Eine Corona-Gesichtsmaske liegt am Straßennrand im Herbstlaub.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

Bund-Länder-Konferenz am Dienstag

Corona-Inzidenz als einziger Maßstab für Beschränkungen? Experten fordern Abkehr

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Bei der Ministerpräsidentenkonferenz geht es um die Corona-Maßnahmen für den Herbst. Experten fordern eine Abkehr von der Inzidenz als einzigen Faktor für Einschränkungen.

Beim Corona-Gipfel von Bund und Ländern diskutieren die Länderchefs seit Dienstagmittag unter anderem über die Sieben-Tage-Inzidenz als ausschlaggebendes Maß für Einschränkungen oder Lockerungen. Mit der Zunahme der Corona-Impfungen gibt es vermehrt Kritik daran. So sieht auch der Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes die Inzidenzen als Richtwert für Corona-Maßnahmen kritisch. Seiner Meinung nach hätten schon längst andere Faktoren einbezogen werden müssen, sagte er in einem Interview mit dem SWR am Montag. "Die Kopplung an die Sieben-Tage-Inzidenz ist in mehrfacher Hinsicht ungeeignet. Sie war schon immer nicht perfekt, aber jetzt wird sie wirklich falsch, weil sie weitgehend entkoppelt ist von den Krankenhauseinweisungen, den schweren Verläufen, aber auch den Todesfällen."

Der Grund dafür sei der positive Effekt der Impfkampagne und eine hohe Impfquote bei sogenannten vulnerablen Gruppen wie älteren Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen. "Die Gefahr ist lange nicht mehr so groß wie im vergangenen Herbst und das muss entsprechend berücksichtigt werden und ich sehe nicht, dass das auf einem fachlich angemessenen Niveau gemacht wird."

Robert-Koch-Institut hält an Inzidenz als wichtigstem Faktor fest

Der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hatte sich laut einem Bericht der "Bild"-Zeitung von Ende Juli jedoch dafür ausgesprochen, weiterhin an der Inzidenz als "Leitindikator" für die Entwicklung in der Corona-Pandemie festzuhalten. Die Haltung des RKI trifft bei Medizinstatistiker Antes auf Unverständnis. "Wenn das Robert-Koch-Institut vor zwei Wochen aus meiner Sicht völlig unverständlicherweise noch einmal betont, dass es sich weiterhin an der Inzidenz orientieren will, weil das der Frühindikator ist, dann würde ich sagen, ist das fachlich ein unverzeihlicher Fehler."

Dass bereits jetzt wieder über Lockdowns nachgedacht werde, hält Antes darüberhinaus für verantwortungslos. Die Politik tue so, als hätte sich nichts geändert. "Es wird keine Welle in der Form geben, die mit vorher vergleichbar wäre. Wir müssen jetzt damit umgehen, wie die Bedingungen heute sind und das ist nicht so wie im letzten Herbst und das muss berücksichtigt werden." Dass es im Jahre 2021 nicht möglich sei, in Echtzeit die Krankenhauseinweisungen von Corona-Erkrankten zu erfassen, sei aus seiner Sicht "unglaublich" und er sehe auch nicht, dass das von der Politik gefordert werde.

"Die Ministerpräsidenten bleiben dabei, dass sie keine Linie haben und konzeptlos sind."

Antes bemängelt auch, dass Geimpfte, Getestete und Genesene über Corona-Tests gleichgesetzt werden sollen. Die Durchführung von Tests durch Laien ohne Qualifikation sind für ihn ein besonderer Schwachpunkt in der Corona-Strategie. "Diese Mischung aus PCR-Test und Schnelltest auf der einen Seite und ein völlig konzeptloses Gemischttesten von symptomatischen und asymptomatischen Personen auf der anderen Seite ist eine toxische Mischung für Erkenntnisse", so Antes.

SWR Datenjournalist | 14.5.2021 Johannes Schmid-Johannsen

Wertet alle verfügbaren Corona-Daten aus und bemüht sich um ein möglichst wirklichkeitsnahes Bild | SWR1 Leute  mehr...

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Datenjournalist Schmid-Johannsen: Politik fehle es an exakten Daten

"Wir haben eine große Lücke für den Herbst: Wir wissen nicht genau, in welchem Ort wie viele Menschen geimpft sind. Ohne diese exakten Daten kann die Politik nur pauschale Maßnahmen gegen eine vierte Welle ergreifen", sagt SWR-Datenjournalist Johannes Schmid-Johannsen mit Blick auf die Ministerpräsidentenkonferenz. Aus seiner Sicht könne die Politik nicht auf die Inzidenz als Faktor für Corona-Maßnahmen verzichten, da es bislang keinen anderen Indikator als Maßstab gebe. "Die Meldung für einen positiven Corona-Test funktioniert mittlerweile, während andere Daten immer noch mangelhaft erfasst werden. Zum Beispiel die Einweisungen von Covid-19-Patienten ins Krankenhaus", so Schmid-Johannsen.

Kretschmann und Weil gegen kostenlose Corona-Tests

Die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Niedersachsen, Winfried Kretschmann (Grüne) und Stephan Weil (SPD), haben sich bereits im Vorfeld dafür ausgesprochen, Corona-Tests künftig in der Regel nicht mehr gratis anzubieten. "Ich halte es ausdrücklich für richtig, dass Ungeimpfte ab dem Herbst ihre Tests selbst bezahlen müssen. Bis dahin hatte jeder die Möglichkeit, sich kostenfrei impfen zu lassen", sagte Weil dem Berliner "Tagesspiegel".

Kretschmann sagte der "Stuttgarter Zeitung" am Montag: "Auf Dauer wird die öffentliche Hand die Tests nicht finanzieren können. Das ist auch eine Frage von fairer Lastenverteilung, denn es gibt ja ein kostenfreies Impfangebot für alle."

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Kretschmann: Brauchen neuen Umgang mit Freiheiten und Beschränkungen

Angesichts steigender Infektionszahlen erhofft sich Kretschmann von der Ministerpräsidentenkonferenz eine klare Linie, wie es im Herbst weitergehen soll. "Es ist richtig, dass wir mit dem Fortschreiten der Impfquote zu einem neuen Umgang mit Freiheiten und Beschränkungen kommen müssen. Dabei gilt grundsätzlich: Einschränkungen bei Geimpften und Genesenen werden wir zu großen Teilen aufheben", erklärte er. Für Nichtgeimpfte werde man wegen des höheren Ansteckungsrisikos den Zugang zu Veranstaltungen oder Einrichtungen "weiter an Bedingungen knüpfen". Maßnahmen wie die Maskenpflicht in Bussen und Bahnen werde man aber "sicher erst mal beibehalten".

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