Schild Impfen (Foto: SWR)

Maßnahmen im Überblick

Kurz vor Corona-"Alarmstufe": Wie Kommunen jetzt reagieren

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Marc-Julien Heinsch und SWR-Autorinnen und -autoren

Pforzheim, Sigmaringen, Biberach an der Riß. Drei Beispiele für eine Sieben-Tages-Inzidenz von über 400. Was unternehmen Kommunen in BW angesichts steigender Zahlen?

In diesem Herbst eilen die Corona-Zahlen von Höhe zu Höhe. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Baden-Württemberg lag am Mittwoch landesweit bei 316 pro 100.000 Einwohner, 348 Patientinnen und Patienten werden mit Covid-19 auf den Intensivstationen im Land behandelt. Das Inkrafttreten der "Alarmstufe" scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Die Corona-Zahlen zeigen aber auch: Die vierte Welle trifft in Baden-Württemberg verstärkt die Ungeimpften. Die Sieben-Tage-Inzidenz bei Menschen mit vollem Impfschutz im Land lag am Mittwoch bei 43,7 pro 100.000 Einwohner, bei Menschen ohne vollständigen Impfschutz bei 829,2 - also fast 19-mal höher.

Die Einschränkungen, die die Alarmstufe mit sich bringen wird, treffen deshalb fast ausschließlich Menschen ohne Impfschutz. Eine Reaktivierung der Impfzentren in Baden-Württemberg sei trotzdem weiter nicht vorgesehen, hieß es auf Anfrage bei der Landesregierung.

Was tun die Verantwortlichen vor Ort?

Und regional unterscheidet sich das Infektionsgeschehen auch noch. Gilt die Lage im Kreis Konstanz am Bodensee noch als entspannt, liegt die Inzidenz in Biberach an der Riß (Landkreis Biberach) bei 551,3.

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Was also können die Verantwortlichen in den Rathäusern und Landratsämtern tun, um auf die Lage der Menschen vor Ort zu reagieren? Ein paar Beispiele:

Pop-Up-Impfzentren und Spritzen im Rathaus

Die Stadt Friedrichshafen prüft, ob es möglich ist, eine Art Pop-Up-Impfzentrum zu eröffnen. Vorbild ist Biberach, dort hat die Stadt gemeinsam mit dem Kreisverband des Deutschen Roten Kreuz (DRK) am Samstag ein Impfzentrum eröffnet. An sechs Tagen die Woche wird dort zu festen Zeiten geimpft. Man habe sich das Biberacher Modell angeschaut, so eine Sprecherin der Stadt Friedrichshafen. Nun prüfe man, ob und wie das auch in Friedrichshafen umgesetzt werden könne. Einen Zeitplan gebe es noch nicht.

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In Ravensburg und Konstanz sind bislang keine Pop-Up-Impfzentren in Eigenregie geplant, heißt es aus den Städten. In Ravensburg habe man dagegen gerade erst sechs Termine veröffentlicht, an denen mobile Impfteams im Rathaus impfen. Der erste sei am Samstag.

In den Landkreisen Bodensee und Konstanz wird darüber nachgedacht, die mobilen Impfteams künftig zu festen Zeiten an festen Orten einzusetzen. In drei bis vier Gemeinden pro Kreis soll dann jede Woche zur gleichen Zeit geimpft werden, so eine Sprecherin. Die genauen Standorte und Termine müssten allerdings noch abgeklärt werden.

Kommunaler Impfbus und Mini-Impfzentrum

537 Impfungen allein in den ersten acht Novembertagen gab es am kommunalen Impfbus, der seit Sommer im Landkreis Waldshut unterwegs ist und, ebenfalls im Landkreis Waldshut, in in einem Mini-Kreisimpfzentrum (MiniKIZ). Aktuell werde der Impfbus derart "überrannt", dass man im Landratsamt über eine Ausweitung nachdenkt. Das Problem: Mehr als 25 Impfungen pro Stunde sind nicht drin. Im MiniKIZ sollen deshalb die Öffnungszeiten ausgeweitet werden - allerdings: Es fehlt an Personal.

