Baden-Württemberg erfasst nicht, wie viele Corona-Infektionen bei Kindern über die Schultestung gefunden werden. Ein Überblick, was schiefläuft. (Foto: imago images, ZUMA Wire)

Coronavirus an baden-württembergischen Schulen

4,7 Millionen Schul-Schnelltests! 439 infizierte Kinder?

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Baden-Württemberg erfasst nicht, wie viele Corona-Infektionen bei Kindern über die Schul-Schnelltests gefunden werden. Ein Überblick, was schiefläuft.

Die Schultestung mittels Antigen-Schnelltests** ist eine wichtige Säule der Pandemiebekämpfung in Baden-Württemberg. Darum finanziert das Land pro Woche 4,7 Millionen Schnelltests. Damit können Schülerinnen und Schüler dreimal wöchentlich getestet werden. So soll zum einen die Schule sicher gemacht werden. Zum anderen hat die Schultestung aber auch eine gesamtgesellschaftliche Funktion: Kinder gelten durch die Schul-Schnelltests** als "getestet" und können damit überall hingehen - zum Sportverein, zur Oma, ins Restaurant. Aber: Wie viele infizierte Kinder durch die Antigen-Schnelltests** in Kitas und Schulen entdeckt werden, ist auch nach einer wochenlangen SWR-Recherche unklar.

Sollte ein Fehler im System sein, könnte das erhebliche Auswirkungen auf die Ausbreitung des Coronavirus in der Pandemie haben. Aber weder das Kultusministerium noch die Gesundheitsämter haben einen Überblick, wie viele Schul-Schnelltests** positiv ausfallen. Mögliche Probleme können so gar nicht identifiziert werden. Trotz hohem Aufwand und trotz Kosten in Millionenhöhe wird demnach nicht überprüft, ob das System der Schultestungen mittels Antigen-Schnelltests** funktioniert.

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Wie effektiv sind Schultestungen?

Die Inzidenz unter Kindern ist in den vergangenen Wochen - wie in allen Altersgruppen - exponentiell gestiegen. Dass Kinder das Virus in die Schule mitbringen und verbreiten, ist sehr wahrscheinlich. Hygienemaßnahmen, Lüften, Abstandhalten und Maskenpflicht unterbinden das wirksam. Aber wie sich die Massentests auswirken, sollte eine Datenrecherche klären. Dafür greift SWRdata immer wieder auf Zahlen des Landesgesundheitsamts zurück. Aber auf die Frage, wie viele infizierte Kinder durch die Schultestung entdeckt werden, winkt die oberste Gesundheitsbehörde im Land zunächst ab:

"Hierzu liegen dem Landesgesundheitsamt keine Daten vor.“

Für Daten der Schultestungen sei das Kultusministerium zuständig, das dem SWR dazu auf Nachfrage mitteilt:

"Die meisten Fälle werden aufgrund der regelmäßigen Testungen von Schülerinnen und Schülern* in der Schule auch direkt dort bekannt."

Außerhalb der Schule würden positive Testergebnisse nur selten auftreten. Auf Nachfrage kann das Kultusministerium dann aber keine genauen Zahlen liefern, die belegen würden, dass die Schultestungen einen großen Anteil daran hätten, infizierte Kinder zu finden. Die Anzahl der durchgeführten und positiven Schnelltests wird zwar von den Schulen dokumentiert, vom Kultusministerium aber nicht eingesammelt.

Meldung der Schule ans Gesundheitsamt ist eigentlich Pflicht

Fällt ein Schnelltest an einer Schule positiv aus, muss die Schulleitung das Gesundheitsamt informieren. In der Teststrategie erklärt das Kultusministerium unmissverständlich: "Sollte ein Testergebnis positiv ausfallen, informiert die Schule das Gesundheitsamt." Die Verantwortung für die weitere Bearbeitung des Falles liegt dann bei der örtlichen Gesundheitsbehörde. Die dort registrierten Zahlen erscheinen allerdings viel zu niedrig:

Zweck der Meldung ans Gesundheitsamt ist, sicherzustellen, dass weitere Maßnahmen ergriffen werden. Nur durch die Meldepflicht ist verlässlich sichergestellt, dass Fallbearbeitung in fachliche Hände übergeht. Denn im weiteren Prozess hat die Schulleitung keine Kompetenzen mehr. Sie kann weder PCR-Tests anordnen, noch Testergebnisse bei den Eltern abfragen oder Quarantäne anordnen. Das alles sind Aufgaben, die nur das Gesundheitsamt übernehmen kann. Erfolgt diese Meldung nicht, kann auch nicht nachvollzogen werden, ob die Eltern weitere Schritte unternehmen.

