Ab dem 3. April fallen in Deutschland beinahe alle Corona-Regeln weg. Die Maske, als ein Symbol der Pandemie, muss in Innenräumen nun nicht mehr getragen werden. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst)

Konstanzer Psychologin im SWR-Interview

Wegfall der Corona-Regeln: "Problematisches Signal an die Gesellschaft"

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Am 3. April fallen in BW fast alle Corona-Regeln. Welche Wirkung das auf die Menschen haben kann, erklärt Psychologin und Verhaltensökonomin Katrin Schmelz von der Uni Konstanz.

Zu keinem Zeitpunkt der zweijährigen Corona-Pandemie war die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland, in Baden-Württemberg so hoch wie in den vergangenen Wochen. Und doch scheint das Virus für viele Menschen seinen Schrecken verloren zu haben. In Innenstädten, Discotheken oder Fußballstadien drängen sich die Menschen dicht an dicht. Andere Bürgerinnen und Bürger sorgen sich vor dem 3. April, an dem die meisten Corona-Regeln fallen. Was diese Kehrtwende der Politik bei den Menschen auslöst und welch fatales Signal damit auch mit Blick auf eine mögliche Impfpflicht gesendet wird, erläutert Katrin Schmelz, Psychologin und Verhaltensökonomin am Exzellenzcluster zur "Politischen Dimension der Ungleichheit" an der Universität Konstanz, im Gespräch.

Katrin Schmelz ist Psychologin und Verhaltensökonomin an der Universität Konstanz. Derzeit forscht sie zur Impfpflicht und zu Entscheidungsfindungen während der Pandemie. (Foto: Universität Konstanz)
Katrin Schmelz ist Psychologin und Verhaltensökonomin an der Universität Konstanz. Derzeit forscht sie zur Impfpflicht und zu Entscheidungsfindungen während der Pandemie. Universität Konstanz

So sei es wenig verwunderlich, dass viele Menschen bereits seit mehreren Wochen wieder etwas entspannter mit der Pandemie umgehen. Die Ankündigung von Lockerungen sende das Signal der Entspannung. Hinzu komme, dass die Menschen immer wieder hören, dass die Omikron-Variante nicht so gefährlich sei wie frühere Varianten. "Da gehen die Warnungen zu einem Ohr rein und zum anderen raus. Jetzt haben wir wirklich das Problem, den Menschen zu vermitteln, warum man sich noch zurückhalten sollte", sagt Schmelz.

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Darüber hinaus schaue der Mensch immer zu anderen in seinem Umfeld. Wenn einige beginnen, nicht mehr alles ganz so streng zu sehen, würden andere nachziehen, meint die Verhaltensökonomin: "Wenn die Leute beobachten, dass andere nicht kooperieren, lässt das auch beim Einzelnen nach. Da bröckelt die Kooperation."

Eigene Erfahrungen spielen wichtige Rolle

Allerdings komme es auch stark darauf an, welche eigenen Erfahrungen man gemacht habe, erklärt die Psychologin. Wenn die Menschen in ihrem nahen Umfeld gesehen hätten, dass es bei Omikron milde Verläufe gibt, sorge das für Entspannung. Wenn aber das Gegenteil der Fall sei, präge sich die Zurückhaltung noch weiter aus. "Es gibt Untersuchungen die zeigen, dass sich die Leute vorsichtiger verhalten, wenn sie in ihrem Umfeld Personen haben, die auch an Omikron schwer erkrankt sind", sagt Schmelz.

Lockerungen sind falsches Signal für die Impfpflicht

Da die Verhaltensökonomin derzeit auch zu einer möglichen allgemeinen Impfpflicht forscht, die aktuell zwar für alle Menschen ab 18 Jahren in Deutschland immer unwahrscheinlicher wird und wohl eher für gewisse Altersgruppen kommen könnte, weiß sie, was die bevorstehenden Lockerungen nun in der Bevölkerung bewirken könnten. "Das wird die Akzeptanz einer Impfpflicht nicht verbessern. Es wird als Signal der Entwarnung aufgefasst, da scheint eine Impfpflicht für viele widersprüchlich", sagt Schmelz.

Wenn dann aber eine Impfpflicht für größere Teile der Bevölkerung komme, werde es auch Widerstand geben. Um diesem inhaltlich zu begegnen, sei die umfassende und fachlich-fundierte Aufklärung beim Impfen besonders wichtig. "Die Überzeugungen können sich ändern, aber es ist viel schwieriger als vor einem Jahr", stellt die Psychologin fest.

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Eine gespaltene Gesellschaft sieht Schmelz dennoch nicht. Es gäbe einen großen Konsens in der Bevölkerung über den Umgang mit der Pandemie. Da jedoch eine kleine Minderheit sehr lautstark auftrete, vermittele das manchmal ein anderes Gefühl. Umso wichtiger sei ein rücksichtsvolles Miteinander. "Wir sind in einer gesellschaftlichen Phase, in der es ganz viel Toleranz braucht. Jeder hat seine eigene Situation und seine eigene Geschichte", sagt die Psychologin.

Ukraine-Krieg überlagert Impfpflicht-Debatte

Beim Zusammenfinden könne, so traurig es klingt, auch der Ukraine-Krieg helfen. Die Besinnung auf die gemeinsamen Werte mit der klaren Ablehnung des Krieges und einem gemeinsamen Feindbild seien dabei sehr hilfreich, so die Psychologin. Lange Zeit habe das Thema Corona alles andere dominiert. Mit dem Krieg in der Ukraine habe sich das etwas verschoben.

Nicht nur deshalb glaubt Schmelz, dass sich die Bürgerinnen und Bürger nach zwei Jahren Pandemie schrittweise auch wieder an die neue Lebenssituation mit weniger Regeln und Auflagen gewöhnen werden. "Man wird relativ schnell die Erfahrung machen, dass eine Party etwas Schönes ist und wieder hingehen", sagt sie.

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