben

Auch die CDU-Landtagsfraktion lehnt eine Rückkehr zu G9 vorerst ab. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Manuel Hagel verwies auf den Koalitionsvertrag, wonach für die laufende Legislaturperiode keine Schulstruktur-Debatte vorgesehen sei. Danach müsse allerdings über eine Rückkehr zu G9 nachgedacht werden, weil der erhoffte Effekt des achtjährigen Gymnasiums ausgeblieben sei, Abiturientinnen und Abiturienten früher ins Berufsleben zu bringen.

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