Impfaktionswoche und mobile Impfteams

Seit Schließung der Impfzentren Ende September sind zwei mobile Impfteams vom Land in den drei Landkreisen Emmendingen, Ortenau und Freudenstadt unterwegs. 3.000 Menschen haben so bereits eine Impfung bekommen. Jetzt wird die Zahl auf fünf mobile Impfteams aufgestockt.

Vom 12. bis 14. November wird beispielsweise im Lahrer Bürgerpark ohne Termin immunisiert. In den kommenden Wochen sollen die mobilen Impfteams auch in Lörrach und Weil am Rhein Station machen. Das Sozialministerium bietet außerdem eine Übersicht mobiler Impfstandorte an. Weitere Termine und Impfmöglichkeiten finden Sie hier. Aber Achtung: Diese Liste ist nicht vollständig. Auf der Homepage ihrer Heimatstadt, ihrer Gemeinde oder ihres Kreises finden Sie weitere Angebote.

Auch im Landkreis Lörrach gibt es Initiativen, so etwas wie "Impfzentren im Kleinformat“ wieder aufleben zu lassen: Ein ehemaliger Hausarzt aus Efringen-Kirchen bietet mit seinem Team regelmäßig Impfungen für alle im evangelischen Gemeindezentrum an. Auch im Ortenaukreis will man nun "Gas geben“. Vom 22. November an wird es eine ganze "Impfwoche“ geben. Die Details werden gerade vorbereitet.

Alle Städte und Gemeinden sind aufgefordert, Gebäude und Helfer zur Verfügung zu stellen. Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, wollen neben der Impfung in ihren Praxen, eine Sonderschicht einlegen und zusätzliche Impfaktionen anbieten. Sicher scheint schon jetzt, dass die Kapazitäten bei den Hausärzten und bei den Mobilen Teams des Landes nicht ausreichen werden, um alle Drittimpfungen und die noch nicht erfolgten Erstimpfungen zeitnah durchzuführen. Hinzu kommt ein Personalproblem: Der Landkreis Waldshut beispielsweise würde sein regionales Angebot gerne ausweiten. Aber es fehlt auch in den Kommunen an Personal.

Schnelltestzentrum Tübingen (Foto: SWR, Christoph Necker)
Das mobile Schnelltestzentrum mit dem Arztmobil auf dem Marktplatz in Tübingen Christoph Necker

Kostenlose Corona-Tests in Tübingen

In Tübingen ist Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) vorgeprescht und hat mit der Präsidentin des DRK Kreisverbandes Tübingen, Lisa Federle, die Wiederaufnahme der insgesamt fünf Teststationen in der Tübinger Innenstadt vorbereitet. Voraussichtlich ab Montag kann sich dort - wer will - kostenlos testen lassen.

"Noch immer sind 30 Prozent der Baden-Württemberger nicht geimpft. Kostenpflichtige Tests würden also für den Handel den Verlust von fast einem Drittel der Kundschaft bedeuten, denn wer zahlt schon 15 Euro Eintritt für den Weihnachtsbummel?"

Palmer will mit der Aktion sowohl der Tübinger Inzidenz als auch dem Innenstadthandel helfen und hat dafür ein lokales Finanzierungsskonzept auf die Beine gestellt.

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Zusätzlich zu kostenlosen Schnelltests setzt man in Tübingen auf mehrere mobile Impfteams, die kreisweit unterwegs sind. Außerdem gibt es seit einigen Tagen einen Pop-Up-Impfort in der alten Universitäts-Apotheke. Das Angebot ohne Termin und lange Wartezeiten wird bislang stark nachgefragt.

Testpflicht in Stuttgarter Kitas und Andrang an Impfbussen

Statt einer bloßen Empfehlung müssen ab Freitag, 12. November, Kinder in Stuttgarter Kitas wieder verpflichtend getestet werden. Das teilte die Stadtverwaltung am Mittwoch mit. Kinder ab drei Jahren in Kitas, Kindergärten und in der Tagespflege müssen zwei Mal in der Woche getestet werden. Darüber hinaus empfiehlt die Stadt Stuttgart dringend freiwillig zu testen.

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Und auch die Stadt Stuttgart prüft derzeit, ob noch im November in zentralen Gebäuden Pop-Up-Impfzentren eingerichtet werden können. Zusätzlich werde die Einhaltung der Vorgaben in der Gastronomie am Donnerstag und Freitag stärker kontrolliert.

