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Nach der ersten Corona-Infektion in Baden-Württemberg mahnte Sozialminister Lucha zur Besonnenheit. Alle 13 Kontaktpersonen des Betroffenen seien identifiziert. Nach Luchas Pressekonferenz wurden drei weitere Fälle bestätigt.

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"Es gibt nach wie vor kein kursierendes Virus bei uns", sagte der baden-württembergische Sozial- und Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) am Mittwoch in Stuttgart. Es gebe keinen Grund zur Unruhe. Die Infektion sei ein Einzelfall. Die Behörden reagierten "ruhig, besonnen, lageorientiert". Nach Luchas Pressekonferenz wurden in Tübingen allerdings zwei weitere Fälle bestätigt, die mit dem ersten Fall zusammenhängen. Es handelt sich dabei um die Reisebegleiterin des 25-Jährigen aus dem Kreis Tübingen und ihren Vater. Am Mittwochabend kam die Meldung von einem vierten Fall in Rottweil.

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Mann aus Kreis Rottweil war in Italien

Bei dem Fall in Rottweil handelt es sich um einen 32-jährigen Mann aus dem Landkreis, der am 23. Februar mit seiner Familie aus dem Risikogebiet in Italien (Provinz Lodi, Codogno) eingereist ist. Er hatte sich aufgrund der typischen grippeähnlichen Symptome beim örtlichen Gesundheitsamt gemeldet. Der Patient wird nun in einem Krankenhaus betreut und isoliert von den anderen Patienten behandelt. Seine mitgereiste Ehefrau und sein Kind sind negativ getestet worden und bleiben in "häuslicher Absonderung", so das Ministerium.

Mit Coronavirus infizierter Mann nimmt es gefasst auf

Auf der Pressekonferenz am Mittwochvormittag sagte Minister Lucha, er habe es für selbstverständlich gehalten, seinen Urlaub in der Schweiz abzubrechen, um in Stuttgart Gespräche mit den Experten zu führen.

Der erste Coronavirus-Patient in Baden-Württemberg hat die Nachricht von seiner Erkrankung gefasst aufgenommen, so Heinz Pöhler, Leiter des Gesundheitsamts Göppingen. Darauf, dass er nun für 14 Tage in Isolation in eine Klinik müsse, habe er sich vermutlich schon vorher eingestellt, sagte Pöhler. 

Der Patient wurde in die Alb-Fils-Kliniken in Göppingen gebracht und wird dort isoliert behandelt. Laut Sozialministerium ist sein Zustand stabil. "Es geht ihm gut, er ist in der Klinik und unter Beobachtung", sagte ein Sprecher des Ministeriums am Mittwochmorgen in Stuttgart.

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Vermutlich bei Mailand-Urlaub infiziert

Der 25-Jährige hatte sich am Dienstag beim Gesundheitsamt gemeldet. Er hatte nach der Rückkehr von einem Mailand-Aufenthalt nach Angaben von Stefan Brockmann, dem Leiter des Kompetenzzentrums Gesundheitsschutz am Landesgesundheitsamt, Husten und erhöhte Temperatur entwickelt.

Kinobesuch in Neu-Ulm

Bei der Pressekonferenz wurde auch bekannt, dass der Mann am Wochenende im bayerischen Neu-Ulm ein Kino besucht hat. Er sei im "Dietrich Theater" um 20 Uhr in der Vorstellung des Films "Bad Boys" gewesen. Weitere Einzelheiten wurden nicht genannt, die bayerischen Gesundheitsbehörden haben eine Stellungnahme angekündigt.

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Verhalten bei Verdachtsfällen

Lucha appellierte an Reiserückkehrer, den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts zu folgen: Wer aus Gebieten zurückkehre, in denen Covid-19-Fälle vorkommen und innerhalb von 14 Tagen nach der Rückkehr Fieber, Husten oder Atemnot entwickle, solle unnötige Kontakte vermeiden und nach Möglichkeit zu Hause bleiben. Beim Husten und Niesen solle man Abstand zu anderen Menschen halten, regelmäßig und gründlich Hände mit Wasser und Seife waschen und nach telefonischer Anmeldung unter Hinweis auf die Reiseregion einen Arzt aufsuchen.