Wer ist verantwortlich - Schule, Eltern oder Gesundheitsamt?

Die hohen Zahlen der PCR-Tests bei Kindern könnten dadurch zustande kommen, dass viele Eltern auch ohne Aufforderung des Gesundheitsamts der Testpflicht nach §6 Absonderungs-Verordnung nachkommen* und konsequent ihr Kind nach einem positiven Schnelltest zum PCR-Test schicken. Es könnte aber genauso gut sein, dass viele Eltern dem aus organisatorischen oder persönlichen Gründen nicht nachkommen. Über das mögliche Verhalten von Eltern lässt sich so nur spekulieren. Verlässliche Zahlen würden die Diskussion darüber, wie konsequent Eltern testen lassen, versachlichen.

Machen Schul-Schnelltests** wirklich weniger als 10 Prozent aus?

Die Zahlen des Landesgesundheitsamts ergeben also ein anderes Bild, als es das Kultusministerium zeichnet. Demnach würden die meisten infizierten Kinder nicht über die Schultestungen mittels Antigen-Schnelltests**, sondern direkt über PCR-Tests gefunden, nämlich mehr als 90 Prozent. Das ist deshalb eher überraschend, weil Kinder häufig keine Krankheitssymptome zeigen. Eine PCR-Testung erfolgt aber in der Regel nur, wenn Krankheitszeichen vorliegen. Oder wenn Kinder Kontaktpersonen eines Infizierten oder ansteckungsverdächtig sind - auch dann wird ein PCR-Test veranlasst.

Warum sind nur 0,01 Prozent der Schnelltests positiv?

Geht man nach diesen Zahlen, wären in der Woche vor den Herbstferien von 4,669 Millionen Schnelltests an baden-württembergischen Schulen gerade mal 0,01 Prozent positiv ausgefallen. 439 positive Schnelltests (gemeldet aus Schule oder Kindergarten) konnten in der 43. Kalenderwoche auch durch eine PCR-Testung bestätigt werden. Die SWR-Recherchen ergeben, dass Gesundheitsämter Meldungen der Schule nach Infektionsschutzgesetz eigentlich konsequent dokumentieren müssten, also bis auf Einzelfälle alle Meldungen der Schulen in einer Auflistung des Landesgesundheitsamts auftauchen müssten. Schulen sind nämlich als sogenannte Gemeinschaftseinrichtungen nach §33 Infektionsschutzgesetz verpflichtet, bestimmte ansteckende Krankheiten und auch den Verdacht unmittelbar dem Gesundheitsamt zu melden. Eine Untererfassung ist angesichts der rollenden vierten Welle und der Überlastung der Ämter mittlerweile denkbar.

Warum werden positive Schnelltests beim Kultusministerium nicht zentral erfasst?

Die Irritation bleibt. Warum so wenige Kinder beim Gesundheitsamt durch eine Schultestung registriert sind, lässt sich in der Recherche nicht auflösen. Aus Kreisen der Gesundheitsämter wird dem SWR immer wieder berichtet, dass im laufenden Schuljahr manche Schulen noch nicht einen einzigen positiven Schnelltest gemeldet hätten. Statistisch wäre das fast unmöglich. In Stuttgart im Kultusministerium ist das allerdings bislang nicht aufgefallen. Denn auf SWR-Anfrage räumt ein Sprecher ein, dass die Daten zu Schnelltests aus den Schulen nicht zusammengetragen werden:

"Eine zentrale abschließende Erfassung der Antigen-Schnelltests an den Schulen erfolgt nicht. Darauf haben wir schon allein deshalb verzichtet, um Schulen und Schulverwaltung nicht zusätzlich zu belasten. Corona bindet organisatorisch ohnehin schon ungemein. Zumal die PCR-Meldungen ja auch aussagekräftiger sind."

Warum nutzt das Kultusministerium nicht das eigens eingeführte Meldesystem?

