Das Symbol der Luca-App ist auf einem Smartphone zu sehen. Die App dient der Datenbereitstellung für eine mögliche Kontaktpersonennachverfolgung (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christoph Soeder)

BW nutzt App seit dem Frühjahr

Kontaktnachverfolgung? Ministerium hat keinen Überblick über Wirksamkeit der Luca-App

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Die Luca-App soll in Baden-Württemberg dabei helfen, Kontakte nachzuverfolgen. Doch das Gesundheitsministerium hat offenbar keine Kontrolle darüber, ob dies wirklich funktioniert.

Gut drei Monate nach Einführung der Luca-App hat das baden-württembergische Gesundheitsministerium keinen Überblick darüber, wie viele Kontakte damit nachverfolgt werden konnten. Das Land hatte die App im Frühjahr ohne Ausschreibung und Wettbewerbsverfahren für 3,7 Millionen Euro erworben.

Konkrete Zahlen über die Kontaktnachverfolgung mit der Luca-App seien nicht vorhanden, teilte das Ministerium auf SWR-Anfrage mit. Darüber habe man keinen Überblick. Es sei allerdings hilfreich, dass die Gesundheitsämter damit Daten digital erhalten und nicht mehr von Hand in die jeweiligen Programme eingeben müssen. Das Ministerium hatte den 3,7 Millionen Euro teuren Kauf der App damit begründet, dass die Kontaktnachverfolgung erheblich erleichtert werde. Allerdings ist es verwunderlich, dass man trotzdem gerade in den Gesundheitsämtern nicht weiß, wie viele Kontakte nachverfolgt werden.

Das baden-württembergische Gesundheitsministerium verteidigt den Einsatz der App und meinte, die Einführung sei zusammen mit Kommunen und Verbänden gut gelaufen. Immer wieder hört man allerdings, dass nicht alle Gesundheitsämter bereit sind, sich auf die neue Technik einzulassen. Es soll Ämter geben, die noch nie die Daten über die App abgefragt haben.

FDP kritisiert Nutzung der Luca-App

Seit 1. Mai ist das digitale System in allen 38 Gesundheitsämtern in Baden-Württemberg im Einsatz, seither gab es knapp 68.000 Corona-Neuinfektionen. Die oppositionelle FDP kritisierte, dass nicht ermittelt werde, inwieweit eine Kontaktnachverfolgung mittels der App betrieben werde. Es werde immer klarer, dass man wegen des prominenten Marketings zur Luca-App gegriffen habe und nicht wegen der Qualität der App, so der FDP-Abgeordnete Daniel Karrais gegenüber dem SWR. Wenn die App am Ende nur ein Papierkontaktformular in digitaler Form sei, dann sei sie zu teuer gewesen, so Karrais. Zumal die Corona-Warn-App und andere Anbieter deutlich günstiger gewesen wären.

Die Corona-Warn-App, die im Auftrag der Bundesregierung entstanden ist, sei datenschutztechnisch eindeutig die bessere Alternative gegenüber der Luca-App, hatte Markus Beckedahl von der Online-Plattform netzpolitik.org bereits im April im SWR gesagt. Hier können Sie das ganze Interview nachhören.

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Hessen hatte um Prüfung der Luca-App gebeten

Das Bundesinnenministerium hatte nach Kritik bereits zu Wochenbeginn angekündigt, die Luca-App nicht umfassend durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) untersuchen lassen zu wollen. Zuvor habe das Land Hessen das BSI gebeten, eine umfassende Quellcode-Prüfung der Luca-Anwendung vorzunehmen, teilte das Ministerium auf Anfrage mit und bestätigte damit einen Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel".

Die Luca-App soll die Zettelwirtschaft ersetzen, die bei einer analogen Erfassung der Besucher von Restaurants, Ausstellungen und anderen Events entsteht. Der Hersteller konnte unter anderem den Rapper Smudo von den Fantastischen Vier als Fürsprecher gewinnen. Fanta4-Kollege Thomas D unterstützte Smudo im Interview mit den "Stuttgarter Nachrichten". "Er hat sich viel Kritik ausgesetzt von Datenschützern und von Menschen, die glauben, wir wollten nur die Daten oder das Geld. Tatsache ist: Das war viel Arbeit, wir sind mit dem Ergebnis zufrieden und haben noch keinen Cent gesehen. Darum ging es auch nicht."

Die Diskussion zum Thema Datenschutz kann er nicht nachvollziehen, da die Menschen ihre Daten mittlerweile nahezu überall angeben, beispielsweise bei Google oder Whatsapp. "Die Luca-App war immer so sicher wie möglich, und wir haben ständig nachgebessert." In den vergangenen Wochen und Monaten mussten die Macher der App allerdings immer wieder Schwachstellen schließen, die Datenschützer und Aktivisten des Chaos Computer Clubs entdeckt hatten.

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