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Laut einer bundesweiten Umfrage verwenden viele Menschen die Corona-Warnapp nicht. Sie erachten sie als untauglich im Kampf gegen die Pandemie. Daher fordert Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann jetzt, die App nachzubessern.

Sorgen um den Datenschutz, zu viel Speicherplatz, inkompatibel mit dem Smartphone - die Gründe, die Corona-Warnapp nicht zu nutzen, scheinen vielfältig zu sein. Laut der bundesweiten Umfrage im Auftrag des Staatsministeriums Baden-Württemberg haben 58 Prozent die App nicht installiert beziehungsweise nicht aktiviert.

Nichtnutzer der Corona-App zweifeln Zweckmäßigkeit des Programms an

Aus der Umfrage geht hervor, dass 33 Prozent der Nichtnutzer schlicht der Annahme sind, dass die App nichts bringe. Auch der Datenschutz und die Privatsphäre scheinen den Menschen Sorgen zu bereiten: 19 Prozent nannte diese als Gründe, die App nicht nutzen zu wollen. Für viele birgt die Corona-Warnapp auch technische Hürden, etwa, weil die App auf dem eigenen Smartphone nicht installiert werden kann (16 Prozent), nicht einwandfrei funktioniere oder zu viel Speicherplatz benötige (15 Prozent) oder weil sie erst gar kein Smartphone besitzen (sechs Prozent). Immerhin zehn Prozent lassen sich von ihrem Umfeld beeinflussen - weil die App dort niemand nutzt, ist sie auch vom Befragten nicht im Gebrauch. 17 Prozent wollen die App schlicht nicht nutzen. Befragt wurden mehr als 1.000 Personen.

Auf einer Internetseite ist ein Button zum "Datenschutz und Sicherheit" zu sehen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Patrick Pleul)
Für viele Menschen stellt bei der Corona-Warnapp der Datenschutz ein Problem dar: Sie haben Sorgen, dass ihre Daten nicht ausreichend geschützt sind oder aber sie haben das Gefühl einer Überwachung. Patrick Pleul

Potential der Warnapp laut Kretschmann noch nicht ausgeschöpft

Dass 33 Prozent der Befragten bei der Umfrage angaben, die App für nutzlos zu halten, ist für Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ein eindeutiges Signal, dass die App mehr können muss.

"Das zeigt, wie wichtig es ist, dass wir die Funktionalität erhöhen."

Winfried Kretschmann (Grüne), BW-Ministerpräsident

Die App schöpfe ihr Potential bei weitem nicht aus, so Kretschmann. Die Umfrage zeige aus seiner Sicht, wie wichtig es ist, nachzusteuern - indem etwa die Funktionalität erhöht wird oder die App auch für ältere Mobiltelefone kompatibel gemacht wird. Die App werde ganz entscheidend dafür sein, im Frühjahr und Sommer einen stabilen Zustand über einen langen Zeitraum zu halten - solange noch nicht genug Menschen geimpft seien, sagte der Grünen-Politiker. Auch aus anderen Bundesländern gab es bereits Kritik rund um die Corona-Warnapp. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte Ende November gefordert, den Nutzen der App für den Bürger mit neuen Funktionen wie lokalen Informationen zum Infektionsgeschehen vor Ort zu erhöhen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte die App im Oktober einen "zahnlosen Tiger". Die baden-württembergische Landesregierung hat eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Verbesserung der App initiiert.

Großteil der App-Nutzer will sich selbst schützen

Immerhin 36 Prozent der etwas mehr als 1.000 Befragten gaben an, die App installiert und aktiviert zu haben. Als Hauptgrund nannten diese aktiven App-Nutzer, sich selbst schützen zu wollen (72 Prozent). Damit liegt der Selbstschutz sogar noch vor dem Schutz der Familie, Freunden oder Bekannten (55 Prozent). Nicht unerheblich ist auch der soziale Druck als Motivationsfaktor: 30 Prozent der Nutzer geben an, die App zu nutzen, weil viele im eigenen Umfeld das tun. Und 33 Prozent wollen mit ihrer App-Nutzung die Gesundheitsämter entlasten und die Kontaktnachverfolgung erleichtern.

Kontaktverfolgung an den Gesundheitsämtern. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Marijan Murat/dpa (Symbolbild))
Die Kontaktverfolgung bei der Eindämmung des Coronavirus ist nach wie vor wichtig. Mehr als ein Viertel der Befragten möchte mit der App-Nutzung die Gesundheitsämter bei dieser Aufgabe entlasten. picture alliance/Marijan Murat/dpa (Symbolbild)

Neue Funktionen bei Corona-Warnapp sollen Nutzen erhöhen

Seit Mitte Juni ist die Corona-Warn-App für Smartphones in Deutschland verfügbar. Neben Hygiene- und Abstandsregeln gilt die Software als Schlüssel im Kampf gegen Infektionsketten. Die Anwendung kann messen, ob sich Handynutzer über eine längere Zeit näher als etwa zwei Meter gekommen sind. Ist ein Nutzer positiv getestet worden und hat dies in der App geteilt, warnt die Software andere Anwender, dass sie sich in der Nähe eines Infizierten aufgehalten haben. Bislang müssen infizierte Nutzer aktiv zustimmen, dass ihre Risikokontakte über die App informiert werden. Die baden-württembergische Landesregierung plädiert dafür, bei den App-Nutzern zukünftig bereits beim Corona-Test die Einwilligung zur Weiterleitung einzuholen. So könnte das Ergebnis im Ernstfall automatisch direkt von der App weitergeleitet werden. Für eine bessere Weiterleitung werben auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Saarlands Regierungschef Tobias Hans (CDU).

Kontakt-Tagebuch soll bei App-Update für Zusatznutzen sorgen

Unter den App-Nutzern gaben 15 Prozent an, die App installiert zu haben, weil sie sich davon einen Zusatznutzen versprechen. Dieses Segment werde bislang kaum bedient, heißt es aus dem baden-württembergischen Staatsministerium. Weitere Funktionen der App könnten für größeren Zulauf sorgen. Das neue Update enthält etwa ein Kontakt-Tagebuch. Darin können freiwillig Begegnungen und Orte notiert werden - eine Gedächtnisstütze für das Nachverfolgen von Infektionsketten.

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Die Akzeptanz der App speise sich nicht nur aus einem hohen Datenschutzniveau, sondern auch aus einer sinnvollen Funktionalität und einem echten Mehrwert für die Nutzer, so Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann. "Ich würde mir wünschen, dass der Bund jetzt auch noch etwas mehr Geschwindigkeit in die Umsetzung bekommt", sagte er.

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