Das Kultusministerium hat extra vom Institut für Bildungsanalysen ein Meldesystem zu Corona entwickeln lassen. Dort erfassen die Schulleitungen für das Ministerium sehr viel kompliziertere Daten von Schülerinnen und Schülern, nämlich "coronabedingte Abwesenheiten". Ein schwieriges Terrain, denn den Schulen liegen eigentlich gar keine verlässlichen Angaben über die infizierten Kinder vor. Sie erhalten in der Regel eine Krankmeldung durch die Eltern. Das Gesundheitsamt teilt der Schule aber gerade keine personenbezogenen Informationen zum betroffenen Schüler mit. Die Schule muss sich deshalb die Angaben (Meldedatum des positiven PCR-Tests, Quarantänezeitraum etc.) bei den Eltern erfragen. Mitunter dürften diese Angaben mit erheblicher Verspätung erst im Schulsekretariat ankommen. Daten zu Schnelltests dagegen wären sehr einfach zu erfassen. Es ginge eigentlich nur um zwei Zahlen pro Woche:

  • Wie viele Tests wurden durchgeführt?
  • Wie viele davon waren positiv?

Doch gerade das wird nicht erfasst.

Wo liegt der Fehler im System?

Wo der Fehler im System der Schultestungen mittels Antigen-Schnelltests** liegt, lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht ermitteln. Vergleicht man das Ergebnis zum Beispiel mit Hessen, kommen Fragen auf. Dort werden ebenfalls alle Schülerinnen und Schüler mittels Antigen-Schnelltest in der Schule getestet. Allerdings kommen bei hessischen Schülerinnen und Schülern im Verhältnis rund vier Mal häufiger positive Ergebnisse zustande als in Baden-Württemberg. Zwei Dinge laufen dort anders: Zum einen verwenden die hessischen Schulen eine einzige Testart eines großen Herstellers. Die Handhabung ist damit für die Kinder einfacher, wenn sich das Test-Besteck nicht immer wieder ändert. Das sei entscheidend fürs Ergebnis, haben mehrere Virologen im Gespräch mit dem SWR bestätigt. In Baden-Württemberg sind mindestens zehn verschiedene Testkits im Einsatz, auch mit unterschiedlicher Genauigkeit. Zum anderen müssen sich hessische Kinder alle in der Schule testen lassen. Ein Test durch die Eltern zu Hause ist dort nicht möglich. Denkbar ist auch ein einfaches Meldeproblem.

Landeselternbeirat will Erfassung der Schnelltestdaten

Der Landeselternbeirat (LEB) fordert das Kultusministerium auf, Daten aus der Schultestung mittels Schnelltests zentral zu erfassen. "Wir brauchen die Daten, und zwar jetzt", sagte der Vorsitzende des LEB, Michael Mittelstaedt dem SWR. Das Kultusministerium solle die Schulen anweisen, die Daten zu liefern. "Das ist kein großer Aufwand", so der LEB-Vorsitzende und verwies auf die Dramatik der vierten Welle: "Im Moment eskaliert die Infektionslage derart, dass wir auf die Schulen angewiesen sind, dass diese ordentliche und vollumfängliche Information liefern und konsequent handeln." Michael Mittelstaedt betonte gegenüber dem SWR, "dass Schulschließungen unter Infektionsrisikominimierung unbedingt vermieden werden müssen". Dazu gehöre für den Landeselternbeirat auch, "dass konsequent alle getestet werden".

Änderungshinweise:
*In einer früheren Version ist nicht erwähnt gewesen, dass eine Testpflicht nach der Corona-Verordnung Absonderung des Landes besteht. Demnach müssen Personen, die durch einen selbst vorgenommenen überwachten Test oder durch einen Selbsttest positiv getestet wurden, sich unverzüglich mittels PCR-Test auf das Coronavirus testen lassen.
**
In einer früheren Version war häufig nur von "Schultests" die Rede. Wir haben diesen Begriff präzisiert und verwenden nun durchgehend "Schul-Schnelltests" oder auch "Schultestungen mittels Antigen-Schnelltests". Das Ministerium trägt die Anzahl der positiven Antigen-Schnelltests, die in der Schule durchgeführt wurden, nicht zentral und direkt ausgewiesen zusammen. Schülerinnen und Schülern mit positivem PCR-Test-Ergebnis werden durch die Schulen erfasst und zentral ans Kultusministerium gemeldet. Auf die Schwierigkeiten dieser Erfassung (Zeitverzug, Meldeprobleme, Datenaustausch mit dem Gesundheitsamt, Vollständigkeit) wird im Artikel hingewiesen.

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