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Ein Impfbus machte am Mittwoch in Scharnhausen (Landkreis Esslingen) Station. Dort bildeten sich lange Schlangen, auch mit Impfwilligen, die einen Tag zuvor in Harthausen nicht zum Zug kamen. Viele von ihnen haben sich dort ihre Auffrischungsimpfung geholt, um etwa ihre Hausärzte zu entlasten oder weil sie nicht mehrere Wochen auf einen Termin warten wollten.

"Ich hole mir heute die Erstimpfung. Jetzt muss ich's halt machen", sagte etwa ein junger Mann aus Göppingen beim Schlangestehen. "Davor habe ich mich immer testen lassen, aber dadurch, dass jetzt überall 2G ist und ich meine Freiheit wieder haben will, lass ich mich jetzt halt auch impfen und dann ist gut endlich."

In Fellbach (Rems-Murr-Kreis) wird das Angebot für Spontanimpfungen erweitert. Wie die Stadt mitteilte, werden jetzt auch am Mittwoch- und Freitagnachmittag Impfungen angeboten. Grund sei die hohe Nachfrage.

Impfaktionen an mehreren Standorten

Wegen der weiter steigenden Corona-Infektionszahlen soll es im Rhein-Neckar-Kreis wieder mehr Impfangebote geben. Zum einen sind im Auftrag des Landes Baden-Württemberg nach wie vor mobile Impfteams im Einsatz, zum anderen setze man "auf dauerhafte Impfaktionen als weiteren Baustein in der Impfkampagne", teilte das Landratsamt des Rhein-Neckar-Kreises mit. Auch diese dauerhaften Impfaktionen im Landkreis werden vom Land Baden-Württemberg finanziert, so eine Sprecherin des Landratsamtes.

"Wir verzeichnen in den letzten Tagen bei den Impfaktionen eine deutlich verstärkte Nachfrage, besonders nach Booster-Impfungen. Insofern ist die Einrichtung dieser verlässlichen Impfaktionen ein richtiges und wichtiges Angebot zusätzlich zu den Impfungen durch die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte."

Bereits ab dem 15. November soll es laut Landrat Dallinger (CDU) an sieben Standorten im Rhein-Neckar-Kreis nach und nach dauerhafte Impfmöglichkeiten geben. An mindestens drei Tagen pro Woche sollen die Impfteams dort dann bis zu 200 Menschen impfen können. Standorte sind unter anderem das Jugendhaus Heddesheim, die Wollfabrik in Schwetzingen und das ehemalige Kreisimpfzentrum in Sinsheim. Außerdem wird in der Ex-Kantine der Alten Chirurgie in Heidelberg ab Montag, 15. November, immer montags, mittwochs und samstags von 8:30 Uhr bis 18:30 Uhr geimpft.

Bald 130 mobile Impfteams im Land

Am Klinikum Karlsruhe sind aktuell acht Teams abrufbar, die für die Stadt, für Baden-Baden, Calw, den Enzkreis, Pforzheim und Rastatt zuständig sind. Darüber hinaus gibt es weitere mobile Impfteams im Klinikum Heidelberg, die für den Landkreis Karlsruhe angefordert werden können.

Impfambulanzen könnten über einen gewissen Zeitraum an bestimmten Orten eingerichtet werden und bis zu 200 Impfungen pro Tag vornehmen. Andere mobile Teams schaffen sonst nur rund 100 Impfungen täglich. In Pforzheim, wo die Inzidenz bei über 400 liegt, sollen die Öffnungszeiten der Impfambulanz ausgeweitet werden.

Weitere kommunale Aktionen geplant

Überall im Land versuchen die Verantwortlichen in den Kommunen, bei den Landratsämtern und etwa beim DRK auf die stetig steigenden Infektionszahlen zu reagieren.

Im Landratsamt Heilbronn lotet man derzeit aus, wie man die mobilen Impfteams der SLK-Kliniken Heilbronn organisatorisch unterstützen kann - etwa, indem kommunale Räumlichkeiten für Impfaktionen zur Verfügung gestellt werden.

Ob all das die vierte Welle im Land wird brechen können, werden die kommenden Monate zeigen müssen.

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