Nach Angaben des Ministeriums sind alle Krankenhäuser im Land in der Lage, erkrankte Personen aufzunehmen und zu isolieren. Zur Prophylaxe gehört zum Beispiel, dass bei einem nicht erhärteten Verdacht auf Influenza automatisch auch Laboruntersuchungen auf Corona vorgenommen werden. Labore beim Landesgesundheitsamt in Stuttgart und in den Unikliniken Heidelberg und Freiburg können innerhalb von fünf Stunden die Erkrankung feststellen. Sollten tatsächlich großflächig Coronafälle im Land auftreten, werden nach dem Pandemieplan etwa in Kliniken Wahl-Operationen verschoben. Ebenso können Stationen wie die Dermatologie geschlossen werden, um Ressourcen für den Kampf gegen das Virus zu schaffen.

Der baden-württembergische Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) am 26. Februar 2020 bei einer Pressekonferenz in Stuttgart zum Coronavirus. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Der baden-württembergische Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) sieht die Krankenhäuser im Land gut auf das Coronavirus vorbereitet. Picture Alliance

Bestätigte Corona-Infektion auch in NRW

In Nordrhein-Westfalen (NRW) wurden bis Mittwochabend zwei Infektionen bestätigt. Das erkrankte Ehepaar aus dem Kreis Heinsberg war bis in den Karneval hinein unterwegs, sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). Der Mann befindet sich nach Behördenangaben in kritischem Zustand und muss künstlich beatmet werden. Im Kreis Heinsberg, in dem Erkelenz liegt, blieben am Mittwoch laut dem Landkreis Kindertagesstätten und Schulen geschlossen.

Gesundheitsminister Spahn: Beginn einer Epidemie

Laut Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) steht Deutschland "am Beginn einer Coronavirus-Epidemie". Die neue Qualität sei, dass die Infektionsketten teilweise nicht mehr nachzuvollziehen seien. 

Coronavirus breitet sich weltweit aus

Nach dem Ausbruch einer Coronavirus-Epidemie in Italien melden immer mehr europäische Staaten Nachweise des Erregers. Auf der spanischen Urlaubsinsel Teneriffa wurde nach einer bestätigten Erkrankung ein großes Hotel mit rund 1.000 Touristen - darunter auch gut 100 Deutsche - praktisch unter Quarantäne gestellt.

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es weltweit mehr als 80.000 Infektionsfälle.

Hotline für Fragen zum Coronavirus

Das Landesgesundheitsamt hat bereits seit Anfang Februar eine Hotline für alle Fragen rund um das Coronavirus geschaltet. Unter der Nummer 0711/904-39555 beraten die Mitarbeiter dort von Montag bis Freitag zwischen 9 und 16 Uhr.

Kein Händereichen beim Friedensgruß in Gottesdiensten

Das Bistum Rottenburg-Stuttgart hat allen katholischen Gemeinden wegen der Infektionsgefahr empfohlen, in den Gottesdiensten "bis auf Weiteres auf das gegenseitige Händereichen als Friedensgruß" zu verzichten. In einer am Mittwoch versandten Rundmail der Diözese an alle leitenden Pfarrer empfiehlt die Diözese derzeit außerdem ausschließlich die Handkommunion, keine Mundkommunion. Auf die Kelchkommunion mit der Gemeinde solle ebenfalls verzichtet, die Weihwasserbecken sollen nicht befüllt werden.

Desinfektionsmittelhersteller erhöhen Produktion

Wegen der Ausweitung des Coronavirus fahren Hygiene- und Medizinartikelhersteller Sonderschichten. "Die Nachfrage nach Masken oder Desinfektionsprodukten ist in den vergangenen Wochen gestiegen", sagte Philipp Hellmich, Sprecher des Medizinartikelherstellers Paul Hartmann mit Sitz in Heidenheim. Das Hartmann-Tochterunternehmen Bode Chemie in Hamburg produziert das Desinfektionsmittel Sterillium, das in Krankenhäusern und Arztpraxen zur Desinfektion der Hände zum Einsatz kommt. Bei Bode werde nun auch am Wochenende gearbeitet.

Beim Unternehmen RB Hygiene Home Deutschland GmbH mit Sitz in Heidelberg spricht man von einer "exponentiellen Zunahme" der Nachfrage nach Desinfektionsmitteln. "Wir arbeiten unermüdlich daran, die Marktnachfrage zu erfüllen", teilte das Unternehmen am Mittwoch mit.

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