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Menschen aus Bevölkerungsgruppen mit geringerem Einkommen haben ein deutlich höheres Risiko am Coronavirus zu sterben - das belegt ein Datenblatt des RKI. Doch was bedeutet das konkret? Ein Beispiel aus Stuttgart.

Anil Besli lebt mit zwei Geschwistern und seinen Eltern in einer Mietwohnung in Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen). Als er vor fünf Monaten schwer an Covid-19 erkrankte, hat er sich vom Rest der Familie völlig isoliert, aus Angst sie anzustecken: "Ich hatte null Kontakt zu meiner Mutter. Sie ist nicht in die Nähe von meinem Zimmer gekommen", sagte Besli. "Mein Vater hat mir dann immer das Essen vorbeigebracht und vor die Tür gestellt."

Der 25-jährige Student teilt sich ein Zimmer mit seinem Bruder. Seine Mutter hat eine künstliche Herzklappe und ist Risikopatientin. Der Hausarzt habe gesagt, wenn sich die Mutter infiziere, müsse sie sofort in die Intensivstation, zur Sicherheit. "Und da bin ich echt glücklich, dass ich sie nicht angesteckt habe", so Besli.

Infektionsrisiko bei einkommensschwachen Menschen höher

Familien mit geringerem Einkommen seien einem deutlich höheren Infektionsrisiko mit dem Coronavirus ausgesetzt, sagt Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK. Sie verweist auf Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Bedeutung sozialer Unterschiede bei der Covid-19-Sterblichkeit. Laut RKI sei das Risiko am Coronavirus zu sterben in sozial benachteiligten Regionen am stärksten. Im Dezember und Januar lag es dort um rund 50 bis 70 Prozent höher als in Regionen mit geringer sozialer Benachteiligung. "Das sollte uns allen zu denken geben", sagte Bentele.

"Jetzt in der Pandemie, aber natürlich auch nach der Pandemie, ist das Problem der Armut und der damit verbundenen Risiken und der geringeren Lebenserwartung immer noch riesig und da muss jetzt wirklich politisch was getan werden."

Menschen aus sozial stark benachteiligten Regionen oder Stadtbezirken seien dementsprechend stärker von der Coronavirus-Pandemie betroffen als die in wohlhabenden Wohngegenden, so Bentele. "Für Menschen, die beengt wohnen, mit vielen Leuten zusammen, die keine Möglichkeit haben mit dem eigenen Pkw zu fahren, die auch in Jobs arbeiten, wo eben kein Abstand möglich ist, die viel Kontakt zu anderen haben, ist es ganz schwierig sich zu schützen", sagte Bentele. Oft reiche auch das Geld nicht für FFP2-Masken oder Desinfektionsmöglichkeiten.

Corona-Krise verschärft soziale Ungleichheit

Wie stark sich soziale Ungleichheit in der Corona-Pandemie auswirkt, zeigt auch der Datenreport 2021, ein umfassender Sozialbericht, den das Statistische Bundesamt gemeinsam mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) veröffentlichte.

Menschen, die ohnehin wenig verdienen, habe der erste Lockdown besonders schwer getroffen. Jeder Fünfte von ihnen habe Geldsorgen. Alleinerziehende seien besonders betroffen. Laut Report waren die untersten Einkommensgruppen häufiger von Freistellungen und Arbeitslosigkeit betroffen. Aber auch die Möglichkeiten im Homeoffice zu arbeiten unterscheiden sich stark innerhalb der Berufsgruppen: Laut Datenreport konnten beispielsweise 51 Prozent der obersten Einkommensgruppe zwischen April und Juni 2020 im Homeoffice oder mit flexibleren Arbeitszeiten arbeiten. Bei der untersten Einkommensgruppe waren es nur knapp 24 Prozent - die große Mehrheit musste vor Ort arbeiten.

Homeoffice in bestimmten Berufen nicht möglich

Anil Beslis Vater ist arbeitslos. Bis vor zwei Jahren war der türkeistämmige Arbeiter in einer Automobilzulieferfirma in der Nähe von Stuttgart angestellt - 35 Jahre lang. Jetzt bezieht er Arbeitslosengeld II.

Seit Ausbruch der Pandemie geht Beslis Mutter nur noch aus dem Haus, wenn sie einen Arzttermin hat. Die ausbleibenden sozialen Kontakte schlagen ihr aufs Gemüt, erklärt Besli. Dazu kommt die ständige Sorge mit dem Coronavirus angesteckt zu werden. Nicht einmal Verwandte könnten mehr zu Besuch kommen, da sie fast alle in Jobs arbeiteten, in denen Homeoffice nicht möglich und Abstand halten schwierig sei. "Meine Tante arbeitet zum Beispiel im Kindergarten, da ist sie einem hohen Risiko ausgesetzt. Und sehr viele Familienmitglieder arbeiten in Fabriken, in Produktionshallen, wo Homeoffice nicht möglich ist. Da ist das Risiko sich anzustecken hoch."

Um einkommensschwache Familien besser zu unterstützen fordert VdK-Präsidentin Bentele monatlich einhundert Euro mehr Geld für Empfänger von Kindergeld, Wohngeld und Grundsicherung. So können sie Schutzausrüstung oder gesunde Ernährung finanzieren. Und was ist Anil Beslis Wunsch? Er wünscht sich kostenlose FFP2-Masken für alle.

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